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Oschatz Kathleen Hennig aus Bad Düben ist Deutschlands beste Seilerin
Region Oschatz Kathleen Hennig aus Bad Düben ist Deutschlands beste Seilerin
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07:00 23.02.2016
Kathleen Hennig spinnt stets einen guten Faden. Quelle: Wolfgang Sens
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Bad Düben

Handwerk, sagt Kathleen Hennig die im anhaltischen Tornau aufgewachsen ist, inzwischen aber mit ihrem Freund in Bad Düben lebt, sei ihr von frühester Kindheit an vertraut. „Ich wusste eigentlich schon immer, was ein Hammer, Schraubenzieher und vor allem, was eine Maurerkelle ist.“ Denn ihr Vater ist Maurer. Und als Papakind sei sie, noch mit der Nuckelflasche ausgerüstet, mit ihm auch auf die eine oder andere Baustelle gezogen.

Dass es für sie auch beruflich ins Handwerk geht, das hätten ihre Lehrer aber früher als sie gewusst. „In der Fachoberschule Bitterfeld mit dem Schwerpunkt Sozialwesen ist ein zehnwöchiges Industriepraktikum vorgeschrieben, um auch die andere Seite der Berufswelt kennenzulernen“, erzählt Kathleen Hennig. „Da wollte ich aber nicht irgendwo nur Ware auspacken oder so.“ Deshalb stand nach einem Familiengespräch für sie fest, es bei der Seilerei Voigt zu versuchen. Sie wurde genommen. Und selbst fünf Jahre später beginnen ihre Augen zu glänzen, wenn sie von dieser Zeit spricht.

Ursprünglich wollte die 22-Jährige Grundschullehrerin werden. Doch ein Praktikum änderte ihren Berufswunsch. Jetzt hat sie sich im bundesweiten Seiler-Wettstreit durchgesetzt – auch gegen viele Männer.

Ein Großauftrag sei damals reingekommen, jede Hand wurde gebraucht. „Los, probier doch mal das mit dem Spleißen“, hieß es damals. Spleißen bedeutet, an einem Seil Schlaufen herzustellen und das Ende wieder im Seil zu verstechen - was Kathleen damals tatsächlich gepackt hat. Und die angefertigte Praktikumsmappe ließ ihre Lehrer schon damals vermuten: „Du wirst bei der Seilerei bleiben.“

Ferienjobs folgten und als Holger Voigt die frisch gebackene Abiturientin fragte, ob sie nicht die Ausbildung im Unternehmen machen will, war alles klar. Im Herbst 2012 war Kathleen Hennig die erste Frau, die in dem 65 Mitarbeiter zählenden Unternehmen die Seiler-Lehre begann. Drei Jahre ist sie ab Herbst 2012 dann regelmäßig zum Blockunterricht nach Münchberg im bayrischen Oberfranken gefahren, hat dort mit zwölf Jungs und zwei Mädchen zusammen gelernt. „Dass mich die Seilerei Voigt, anders als ich das bei meinen Mitschülern miterlebt habe, in meiner Praxiszeit dann auch in ein Drahtseilwerk, eine Flechterei und eine Netzfabrik schickte, das hat mir sehr geholfen“, schätzt sie dankbar ein.

Heute ist Kathleen in dem Familienunternehmen die einzige ausgebildete Seilerin. „Frauen in dem Beruf sind leider immer noch selten, auch wenn meine Mutter früher als Seilerin gearbeitet hat und wir auch schon mal eine angestellte Seilerin hatten“, berichtet Holger Voigt. Von Letzterer bekam Kathleen Hennig jedenfalls mit, dass das mit den Seilen auch Frauen schaffen. Ihr Chef stimmt da uneingeschränkt zu. „Wir haben ein breites Spektrum, da können wir auch gucken, was zu wem passt, wem die dicken schweren Drahtseile liegen oder wer lieber knifflige kreative Sachen macht.“

Dieser Hohlspieker wird zum Spleißen benötigt. Damit kann eine Schlaufe entstehen, die einiges aushält. Quelle: Wolfgang Sens

Das Knifflige und Kreative, das ist auf jeden Fall das Ding der jungen Seilerin. Der Maulkorb für das Pferd an der Landmaschine, das seinem Ökobauern immer die Salatköpfe weggefressen hat, das sei so eine Sache gewesen. „Gemeinsam mit Herrn Voigt habe ich alte Unterlagen gewälzt, dann haben wir Seile gefertigt und poliert und ich durfte dann den Maulkorb stechen, wie es fachlich richtig heißt“, erzählt Kathleen Hennig.

Doch es geht auch richtig groß, weiß die mit 1,79 Meter auch nicht gerade kleine Frau. Für ein Kunstprojekt musste selbst gedrehtes 18 mm dickes Hanfseil zum Netz gestrickt werden. „Da“, so weiß die junge Seilerin, die übrigens das Stricken mit Wolle gerade von der Oma lernt, noch genau, „musste einer von uns die Nadel halten, während ein anderer den Knoten machte.“

Gut erinnern kann sie sich auch noch an die Tor- und Fangnetze, die für einen Film über die Bayern-München-Legende Kurt Landauer bestellt wurden. „Einen Großteil der Hanfnetze durfte ich damals knüpfen, obwohl ich da noch ziemlich am Anfang der Ausbildung stand.“

Sie liebt die Herausforderung. So hat sie für ihr Gesellenstück, das zugleich Bestandteil des bundesweiten Leistungswettbewerbes war, einen Hängesessel kreiert. „Das ist de facto eine Hängematte zum Sitzen. Irgendwann soll der Sessel mal in dem Wintergarten eines Hauses hängen, das ich erst noch mit meinem Freund bauen will“, verrät sie. Mit dem Gesellenstück, dessen synthetische Faserseile selbst gedreht sind und das auch in zweiwöchiger Heimarbeit entstand, hat sie jedenfalls nicht nur ihre in Seile verliebte Katze Fiona begeistert, sondern auch die Juroren überzeugt.

Das galt auch für die anderen Wettbewerbsaufgaben wie Drahtseilspleiß und -gehänge oder Faserseilspleiß aus synthetischem Seil mit Zierknoten. Sie kann was und weiß das. So bewarb sie sich inzwischen erfolgreich um ein Stipendium der Begabtenförderung. „Damit ist meine noch in diesem Monat beginnende Meisterausbildung finanziell gesichert.“

Denn sie will sich weiter entwickeln, auch wenn sie zunächst erst einmal nur darauf setzt, dass aus der derzeit noch befristeten Anstellung eine feste wird. Abseilen will sie sich jedenfalls nicht, auch weil bei der Seilerei Voigt weiterhin spannende Aufgaben in Aussicht stehen. So werde gerade über die Teilnahme an einem Forschungsprojekt in Vietnam verhandelt, das dem vom Aussterben bedrohten roten Thunfisch helfen soll, in Aquakultur zu überleben. „Dafür“, so Kathleen Hennig, „werden bestimmte Netze gebraucht. Diese müssen Nässe aushalten, UV-beständig, aber auch riss- und beißfest sein. Bei diesem Projekt mitzumachen, das kann ich mir gut vorstellen.“ Ihr Chef sieht das genauso: „Ja, das wäre eine Arbeit für Kathleen.“ Denn auch er möchte nicht, dass sich seine Bundessiegerin abseilt.

Von Ilka Fischer

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