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Oschatz Keine Portalpraxis für Oschatz: Für Patienten bleibt trotzdem alles gleich
Region Oschatz Keine Portalpraxis für Oschatz: Für Patienten bleibt trotzdem alles gleich
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00:32 21.05.2018
Die Collm Klinik in Oschatz. Quelle: Hagen Rösner
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Oschatz

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Sachsen wird in einem Pilotprojekt mehrere Kliniken mit sogenannten Portalpraxen ausstatten. In Nordsachsen entstehen diese in Torgau, Delitzsch und Eilenburg – jedoch nicht in Oschatz. Collm-Klnik-Geschäftsführerin Sabine Trudel und Aufsichtsratsmitglied Stefan Härtel reagieren im OAZ-Interview auf einen Leserbrief, in dem Sorgen über die Schließung der Notaufnahme geäußert wurde.

Am 12. Mai berichteten wir darüber, dass Oschatz bei der Einrichtung sogenannter Portalpraxen leer ausgeht. Am Dienstag folgte einen Leserbrief, in dem ein Stadtrat kritisierte, er habe erst aus der Zeitung erfahren, dass nun Notfälle in der Oschatzer Region „erst nach einer 35 Kilometer langen Fahrt nach Torgau behandelt werden“. Wurde da etwas durcheinander gebracht?

Sabine Trudel: Ja, das sind zwei verschiedene Themen. Das eine ist die Notaufnahme in ein Krankenhaus. Hier hat der Gesetzgeber nun vorgegeben, dass die Kliniken bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen. Da sind wir als Collm-Klinik sehr gut aufgestellt. Wir haben alle baulichen, technischen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen, um die Notaufnahme in ihrer bisherigen Form fortführen können.

Das andere betrifft die sogenannte hausärztliche Notfallversorgung nicht lebensbedrohlicher Fälle. Die Absicht der KV ist es, den Patientenzulauf an ambulanten und eigentlich hausärztlichen Fällen im KV-Bereitschaftsdienst zu belassen und damit die Notaufnahmen zu entlasten. Dazu bedient sich die KV eines Modells, das schon in anderen Bundesländern umgesetzt wird, indem sie sogenannte Notfallpraxen an den Kliniken einrichtet. Dort arbeiten niedergelassene Ärzte, ein weiterer Arzt übernimmt erforderliche Hausbesuche. Dieses Projekt soll nun auch hier getestet werden. Das betrifft jedoch allein die ambulanten und nicht krankenhauspflichtigen Patienten.

Die KV möchte diese Dienste zentral absichern, damit solche Patienten nicht mehr in die Notaufnahme, sondern zum KV-Dienst ins Krankenhaus gehen. Was der Leser hier schreibt, ist die Annahme, dass Patienten im Notfall nicht mehr in Oschatz behandelt werden und nach Torgau fahren müssten. Das ist aber nicht der Fall. Unser Krankenhaus ist weiterhin für jeden offen, der in Not gerät. Für die Collm-Klinik ändert sich bei beiden Themen also gar nichts.

Diese Notfallpraxen werden auch Portalpraxen genannt. Welche Vorteile haben die?

Stefan Härtel: Die KV mietet sich mit diesen Praxen in Kliniken ein. Beispiel: Sie fallen von der Leiter und Ihnen tut der Arm weh. Sie wissen nicht, ob er gebrochen ist. In einer normalen Praxis steht aber nicht unbedingt ein Röntgengerät zur Verfügung – in der Klinik schon. Der Vorteil für die Klinik ist, dass die Husten-Schnupfen-Heiserkeit-Patienten nicht mehr in der Notaufnahme sitzen, sondern ein Wartezimmer weiter in der Portalpraxis. Und da jeder niedergelassene Arzt in Sachsen Mitglied der KV ist, nehmen auch spezialisierte Ärzte an dieser neuen Notfallversorgung teil.

Trudel: Wenn Untersuchungen nötig sind, die eine spezielle Medizintechnik beanspruchen, verkürzen sich so die Wege. Deshalb befürworten wir dieses Projekt an sich außerordentlich und bieten schon seit längerem auch im Einvernehmen mit niedergelassenen Ärzten der Region die Räumlichkeiten an.

Die Notaufnahmen sollen also im Wesentlichen von weniger dringenden Fällen entlastet werden?

Härtel: Ja, es findet keine Einschränkung für die Patienten statt. Ein Krankenhaus ist zur Behandlung stationärer und ambulanter Fälle da. Eine Portalpraxis versorgt nur ambulante Notfälle. Wenn einmal mehrere Notfälle gleichzeitig reinkommen, ist das Team der Notaufnahme gebunden. Dann warten die Patienten sehr lange Zeit, bis sich jemand um sie kümmern kann.

Mit den Portalpraxen erspart man den Patienten das. Im Gegensatz zu den Notaufnahmen sind die aber nicht durchgehend geöffnet. Außerdem sind damit immense Fahrzeiten verbunden. Deshalb wird der überwiegende Teil der Patienten aus Oschatz in einer Notsituation höchstwahrscheinlich nicht nach Torgau fahren, sondern hier in die Notaufnahme kommen. Dass wir keine Portalpraxis haben, ändert daran nichts. Das Ganze ist ein Versuch und danach wird man sehen, wie man damit umgeht.

Wie lange wird dieser Versuch dauern?

Trudel: Am 2. Juli soll das Projekt starten und zunächst für ein Jahr laufen. Dazu wird die KV Fahrzeuge und zusätzliches Personal für die Hausbesuche beschaffen. Es muss sich noch herausstellen, welcher Weg dabei der wirtschaftlichste ist. Aber wie gesagt: Das ist ein Thema der KV. Wir versorgen unsere Patienten weiterhin, wenn sie in Not geraten oder über den Rettungstransport zu uns kommen.

Härtel: Unsere Klinik ist technisch so ausgestattet, dass jeder diagnostiziert werden kann. Im Zweifel werden die Patienten dann ins Herzzentrum oder zu anderen Einrichtungen ausgeflogen. Entscheidend ist: Hier werden keine Türen zugemacht. Der Patient muss nur für sich abwägen, welchen Weg er auf sich nimmt.

Frau Trudel, Sie wurden damit zitiert, diese Umsetzung der Reform sei „politisch ganz schlecht“. Wie ist das zu verstehen?

Trudel: Die Patienten müssen weitere Wege auf sich nehmen, was in Hinblick auf die demografische Entwicklung schwierig ist. Zudem bin ich der Meinung, dass diese Form der Organisation teurer ist: Fahrzeuge, Wartungskosten, Logistikzentrum, zusätzlicher Personal- und Materialaufwand.

Härtel: Eine 85-jährige Dame aus einem Dorf hinter Mügeln hat bereits Schwierigkeiten, bis nach Oschatz zu kommen. Wenn sie jetzt auch noch nach Torgau soll, dann muss man konstatieren, dass die Verantwortung für die medizinische Versorgung nicht weg zu delegieren ist. Die liegt für die Menschen der Region Oschatz natürlich in Oschatz. Und das wird unsere Klinik in all ihren Facetten wahrnehmen, vollkommen unabhängig vom Handeln der KV.

Sie haben vorab gegenüber der KV den Wunsch geäußert, dass auch Oschatz Teil des Pilotprojektes wird. Warum hat das nicht geklappt?

Trudel: Als wir gemeinsam mit niedergelassenen Oschatzer Ärzten bei der KV in Dresden vorsprachen, wurde erklärt, dass das anhand der Belastung der Notaufnahmen entschieden wurde. Die Inanspruchnahme der niedergelassenen Ärzte in unserer Region ist höher als rund um Delitzsch, Torgau und Eilenburg. Zwar ist die Inanspruchnahme unserer Notaufnahme weiterhin hoch, aber nach Rechnung der KV der Belastung der Projektkliniken unterlegen.

Härtel: Das hat überhaupt keine Aussagekraft über die Qualität der Kliniken. Es geht rein um die Organisation der ambulanten Versorgung. Wenn viele Arztsitze nicht besetzt sind, dann verteilen sich die Patienten eben in Richtung Krankenhaus. Hier in Oschatz sind fast alle allgemeinmedizinischen Sitze besetzt. Deshalb hat dieses Testprojekt keinerlei Auswirkungen auf die ambulante Versorgung rund um Oschatz. Das, was die Patienten gewohnt sind, bleibt eins zu eins bestehen. Wer in die Portalpraxis nach Torgau fährt, der fährt dort nur hin, wenn er es kann – nicht weil er muss.

Der KSV-Vorstandsvorsitzende Klaus Heckemann sagte, Oschatz sei für eine Portalpraxis „im Gespräch“. Sind Sie optimistisch, dass es doch noch klappt?

Trudel: Ja, wir arbeiten mit den niedergelassenen Ärzten bereits sehr gut zusammen. Ich bin aufgrund unseres Ausstattungsangebots sowie der Ausbildung und des Engagements unserer Mitarbeiter davon überzeugt, dass wir beim nächsten Mal dabei sind. Es bleibt ja nicht nur bei diesen wenigen Pilotkrankenhäusern, zur Zeit sind es acht in ganz Sachsen. Jetzt wurden erstmal die Ecken des Freistaats einbezogen. Es ist dennoch schmerzlich, dass von den vier Krankenhäusern im Landkreis Nordsachen Oschatz nicht dabei ist. Trotzdem wollen wir im Gespräch bleiben.

Härtel: Es ist für alle Beteiligten ein Lernprozess, auch für die KV. Insofern muss man ihnen diese Chance geben. Das ist ein Pilotprojekt und als solches findet immer eine Entwicklung statt. Die wird mit Sicherheit dahin gehen, dass sich die ambulante Versorgung zukünftig stärker an den Krankenhäusern abspielen wird.

Von Christian Neffe

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