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Oschatz Kemmlitzsee: Statt Naherholung gibt es bislang nur Badeverbot
Region Oschatz Kemmlitzsee: Statt Naherholung gibt es bislang nur Badeverbot
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00:27 26.07.2018
Im Fahrplan heißt die Haltestelle bereits anders: „Kemmlitzbach“, das seit 2001 geplante Naturbad wurde hier bereits gestrichen. Quelle: Manuel Niemann
Mügeln

Es liest sich wie aus einem Wirtschaftskrimi: In dem betreibe ein Konzern ähnlich wie in der Dritten Welt rücksichtslosen Raubbau an Land und Menschen. Nur finde das, was Holger Schilke aus seiner Sicht so beschreibt, vor seiner Haustür statt. Die befindet sich in Kemmlitz, wo Schilke nicht nur ein Planungsbüro zur Stadt- und Regionalentwicklung betreibt, sondern auch mit seiner Familie lebt.

Die Geschichte, die Schilke erzählt, ist die einer Enttäuschung, die anhält: Sie handelt von einem Wirtschaftsunternehmen in einer strukturschwachen Region, das laut Schilke seine Interessen immer mit einem Argument durchsetzt: Arbeitsplätze seien in Gefahr.

Tagebau berührt Biografien

„Der Rohstoffabbau durch die Kaolinwerke ist ein Thema, was mich auch als Privatperson seit Jahren bewegt. Als Mensch, der vor über 20 Jahren mit viel Idealismus in diese ländliche Region gezogen ist, hier viel gebaut und saniert, aber auch Familie bekommen hat“, beschreibt er. Für diese Familie hatte er eine Perspektive. Die schloss vor 16 Jahren ein, dass sich in den mittlerweile zu Mügeln gehörendem Ortsteil etwas entwickeln würde: Ein Naherholungsraum mitsamt eines naturnahen Sees, der aus dem Restloch des Tagebaus „Frieden“ der Kemmlitzer Kaolinwerke (KKW) entstehen sollte.

Bislang ohne Erfolg: Holger Schilke engagierte sich mit einer Unterschriftenaktion und einer Privatinitiative für die Erschließung des Kemmlitzsees. Quelle: Manuel Niemann

Als langjähriger Leser hat sich Schilke mehrfach an die OAZ gewandt. Die Artikel, die er gesammelt hat, dokumentieren den Stillstand vor seiner Haustür. Erst kürzlich hat die Landesdirektion Sachsen die Erweiterungspläne der KKW am Tagebau Scheben-Crellenhain genehmigt.

Ein Grund, warum er sich erneut zu Wort meldet. Auch hier verpflichtet sich das Unternehmen zu Maßnahmen gegen Lärm und Staub, aber auch zur Wiedernutzbarmachung nach Ende des Bergbaubetriebs: Versprechen, um in Crellenhain noch näher an die Grundstücksgrenzen heranzurücken. Eine Diskussion, die es schon einmal gab, als das Gebiet neu aufgeschlossen werden sollte und sich bis 150 Meter annähern durfte.

Pläne für See gibt es seit 2001

Im Zuge der Neuaufschließung präsentierten die Kaolinwerke 2001 ein Entwicklungskonzept, weil sie damals eine „zunehmende Verantwortung gegenüber der geschädigten Kulturlandschaft“ um Kemmlitz anerkannten.

Das Konzept stieß im Rat der damals noch eigenständigen Gemeinde Ablaß-Sornzig, auf einstimmige Zustimmung: Dem Bergbau sollte eine lebenswerte Landschaft folgen, die auch Naherholung für die umliegenden, neu betroffenen Gemeinden bieten sollte. Im Zentrum sollte der Kemmlitzsee zum Baden und Schwimmen stehen, zitiert Schilke aus dem Konzept, das er sich seinerzeit kopiert hat.

Abmahnungen statt „blühender Landschaften“

Durch den Bergbau abgeschnittene Wege sollten wieder angeschlossen werden, Parkplätze entstehen, die Döllnitzbahn von einem Haltepunkt aus zu erreichen sein: „Sie haben uns blühende Landschaften versprochen." Die Bahn hat ihre Strecke inzwischen bis nach Kemmlitz ausgebaut. Nur wer nach 16 Jahren nach Naherholung sucht, steht vor verschlossener Tür: Ein Zaun sichert den See.

Wer durchschlüpfe, wurde in der Vergangenheit angesprochen. Mittlerweile sei der Zugang ganz untersagt, lediglich ein Anglerverein hat als Pächter des Gewässers hat Schlüssel zu dem Areal. Auch Parker wurden nach einem anonymen Tipp, erzählt Schilke, schon abgestraft, als der See noch zugänglich war.

Während das Schild an der Bushaltestelle noch auf das „Naturbad“ hinweist, heißt sie im offiziellen Fahrplan des Mitteldeutschen Verkehrsverbunds bereits anders: „Kemmlitzbach“.

Wirtschaftliche und private Interessen treffen aufeinander

Schilke äußert Verständnis, wenn in einer wirtschaftlich angespannten Situation betriebliche Belange Gewicht haben. Einen generellen Vorrang für diese akzeptiert er nicht: Es gehe auch darum, einen Interessenausgleich zu schaffen: Dass diejenigen, die die Nachteile des Bergbaus zu erdulden hatten, berücksichtigt werden.

„Das ist aus meiner Sicht die letzten 20 Jahre überhaupt nicht gelungen“, sagt er. Die jahrzehntelangen Konflikte, die der Kaolinabbau mit sich gebracht habe, kann er kurz zusammenfassen: „Da geht’s um Neuaufschluss von Abbauflächen, da geht’s um Arbeitsplätze und Gewerbesteuer, die das Wirtschaftsunternehmen zahle.“

Dem entgegen stehe der Wertverlust von Grundstücken und Verlust an Lebensqualität von betroffenen Bürgern. Würden deren Interessen keinerlei Berücksichtigung finden, führe das zu Unzufriedenheit und zur weiteren Verödung ländlicher Räume, weil die Leute schlicht dann in die Ballungszentren abwandern werden.

Vertrauen in Politik und Betrieb sinkt

Es gehe um Glaubwürdigkeit und Vertrauen: nicht nur in die gemachten Zusagen, sondern auch die Kommunalpolitik. Nach dem freiwilligen Zusammenschluss gebe es immer noch Stadträte, die damals als Gemeinderäte den Entwurf begrüßten.

„Wenn hier Planungen erstellt und im Gemeinderat vorgestellt worden sind, und der diese in einer Abstimmung einstimmig verabschiedet hat, dann hat das eine Selbstverpflichtung. Dann bin ich der Meinung, dann ist die Gemeinde auch verpflichtet, sich an diese Zusagen zu halten.“

Nicht nur er, sondern auch andere Anwohner haben aufgrund dieser Zusage Lebensentscheidungen getroffen und nicht zuletzt auch in Kemmlitz investiert.

Private Initiative nicht gefragt

Von Seiten der Stadt Mügeln, zu der Kemmlitz inzwischen gehört, kam in der Folge das Argument, sie wolle bei knapper Kasse dem Stadtbad keine Konkurrenz machen. Schilke hält dagegen, das sei nie angedacht gewesen. Allenfalls Baden auf eigene Gefahr sollte am Naturbad möglich sein. Dafür habe es sogar das Angebot einer Privatinitiative gegeben, sich um die Wartung kümmern wollte.

„Ich bin durchaus auch interessiert pragmatische Lösungen zu finden“, sagt Schilke, der zu dieser gehörte. Um aufzuzeigen, dass er nicht der Einzige ist, der mit dem Ist-Zustand unzufrieden ist, hat er Unterschriften gesammelt. Im August 2015 übergab er 431 Unterschriften der Stadt. Doch das führte nicht wie erhofft zu einem Runden Tisch und einer breiten öffentlichen Diskussion. Stattdessen bekamen er und seine Frau nur ein privates Bürgermeistergespräch.

Auch den KKW bot er an, Haftungsrisiken zu übernehmen: „Da gab es keine ernsthafte Reaktion.“ Inzwischen habe er das Gefühl, alles sei eine Hinhaltestrategie, der Betrieb habe vielleicht inzwischen andere Absichten.

Ungewisses Warten auf Ausgang der Prüfverfahren

„Ich habe Gespräche mit der Stadt und den Kaolinwerken geführt, die enden immer mit dem Tenor: ’Es ist alles ganz kompliziert, wir müssen das erst prüfen, warten Sie mal ab.’ Und wenn man sie prüfen lässt, sind vielleicht 50 Jahre vergangen und es kommt nichts raus. Da stimmt das Handeln nicht mit dem Reden überein“, urteilt er.

Es gebe nicht den wahrhaftigen Willen, Lösungen zu finden: „Ich sehe nach wie vor die Kommune in der Pflicht. Ich ärgere mich, dass sie gemachte Zusagen nicht einhält. Selbst wenn sich Private finden, sind das keine aufrichtigen Gespräche.“ Die Menschen vor Ort würden nicht mit eingebunden.

Die, die versuchten, sich einzubringen, sei es müßig oder bleibe der Eindruck, man brauche es nicht, weil Entscheidungen ohnehin in irgendwelchen Hinterzimmergespräche getroffen würden.

Momentan, so formuliert er seinen letzten Stand überspitzt, werde geprüft, „was noch alles im Wege stehen könnte: Man findet immer Gründe“, ist er sich sicher. „16 Jahre nach dem Konzept wird ernsthaft noch geprüft, ob das Gewässer überhaupt zum Baden geeignet sei“, beißt sich Schilke auf die Lippen.

Kaolinwerke bestätigen Planungen, geben aber keine Prognose

Es braucht keinen Hinterzimmerzugang, um die KKW zu fragen: Was wird aus dem Kemmlitzsee? Haben die Kaolinwerke noch vor, den See wie versprochen zu öffnen? Oder gibt es inzwischen ein neues Konzept?

Zumindest verneinen die Kaolinwerke es auf OAZ-Anfrage nicht, dass der See zukünftig der Erholung dienen soll: „Wir sind mit allen Akteuren im Gespräch“, sagt Thomas Pütter. Er leitet die Rechtsabteilung der Quarzwerke Gruppe in Frechen bei Köln, zu denen die KKW gehören. „Wenn wir uns das nicht vorstellen könnten, würden wir es nicht planen“, erklärt er.

Es sei jedoch nicht der Anspruch der Quarzwerke, einfach ein Schild aufzustellen, das das Baden auf eigene Gefahr erlaube: „Es ist normiert, was als Badestätte ausgewiesen werden kann. Als Grundstückseigentümer sind wir in der Verantwortung, wenn jemand ertrinkt“, sagt der Jurist und verweist auch auf die Erfahrungen, die mit einer Betreibergesellschaft an einem anderen Standort gemacht worden seien.

Stadt soll für Ordnung sorgen

Für Kemmlitz sei nach wie vor geplant, die Stadt als Ordnungsbehörde mit ins Boot zu holen. Damit würden die Hoheitsrechte in eine öffentliche Trägerschaft übertragen. Doch Pütter kennt auch das Argument vonseiten der Stadt, die dem Stadtbad keine Konkurrenz machen möchte.

Neben der ungeklärten Frage der Haftbarkeit verweist er auf weitere: Er spricht von einem ganzen „Rattenschwanz von Interessenlagen“. Etwa was die Parkplatz- und Verkehrssituation, die Sanitäranlagen und mögliche Rettungswege angehe.

Zudem sei der Endwasserstand noch nicht erreicht, da die Werke derzeit noch Wasser entnehmen. Außerdem stehe das Gebiet noch unter Bergbauaufsicht und ein Überlaufbauwerk sei für die Zeit danach noch zu bauen.

„Wir betreiben diese Planungen ernsthaft“, versichert er, „aber eine endgültige Prognose, wann der See freigegeben werden kann, kann ich nicht machen. Dazu ist das Thema zu komplex.“

Von Manuel Niemann

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