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Oschatz Kinderklinik in Wermsdorf auf Psychosomatik spezialisiert
Region Oschatz Kinderklinik in Wermsdorf auf Psychosomatik spezialisiert
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06:00 05.01.2017
Chefarzt Prof. Dr. Thomas Richter kümmert sich gemeinsam mit Oberärztin Dr. Birgitt Meier, Stationsärztin Nadine Domke und Psychologin Jaennette Kodytek (v.r.) um die kleinen Patienten in Wermsdorf. Quelle: Foto: Dirk Hunger
Wermsdorf

Seit die Entbindungsstation der Oschatzer „Collm Klinik“ geschlossen ist, fehlt der Kinderklinik im Fachkrankenhaus Hubertusburg in Wermsdorf häufig der Kontakt zu jungen Eltern. Schließlich haben die Pädiater aus Wermsdorf jahrelang mit den Kollegen in Oschatz zusammengearbeitet und Neugeborene in der „Collm Klinik“ betreut. „Wir haben im Bedarf die Entbindung mitbetreut, die Vorsorgeuntersuchung U1 übernommen und häufig auch noch die U2. Bei der Gelegenheit haben wir die Mütter schon auf die Kinderklinik in Wermsdorf hingewiesen. Hier finden die Eltern rund um die Uhr Hilfe, auch mitten in der Nacht“, beschreibt Prof. Dr. Thomas Richter, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Fachkrankenhaus Hubertusburg. „Das war eine Verbindung, die es jetzt nicht mehr gibt. Und manchmal scheint es mir, als wüssten Eltern gar nicht, dass sie mit ihren Kindern in Wermsdorf Hilfe finden können“, hat er beobachtet.

Auf psychosomatische Erkrankungen spezialisiert

Dabei sei man nicht nur für die allgemeine Kinderheilkunde zuständig, sondern neben der Akutversorgung auch auf psychosomatische Erkrankungen spezialisiert, unterstreicht Oberärztin Dr. Birgitt Meier. Gerade im Fall der Psychosomatik sei man überregional tätig, selbst aus Leipzig, Halle oder dem Erzgebirge werden junge Patienten nach Wermsdorf überwiesen. Zehn Betten stehen auf der Station dafür zur Verfügung und werden auch gebraucht, so die Medizinerin. Schon oft habe man erlebt, wie Kinder, die zunächst über Bauchschmerzen klagen, anhaltende Schmerzen bekommen und monatelang nicht in die Schule gehen können. Zum Teil, so Birgitt Meier, würden sich Leidensgeschichten über Jahre hinziehen. „Das ist dann nicht nach einer Woche im Krankenhaus getan“, macht sie deutlich. Aber ein multi-modales Therapieprogramm, das von Ärzten, Pychologen und Ergotherapeuten entwickelt wird, sei häufig ein erster Schritt hin zur Besserung.

Manchmal muss Jugendamt weiterhelfen

Im Klinikalltag gebe es außerdem zunehmend Fälle, in denen man zum Schutz des Kindes eingreifen und etwa das Jugendamt informieren müsse, macht Chefarzt Thomas Richter auf einen besonders traurigen Aspekt aufmerksam. „Wir erleben hier Säuglinge, die nur mangelnde körperliche Pflege erfahren oder Jugendliche ohne altersgerechte Fürsorge, die häufig schon Erwachsenenrollen in ihren Familien einnehmen müssen“, beschreibt Psychologin Jeannette Kodytek. Und der Chefarzt berichtet von Müttern, die zwar mit ihren Kindern stationär aufgenommen werden, dann aber kaum im Gespräch mit dem eigenen Nachwuchs, sondern stundenlang vor dem Laptop oder Smartphone sind. Besteht der Verdacht auf körperliche oder emotionale-seelische Misshandlungen, werden die zuständigen Behörden informiert. Kinderschutz habe Priorität, betont Oberärztin Dr. Birgitt Meier, deshalb sei eine gute Zusammenarbeit mit dem Jugendamt wichtig. Die Zahl dieser extremen Fälle habe sich in der Vergangenheit erhöht, so der Chefarzt. „Erst hatten wir sieben solcher Fälle im Jahr, 2015 mussten wir bei 14 Kindern und Jugendlichen aktiv werden, und 2016 liegen wir noch einmal deutlich darüber“, zählt er auf.

Kinder mit Migräne

Konflikte im Elternhaus oder Druck in der Schule seien häufig Auslöser für anhaltende Beschwerden, sagt Birgitt Meier: „Das Kind weiß sich nicht anders als mit Bauchschmerzen zu äußern“, nennt sie ein typisches Beispiel. Dann sei eine umfassende Diagnostik mit allen beteiligten Kollegen wie Ärztin, Therapeuten und Pflegepersonal notwendig, um der Ursache auf die Spur zu kommen. 750 somatischen Fällen, also Patienten, deren Beschwerden organische Ursachen haben, stehen im Jahr etwa 160 psychosomatische Fälle gegenüber. Besorgt beobachten die Fachleute in Wermsdorf, wie Überforderung in der Schule ihren Patienten zusetzt. „Das äußerst sich zum Beispiel mit Migräne schon im Kindesalter, und die Patienten werden immer jünger“, macht die Oberärztin deutlich.

Nur kleine Lobby für Kindermedizin

Da in der Klinik Mädchen und Jungen vom Baby- bis zum Jugendalter behandelt werden, werden auch die Methoden in der Therapie altersgerecht angepasst. Egal ob Neurodermitis, Allergien, Atemnot oder nächtliches Bettnässen – den Kindern selbst soll verständlich erklärt werden, was in ihrem Körper vorgeht. Da hilft es schon einmal, einen Luftballon zur Hand zu nehmen, um zu zeigen, wie die Blase im Körper arbeitet. Um herauszufinden, wo genau der Schuh drückt, sei eine enge Zusammenarbeit zwischen somatischer und psychosomatischer Abteilung Voraussetzung. Das funktioniere nur, weil das kleine Team in der Wermsdorfer Klinik mit viel Herzblut und Engagement arbeite, lobt Chefarzt Thomas Richter seine Mitarbeiter. „Ich wünschte mir, die Lobby für Kindermedizin wäre stärker und wir könnten aus mehr finanziellen Mitteln schöpfen, um den knappen Ressourcen entgegenzuwirken“, so der Professor. Auftrieb gebe es dann, wenn kleinen Schmerzpatienten oder Eltern, die mit ihrem stark fieberndem Kind nachts in der Klinik Hilfe suchen, schnell geholfen werden kann.

Von Jana Brechlin

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