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Kritik an Gießwut auf Friedhöfen

Kritik an Gießwut auf Friedhöfen

Auf deutschen Friedhöfen wird zu viel gegossen. Das wollen Biologen der Universitäten Kiel und Kassel herausgefunden haben und kritisieren, dass das viele Wasser Gräber fluten und dadurch die Verwesung erschweren würde.

Oschatz. Von Kathrin König

Gerade Ende November richten viele Menschen die Gräber ihrer Verstorbenen her und würden zu viel Gießwasser verwenden, sagt der Kieler Biologe Prof. Rainer Horn. Die Folge: Bis zu 40 Prozent der rund 33 000 Friedhöfe in Deutschland hätten mit sogenannten Wachsleichen zu kämpfen. Das sind Leichname, die im Boden nicht verwesen können. Undurchlässige Böden mit zu wenig Sauerstoff und zu viel Sickerwasser von oben konservieren demnach die Leichname.

Vom Begriff "Gießwut" hört die Stadtverwaltung Oschatz bei der OAZ-Anfrage laut Ordnungsamtsleiterin Ulrike Lösch zum ersten Mal. "Das ist in Oschatz kein Thema. Wir möchten uns auch daher an dieser Diskussion nicht beteiligen", sagt sie und fügt hinzu: "Noch eventuell vorhandene Leichen- und Aschenreste werden entsprechend unserer Satzung umgebettet. Dazu gibt es jedoch keine Statistik."

"Ja, das Problem ist bekannt, es wird aber ungern darüber gesprochen. Auch in der Stadt Oschatz", weiß der Friedhofsmeister der evangelischen Kirchgemeinde, Johannes Bachmann. Auf älteren Friedhöfen mit schweren Böden sei zu starkes Wässern überall problematisch. Komplette Wachsleichen kennt der 44-jährige Bachmann noch aus seiner Zivildienstzeit im Chemnitzer Raum. Auch auf Oschatzer Friedhöfen seien in den vergangenen Jahren immer mal wieder unverweste Körperteile gefunden und dann umgebettet worden.

"Es wäre wünschenswert, wenn bei Friedhofsbesuchern das Bewusstsein entsteht, dass Gießen nicht unbedingt förderlich ist", schlussfolgern die norddeutschen Biologen in ihrer Studie. "Das Nichtszutun, ist vielen Angehörigen aber schwer zu vermitteln. Es gibt ja Trauernde, die kommen jeden Tag auf den Friedhof und sehen das Gießen als Dienst für ihren Toten", sagt Friedhofsmeister Johannes Bachmann mit Blick auf die Praxis.

Die evangelische Landeskirche habe das Problem schon vor längerer Zeit erkannt und arbeitet mit sogenannten "grünen Gräbern" in den Friedhofsordnungen dagegen an. "Damit will man weg von Steingräbern mit Kies- oder Sandaufschüttungen, Folien, Steinplatten und Betonumfassungen hin zu offenen Flächen", erklärt Bachmann. Die unverdichteten Graboberflächen sollen mit immergrünen, mehrjährigen Bodendeckern bepflanzt werden, die nicht so stark gegossen werden müssten.

Seit 2007 ist Johannes Bachmann für etwa 550 Grabstellen auf drei Friedhöfen zuständig: Altoschatz, Merkwitz und Lonnewitz. Die langsame Umstellung auf grüne Gräber hatte ihm viel Ärger eingebracht. "Anfangs waren die Leute empört und dagegen. Es gab Gegenwehr. Viele wollten ihre Gräber haben, wie sie es schon immer kannten." Mittlerweile würden aber Angehörige auch einsehen, dass bepflanzte Gräber mit bunten Blumen- inseln sehr schön aussehen können. Und über die Jahre gesehen auch praktisch sind. "Auch wenn Bodendecker beim Kauf erst einmal Geld kosten und zweimal im Jahr beschnitten werden, sinkt der Pflegeaufwand. Es muss viel weniger gegossen und gepflegt werden." Und Reisig-Abdeckungen wie jetzt vor dem Ewigkeitssonntag seien auch nicht mehr notwendig.

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