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Kurt Müller wird 65 und geht als Leiter des Steinbruchs in den Ruhestand

Kurt Müller wird 65 und geht als Leiter des Steinbruchs in den Ruhestand

Wermsdorf.Die Steine und Kurt Müller: Früher hat er sie noch handsortiert, heute weiß er fast intuitiv, wo sie unter der Erde liegen. Seit fast vier Jahrzehnten arbeitet er im Steinbruch Wermsdorf, zuletzt als Leiter.

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Bindung zu den Steinen: Die hat Kurt Müller in den fast vier Jahrzehnten im Steinbruch aufgebaut. Seit rund 17 Jahren gibt ihm ein Tunnel Rätsel auf.

Quelle: Dirk Hunger

Die Steine und Kurt Müller: Früher hat er sie noch handsortiert, heute weiß er fast intuitiv, wo sie unter der Erde liegen. Seit fast vier Jahrzehnten arbeitet er im Steinbruch Wermsdorf, zuletzt als Leiter. Heute wird er 65 Jahre alt. Ein Feiertag, der aber auch vom baldigen Abschied kündet: Am Freitag ist sein letzter Arbeitstag.

 

Als sich der Staub legte, war das Rätsel plötzlich da. 1994 entdeckten Arbeiter bei einer Sprengung im Steinbruch Wermsdorf einen Tunnel. Müller blickte damals in einen dunklen Gang, am Ende lag ein Schacht. "Es ist ein Loch, wo keins sein dürfte. Keiner weiß, warum er angelegt wurde oder wohin er führt. Und das fasziniert mich", so der Wermsdorfer. Hobbyforscher haben sich die Köpfe zerbrochen, manche sind nachts in den Steinbruch geklettert, sogar wertvolle Beutekunst wird hier vermutet. Aber der Tunnel bleibt das Geheimnis des Steinbruchs, in dem Müller seit fast vier Jahrzehnten arbeitet.

Damals war er in seine Heimat Wermsdorf zurückgekehrt, er brauchte wieder festen Boden unter den Füßen. Denn bis dahin spielte sich sein Leben auf dem Meer ab, Müller war Seefahrer. 1946 wurde er in eine Wermsdorfer Familie geboren, die fest im Ort verwurzelt war. Sein Vater war Schmied und besaß eine Tankstelle, seine Mutter Reitlehrerin im Alten Jagdschloss. Der Großvater erzählte oft von seinen Reisen, noch zu Kaiserzeiten war er in Amerika. Da war Müller, noch nicht mal volljährig, Feuer und Flamme. "Da wollte ich auch hin, ich wollte New York sehen. Die Ferne und das Fremde haben mich gereizt." Erstmal stand zwar die Lehre als Tagebaumaschinist in Lauchhammer an, aber er setzte alles daran, zur See fahren zu können. Und 1965 landete er tatsächlich bei der Marine, sein Schiff suchte unter anderem Minen. "Aber das war nichts für mich, ich wollte mit dem Militär nichts zu tun haben: Diese Kommandos den ganzen Tag, nee." Bei der Handelsmarine begann eine traumhaft-aufregende Zeit: Ab 1969 bereiste Müller auf dem Motorschiff Aue des VEB Deutfracht die Welt, unter anderem Russland, Skandinavien, Türkei, Portugal, Tunesien. Während im real existierenden Sozialismus viele davon nur träumten, war er irgendwie frei. "Ich habe in einer anderen Welt gelebt. Für uns gab es keine Feinde, sondern Partner. Das Wort 'Genossen' benutzten wir im Ausland gar nicht."

Die Zeit auf See beschreibt er als unvergesslich. "Man hat so viel kennen gelernt, so viel unterschiedliche Länder gesehen, immer wieder Neues erlebt." Erzählt er von damals, taucht auch der Zuhörer unweigerlich mit in die Vergangenheit ein. Denn Müller erzählt die Geschichten lebendig. Er sieht die Erlebnisse vor sich, als wären sie gestern geschehen, gibt komplette Dialoge wieder und wenn er den Seegang beschreibt, wiegt er sich selbst hin und her. Wie damals, als er über der Reeling hing, während sein Schiff zum ersten Mal auslief. "Ich hatte noch nie die Ostsee gesehen, und ausgerechnet da war mir schlecht. Ein paar Andere wollten tatsächlich sterben", erzählt Müller und muss herzhaft lachen. Auch darüber, als er abhauen und der Heimat den Rücken kehren wollte. "Wir hatten unsere Seesäcke schon gepackt und einen fürstlichen Lohn ausgehandelt, aber da hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Wenn ich meinen Kirchturm zu Hause nicht mehr wiedersehen kann, da werde ich nicht froh."

1971 hatte er genug vom Rumfahren und kam zurück. Er fand Arbeit in der Kiesgrube Luppa, zwei Jahre später kam er in den Steinbruch nach Wermsdorf und hatte gleich keine Lust mehr: "Das waren harte Arbeitsmethoden, nicht so, wie es in der DDR immer propagiert wurde. Die Männer haben die Steine per Hand aussortiert und die Loren beladen. Das waren am Tag bis zu zwölf Tonnen. Das schaffe ich nie, habe ich damals gedacht." Müller schaffte es aber doch, wurde Brigadier, 1985 legte er seine Meisterprüfung ab. Mit der Wende stieg er zum Werksleiter auf. Es kam ein Investor aus der Oberpfalz und 25 Millionen Euro für ein Schotterwerk, das 1993 in Betrieb ging. Steine aus Wermsdorf wurden beim Straßenbau am Schkeuditzer Kreuz eingesetzt, beim Bau der A 38, des Flughafens und der A 14, auch in Baustoffwerke in Oschatz und anderen Orten gingen Splitt und Gesteinsgemisch. 1999 wurden 1,3 Millionen Tonnen rausgefahren, heute, nachdem der Bauboom abgeebbt ist, sind es noch 400 000 Tonnen. Nicht immer war es einfach: Die Wermsdorfer protestierten mit Unterschriften gegen den Steinbruch - er passe nicht in die Landschaft und die Laster fuhren damals zu nah an den Wohnhäusern vorbei. Weil Müller vermitteln wollte, zog er in den Gemeinderat. Der Ärger verflog und mittlerweile füge sich der Tagebau gut in das Gesamtbild ein, so der Wermsdorfer.

Über die Jahre hat er eine Bindung zu den Steinen aufgebaut, besitzt auch eine Gesteinssammlung. "Wenn ich heute über das Gelände gehe oder andere Steinbrüche besuche, kann ich sagen, wo die Steine unter der Erde liegen. Weil beispielsweise Bäume in eine bestimmter Richtung wachsen." Wohin allerdings der Tunnel führt, darüber rätselt er bis heute. Obwohl er weiter ausschachten ließ - 60 Meter lang ist der Gang inzwischen -, und in Archiven Unterlagen gewälzt hat. "Dieses Bauwerk muss eine Bewandtnis haben, weil es mit intensiver Arbeit verbunden gewesen ist. Sicher ist aber nichts Wertvolles zu finden, weil das Gestein wasserdurchlässig ist, da lagert man so was nicht."

Das Rätsel wird Müller auch nicht loslassen, wenn er am Freitag die Tür zu seinem Büro hinter sich schließt und in den Ruhestand geht. Die Nachfolge ist bereits geregelt - Sven Kischio wird Leiter, sein Stellvertreter ist Thomas Weigel. Aber wie man das Rentenalter begeht, weiß Müller noch nicht so genau. "Wie reagiert man auf so eine Änderung? Einfach aufhören, ist nicht einfach. Aber ich werde wohl nicht in ein tiefes Loch fallen." Es gibt im Haus zu tun, im Garten - und dann ist der zweifache Familienvater auch Mitglied im Heimatverein. "Ich hoffe, dass ich intakt bleibe, noch etwas für die Familie tun kann und aus tiefstem Herzen, dass es dem Steinbruch gut geht." Hier wird er ab und zu noch anzutreffen sein: bei Führungen und weil er den Tunnel weiterhin begutachten darf. Und dann sind da auch noch die Bücher: Müller liest viel, interessiert sich für Geschichte. Steht er in Danzig in einer der größten Backsteinkirchen der Welt, entfährt ihm: "Wahnsinn." Aber weiter weg muss es nicht mehr sein. "New York? Nee, da will ich gar nicht mehr hin. Es gibt so viel Schönes in der Nähe."

Lisa Garn

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