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Kurt Starke aus Zeuckritz gilt als Sex-Papst des Ostens – und findet das albern

Soziales Kurt Starke aus Zeuckritz gilt als Sex-Papst des Ostens – und findet das albern

Er gilt als Sex-Papst des Ostens, hat in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen fast 100000 Menschen zu sexuellen Themen befragt. Der bekannte Sexualforscher Kurt Starke (79), der in Zeuckritz (Gemeinde Cavertitz) wohnt, sagt im Interview: Die Liebe wird überleben.

Kurt Starke spricht zur Herzwoche in Oschatz.

Quelle: Frank Hörügel

Zeuckritz. . Er gilt als Sex-Papst des Ostens, hat in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen fast 100000 Menschen zu sexuellen Themen befragt. Der bekannte Sexualforscher Kurt Starke (79), der in Zeuckritz (Gemeinde Cavertitz) wohnt, sagt im Interview: Die Liebe wird überleben.

Sie gelten als Sex-Papst des Ostens. Sind Sie stolz auf diesen Titel?

Den Titel Sex-Papst finde ich albern. Erstens habe ich nichts Päpstliches an mir. Und zweitens hat es in der DDR eine ganze Reihe namhafter Leute gegeben, die sich mit sexueller Aufklärung beschäftigt haben. Sex-Papst meint wahrscheinlich, dass ich derjenige bin, der die ausführlichsten empirischen Untersuchungen gemacht hat. Es kommen immerhin fast 100 000 Leute zusammen, die ich in meinem Leben befragt habe.

Warum sind Sie Sexualforscher geworden?

Natürlich ist mir das in die Wiege gelegt worden (lacht). Im Ernst: Tatsächlich ist das ja kein Wunsch- oder Ausbildungsberuf. Es gibt primäre Sexualforscher, die durch ihre persönliche Situation mit diesem Thema verbunden sind. Und dann gibt es sekundäre Sexualforscher, die hätten auch was anderes machen können – dazu gehöre ich. Ich habe am Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig gearbeitet. Und irgendwann merkten wir, dass man Jugend nicht erforschen kann ohne Liebe, Partnerschaft und Sexualität. Die Ergebnisse waren außerordentlich interessant und reichlich unkonventionell. Zum Beispiel der sogenannte voreheliche Geschlechtsverkehr. Bei unseren Studien stellte sich heraus, dass das absoluter Standard war. Wer sich mit 16 oder 17 verliebte, der wollte dann auch den geliebten Partner küssen – und bisschen mehr. Und kein Mensch dachte daran, bis zur Hochzeitsnacht zu warten.

War die Jugend im Osten in dieser Beziehung freier als im Westen?

Der Ost-West-Vergleich geht mir allmählich auf den Keks. Denn da steckt immer dahinter, dass der Eine besser als der Andere ist und man somit in das politische Fahrwasser der Vorurteile gerät. Wenn jemand sich verliebt, dann verliebt er sich. Ob das in Dortmund oder Nordsachsen passiert, das ist egal. Allerdings gibt es auch Unterschiede, auch wesentliche. Beispiel: Beim Start ins Sexualleben waren die ostdeutschen Frauen die eifrigsten, schnellsten und agilsten. Dann kam eine Weile nichts. Ostdeutsche Jungen und westdeutsche Mädchen waren fast gleichauf. Dann kam wieder eine Weile nichts. Die trägsten, spätesten waren die  westdeutschen Männer. Sie hatten am ehesten Berührungs-, Versagens- und Prestigeängste. Das hat sich aber inzwischen angeglichen.

Welche Forschungsfrage hat Sie in Ihrem Berufsleben am meisten interessiert?

Nicht der Sex im engeren Sinne, der ist ziemlich einfach und trivial – gelegentlich langweilig. Das Interessante ist, unter welchen Bedingungen sich Menschen verlieben und was daraus im Laufe des Lebens wird. Das Hauptfeld, dem ich mich zugewandt habe, ist deshalb das Verhältnis von Sexualität und Partnerbeziehungen und zu Liebe. Das wird in der klassischen Sexualforschung so gut wie nicht erforscht – da kommt das Wort Liebe gar nicht vor.

Die Frage ist Ihnen bestimmt schon oft gestellt worden, darf aber natürlich auch hier nicht fehlen: Was ist guter Sex?

Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, was guter Sex eigentlich heißen soll – und ich kann Ihnen keine Antwort geben. Meint man damit, dass man einen Orgasmus hat? Meint man damit, dass man jeden Tag eine andere Frau hat? Oder dass man die Stellungen beim Geschlechtsverkehr wechselt? Ist das gut, ist das schlecht? Zensuren, die man für einen so komplexen Sachverhalt wie Sexualität gibt, sind vollkommen unsinnig. Natürlich steckt ein gewisser qualitativer Anspruch dahinter. Wenn man mit dem Begriff guter Sex meint, dass man höchstglücklich ist, in den Himmel gehoben wird, dann lasse ich den Begriff gerade noch so gelten.

Sie leben in dem kleinen Dorf Zeuckritz mitten in der Dahlener Heide. Geht es in nordsächsischen Betten – also im ländlichen Raum – anders zur Sache als in Dresden oder Leipzig?

Zu DDR-Zeiten waren die Befunde eindeutig. Es gab so gut wie keine Stadt-Land-Unterschiede. Das hat sich geändert, weil die demografische Zusammensetzung und die Lebenswelten in Stadt und Land sehr verschieden sind. Die sexuellen Milieus mögen in einer Großstadt differenzierter sein als in einem Dorf. Das bedeutet aber nicht, dass es in nordsächsischen Betten langweiliger zugeht. Wenn jemand das Glück hat, den richtigen Partner zu finden, dann ist das in Oschatz, in Zeuckritz oder Leipzig genau so wie in Dresden oder Berlin.

In Nordsachsen ist ja der Altersdurchschnitt der Bevölkerung relativ hoch. Nimmt das Interesse am Sex im Alter ab?

Das Verhältnis von Alter und Sexualität ist eine der kompliziertesten Fragestellungen in meinen Untersuchungen. Tatsache ist, dass sich die Einstellung zur Sexualität im Alter stark verändert hat. Es gibt zwei Extreme: Sexualität im Alter gehört sich nicht, ist peinlich. Oder jeder muss von der Wiege bis zur Bahre sexuell aktiv sein, sonst taugt er nichts. Diese Extreme sind belastend. Dabei vergisst man, dass Sexualität keine Pflicht – im Alter gleich gar nicht – sondern eine Kür ist. Das Liebesleben der meisten Menschen verläuft dazwischen. Sie wollen nicht dazu gezwungen werden, dass sie noch mit 85 allerlei Gymnastik im Bett machen müssen. Aber sie wollen, wenn sie ein sexuelles Gefühl haben, sich nicht dafür schämen müssen.

Sie halten im Rahmen der Herzwochen, die sich in diesem Jahr dem schwachen Herzen widmen, am 15. November einen Vortrag in Oschatz. Müssen Menschen mit schwachem Herzen auf Sex verzichten?

Wenn jemand was mit dem Herzen hat, ist nicht jede Sexualität grundsätzlich ausgeschlossen. Unsere Bilder von Sexualität, mit denen wir groß werden, sind immer an junge, gesunde Menschen geknüpft – und nicht an chronisch Kranke. Es gibt die Meinung: Hauptsache es geht ihm so ganz gut – und Sex ist dann wie ein Luxus. Dass Sexualität ein Lebenselexier ist, wird zu wenig bedacht. So lange der Mensch lebt, hat er ein Sexualleben – und sei es auch ein defizitäres. Das hat ja nicht nur was mit den Genitalien, sondern mit dem ganzen Körper und dem Kopf zu tun. Der Mensch hat seine Bilder im Kopf, er träumt. Das lässt sich nicht verbieten.

Themenwechsel zu Politik und Sex: In Nordsachsen hat die AfD bei der Bundestagswahl die zweitmeisten Zweitstimmen bekommen. Die AfD konnte dabei von Frustrationen und Ängsten Ihrer Wähler profitieren. Sie haben in einem Interview gesagt, dass Angst ein großer Lustkiller ist. Heißt das: Die Nordsachsen haben besonders schlechten Sex?

Ich würde gern über diese abenteuerliche Folgerung lächeln. Aber Angst ist ein zu ernstes Thema. Wir leben in einer angstmachenden Zeit, und Angstmache ist ein uraltes politisches und ideologisches Machtinstrument. Generell gilt: Angst gehört zum Leben dazu – und die meisten finden Gegenstrategien. Zum Beispiel, indem sie Empathie für andere Menschen entwickeln, dass sie von sich wegdenken können. Und dass sie vor allen Dingen jemanden haben, der sie gern hat. Wenn Zwei sich küssen, dann haben die meisten keine Angst, sondern Freude. Wenn ich aber dem Anderen nicht traue, dann taugt der auch nicht dazu, meine Ängste abzubauen.

Nochmal zurück zur Frage: Haben die Nordsachsen nun schlechten Sex?

Nein, einen solchen Befund habe ich nicht, und er ließe sich wohl auch nicht erbringen. Es wäre kurzschlüssig von aktuell verbreiteten Ängsten und Stimmungen, was immer darunter auch gefasst wird, Riesenauswirkungen auf alles und jedes und das gesamte private Leben und jeden Kuss zu erwarten. Wenigstens einen Zusammenhang sehe ich allerdings. Lebensängste, wenn sie nicht aufgelöst werden, sondern sozialpsychologisch verschärft werden, haben die Neigung, sich in Aggression zu transformieren und damit subjektiv erträglicher zu werden. Problematisch wird es dann, wenn das Ganze in Gewalt umschlägt. Wenn sich Menschen entzivilisieren, dann  entzivilisieren sie nicht nur das öffentliche, sondern auch ihr persönliches Leben. Dann sind sie im Sexuellen roh wie auch in der Politik. Zärtlichkeit passt nicht in eine rohe Zeit. Diese emotionale Entzivilisierung, die ich schon beobachte in unserer Welt – tut den Menschen nicht gut.

Warum nicht?

Wenn man dem Menschen das Zärtlichkeitsbedürfnis nimmt, dann verliert er an Menschlichkeit.

Das Ergebnis der Bundestagswahl hat viel mit dem Zustrom von Flüchtlingen seit 2015 zu tun, von denen ein Großteil Muslime sind – und eine sexuell freizügige Gesellschaft wie unsere ablehnen. Ist die Prüderie auf dem Vormarsch?

Wenn sich eine Gesellschaft emanzipiert, neue Frauen- und Männerbilder annimmt und sexuell freizügiger wird, sind Regressionen, die verengte Rückbesinnung auf die alten Ordentlichkeiten nicht auszuschließen. Speziell die Prüderie, das verklemmte Verhältnis zum Sexuellen – und auch das Gegenteil, die schamlose Entintimisierung – scheinen unausrottbar. Die Menschen aus anderen Ländern sind daran nicht schuld. Dass durch die große Zahl von Geflüchteten die Fortschritte im Verhältnis der Geschlechter und in der sexuellen Selbstbestimmtheit gefährdet sind, sehe ich nicht. Dazu sind die Fortschritte zu stark in unserer Lebensweise verankert und die Deutschen auch kritisch genug, und dazu sind auch jene Geflüchteten nicht selten, die die Praktiken und Rituale, denen sie entronnen sind, als unsäglich erkannt haben und ablehnen. Ihre Frage hat aber ein größere Dimension:Viele der Konflikte, die es in der Welt gibt, werden über die und mit Bezug auf die Alltagsgewohnheiten der verschiedenen Gruppen, Völker, Ethnien, Religionen ausgetragen – auch auf sexuellem Gebiet. Sexualität ist sogar ein bevorzugtes Thema, um Unterschiede hervorzuheben und die Menschen gegeneinander auszuspielen. Das ist eine Gefahr, weil dadurch die Neigung zunimmt, das Andere und die Anderen abzulehnen. Dahinter steht oftmals ein zu geringes Verständnis für Traditionen und Gewohnheiten anderer Völker, die vorschnell abgewertet und nicht interessiert und gelassen betrachtet werden. Wenn man – unzulässig verallgemeinert – sagt, die Muslime haben ein ganz anderes Frauenbild, dann darf man niemals vergessen, was in unserem Land für ein Frauenbild geherrscht hat und zum Teil heute noch herrscht.

Sehen Sie einen Ausweg?

Es ist immer das Beste, sich diesen Dingen zu stellen und im praktischen Lebensprozess zu versuchen miteinander auszukommen. Und das gelingt den meisten Menschen hervorragend, so lange sie nicht politisch vergiftet werden. Das beste Mittel, um Misstrauen gegenüber Ausländern abzubauen, ist, dass man mit ihnen zusammen arbeitet und zusammen lebt. Es führt zu nichts, wenn letztlich belanglose Gewohnheiten anderer Menschen abgewertet werden, um die eigene Wichtigkeit zu erhöhen. Das ist immer ein destruktives Element.

Sie sagen, dass beim Frauenbild auch hier noch einiges im Argen liegt. Da passt der derzeitige Skandal um die Missbrauchsvorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein gut ins Bild. Spielt das Thema „Sex für die Karriere“ auch bei uns eine Rolle?

Nordsachsen ist nicht Hollywood. Gewalt gegen Unterlegene ist widerlich. Bei sexueller Gewalt, mehr noch als bei jeder anderen Sorte von Gewalt, schrillen die Alarmglocken besonders, eben weil Sexuelles an den tiefsten und intimsten Gefühlen rührt. Aber zu Ihrer Frage: Im Osten würde ich eher sagen, war und istdas klassische Modell, mit Sex Karriere zu machen, vielleicht nicht ganz ausgeschlossen, aber auch nicht charakteristisch. Das ist den Ostdeutschen echt fremd. Leider gehört es zur marktwirtschaftlichen Gesellschaft, dass auch Sex zur Ware wird und einen Tauschwert hat. Die Menschen setzen dem aber auch viel entgegen – ihre Gefühle und die Liebe. Liebe ist nicht marktwirtschaftlich. Und die Liebe wird überleben.


Interview: Frank Hörügel

Von Frank Hörügel

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Oschatz in Zahlen

Bundesland: Sachsen

Landkreis: Nordsachsen

Fläche: 55,44km²

Einwohner: 14.734 Einwohner (Dezember 2015)

Bevölkerungsdichte: 266 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04758

Ortsvorwahlen: 03435

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