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Lampersdorf ist Zuhause auf Zeit für jugendliche Flüchtlinge

Soziales Lampersdorf ist Zuhause auf Zeit für jugendliche Flüchtlinge

Sie sind aus dem Iran, aus Irak, Syrien oder Afghanistan geflüchtet, ohne Familie in Deutschland angekommen und können im Schullandheim Lampersdorf das erste Mail ein bisschen durchatmen. Hier lernen die jugendlichen Flüchtlinge die ersten Brocken Deutsch und hoffen auf eine sichere Zukunft.

In einem kleinen Sportraum im Schullandheim vertreiben sich die jungen Flüchtlinge die Zeit. Thomas Dittmann (M.) ist Chef der Einrichtung und für die Jungs eine Respektsperson.

Quelle: Dirk Hunger

Lampersdorf. Mit schnellen Handgriffen schiebt Shakir Kartoffelscheiben in der großen Pfanne hin und her. Im heißen Öl bruzeln Zwiebeln, Tomaten und Paprika, wenig später kommt der Duft von Knoblauch hinzu. Shakirs und seine Mitbewohner bereiten das Abendessen vor. Was ganz idyllisch aussieht, hat einen bitteren Hintergrund: Die Jungs, die im Schullandheim Lampersdorf in der Küche stehen, sind keine typische WG, sondern eine Zweckgemeinschaft. Sie alle sind aus ihren Heimatländern geflüchtet. Allein oder mit Familienangehörigen, die sie unterwegs verloren haben. Als sogenannte unbegleitete minderjährige Ausländer werden sie nach der Erstaufnahme in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht.

Das Lampersdorfer Schullandheim ist so ein Zuhause auf Zeit. Betrieben wird es vom Bildungs- und Sozialwerk Muldental, das das Gebäude dafür von den Pfadfindern gemietet hat. Allzu lange sind die Jugendlichen nicht vor Ort. „Nach vier bis fünf Wochen wechseln sie in andere Einrichtungen, besuchen dann auch die Schule oder eine Berufsbildungseinrichtung“, erklärt Thomas Dittmann vom Bildungswerk. Diese In-Obhutnahme in Lampersdorf sei für die 14- bis 18-Jährigen die erste Gelegenheit, nach der Flucht etwas zur Ruhe zu kommen. Hier finde dann auch das Clearing-Verfahrung durch das Jugendamt statt. Wer keine Papiere vorlegen kann, bei dem werden biografische Daten ermittelt und das Alter festgelegt, außerdem fragen die Mitarbeiter nach Familienangehörigen, die womöglich schon in Deutschland oder anderen Ländern sind. „Die Jugendlichen versuchen immer schnell Angehörige zu finden. Manche haben bereits Verwandte in größeren Städten oder in Schweden, und dort wollen sie dann natürlich hin“, hat Thomas Dittmann erfahren.

Weil in während dieser Phase der Aufnahme noch kein Schulbesuch vorgesehen ist, organisiert das Bildungs- und Sozialwerk selbst regelmäßig Deutschstunden. Ersthaft und eifrig seien die Flüchtlinge dann bei der Sache, bestätigen Mitarbeiter. Und stolz werden die ersten Redewendungen gleich ausprobiert. „Hallo, wie geht es dir?“ fragen Mustafa, Ramazan und die anderen und gehen offen auf Besucher zu. Wie die Einwohner aus dem nahen Collm oder aus Lampersdorf kann jeder, den es interessiert, im Schullandheim vorbeischauen. Und das wird auch genutzt: Manch einer will nur mal gucken, was das für welche wohnen, andere bringen ein Kuchen vorbei oder laden zu Unternehmungen ein. Es gab bereits einen Besuch im Platsch, aus dem Oschatzer Gymnasium kam eine Einladung zum Volleyballspiel, aus Wermsdorf eine, die Reitanlage zu besuchen. „Das ist gelebte Integration und die funktioniert auf dem platten Land oftmals besser als in großen Städten“, schätzt Thomas Dittmann ein. Man lerne sich einfach schneller kennen, das baue Ängste ab. „Als wir mal eine Woche gar keine Belegung hatten, haben sich die Einwohner gewundert, warum hier keiner ist und nachgeschaut, ob alles in Ordnung ist.“ Dass Vorbehalte schnell verschwunden seien, schreibt Dittmann auch der Größe zu: Maximal zwölf Jugendliche werden in Lampersdorf aufgenommen – obwohl der Bedarf durchaus höher wäre. „Es ist unser Anspruch, eine gute Arbeit zu machen“, sagt er Leiter, „bei deutlich mehr Jugendlichen funktioniert das nicht.“ Rund um die Uhr sind Mitarbeiter im Haus, oftmals auch ein Dolmetscher. Festgesetzte Regeln gelten für alle, ebenso wie Pflichten. Catering gibt es nicht, um die gemeinsamen Mahlzeiten müssen sich die Flüchtlinge selbst kümmern, genauso wie um das Saubermachen. Dittmann hat für den Alltag in der Jugendhilfe einen einfachen Grundsatz: „Beschäftige die Jugendlichen, sonst beschäftigen sie dich.“

Das kommt an, versichert er. Auch die Frauen haben kein Problem, sich Respekt zu verschaffen. Neu im Team ist etwa Barbara Scheller aus Liptitz. „Es gibt klare Ansagen, dann funktioniert das Zusammenleben auch“, meint sie. Klar gebe es Reibereien – „das ist auch normal in dem Alter“ – aber keinen ernsthaften Streit. „Es geht schon auch fröhlich zu, die Jungs lernen gerne und sind dankbar für die Sicherheit und Abwechslung hier.“ Oftmals erfahre man erst nach einige Zeit, was sich auf ihrer Flucht zugetragen habe, haben die Betreuer festgestellt. „Dann zeigen die Jungs auch mal Bilder auf dem Handy von unterwegen – das sind Fotos, die will man eigentlich nicht sehen, so viele Tote auf dem Weg. Das müssen furchtbare Erinnerungen sein“, schätzt Thomas Dittmann ein. Dass es jetzt, im Lampersdorfer Schullandheim, eher ruhig und beschaulich zugeht, wüssten die Flüchtlinge zu schätzen.

Die ersten, die hier angekommen sind, leben mittlerweile im Wohnheim der Anerkannten Schulungsgesellschaft Sachsen (ASG) in Dahlen. Von dort aus werden auch regelmäßige Deutschkurse, der Schulbesuch oder eine Berufsausbildung organisiert. Ein Stück ungestörte Normalität, die so lange gilt, bis die Jugendlichen volljährig sind. Manchmal plagt Shakir, Mohammed oder Razi jetzt das Heimweh, manch einer spricht davon, wieder zurück zu wollen. Ob das dann überhaupt möglich sein wird, ist offen. Ob jeder in Deutschland bleiben kann, auch. Wer dauerhaft in Deutschland leben will, muss als Volljähriger einen Asylantrag stellen und sein Verfahren abwarten.

Von Jana Brechlin

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