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Oschatz Leidenschaft für Holz und Klang
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00:31 25.03.2018
Dudelsackbauer Bodo Schulz spielt den Dudelsack vor seiner Werkstatt in der Hachemühle bei Trossin. Er ist seit 20 Jahren Mit-Organisator eines Spielkurses für Dudelsack und Drehleier. Ein Video sehen Sie unter www.lvz.de Quelle: Fotos: Wolfgang Sens
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Dahlenberg.

Von Freitag bis zum Sonntag laden erstmals sächsische Kunsthandwerker und Künstler, unterstützt vom Freistaat und der Handwerkskammer, zu den Europäischen Tagen des Kunsthandwerks ein. Wer sich am Wochenende auf Reisen begibt, kann dabei auch Ungewöhnliches entdecken. Ein solcher Ort befindet sich im nordöstlichen Teil des Landkreises Nordsachsen, in der Heide nahe dem Dahlenberger Stausee in der Gemeinde Trossin.

In Hachemühle, einem normalerweise wenige Einwohner zählenden Örtchen – nur an Wochenende oder gar nur in der wärmeren Jahreszeit kommen einige Dutzend Datschenbesitzer hinzu – hat sich vor rund 20 Jahren Bodo Schulz niedergelassen. In der Werkstatt des Holzblasinstrumentenbauers entstehen nicht nur verschiedene große und kleine Sackpfeifen. Schulz baut vor allem Dudelsäcke und genießt auf diesem Gebiet einen guten Ruf, ist auf der ganzen Welt in Profimusikerkreisen bekannt. So agiert beispielsweise die New Yorker Renaissance Band Piffaro mit seinen Instrumenten. Aber auch in Kanada, in Japan, um nur einige Länder aufzuzählen, kennt man die Werkstatt in Hachemühle.

Schulz gibt ebenso Unterricht im Dudelsackspiel und für Holzblasinstrumente, veranstaltet Workshops und gehört seit nunmehr 20 Jahren auch zu den Veranstaltern, die Ende April – Anfang Mai im KulturGut Radis zum „Spielkurs“ einladen. Das ist eine Mischung aus Kursen für Dudelsack, Drehleier, Diatonisches Akkordeon und anderen Folkinstrumenten gepaart mit gemeinsamen Erlebnissen beim Tanzen und Musizieren sowie Konzerten von Bands aus der Folk-Szene. In diesem Jahr findet das Festival vom 27. April bis 1. Mai statt. Auch Laien, die das Spiel erlernen wollen, sind dort willkommen.

Ungewöhnlicher Weg

Suchen muss man schon, um die Werkstatt zu finden. Das Navi hilft begrenzt. Und als die Straße eher an einen guten Waldweg erinnert, entdecke ich ein Pärchen, das gerade Kisten aus einem Auto lädt. Nach der Adresse des Instrumentenbauers muss ich nicht fragen. „Da vorn können Sie parken“, entgegnet Bodo Schulz lächelnd. Ländlich das Anwesen. Hier zeigen einige Dinge schon außen, dass kreative Menschen zu Hause sind und Menschen, die Holz schätzen und damit arbeiten. Wir gehen in die kleine gemütliche Werkstatt. Auf den ersten Blick: Hier hat alles seinen Platz, vieles scheint parallel zu entstehen. Wenig technische Geräte wie eine Bohrmaschine und Drechselbank sind zu sehen. Ins Auge fallen sofort die an einem Haken an der niedrigen Decke hängenden Dudelsäcke nahe der Werkbank vor dem Fenster. Als die Blicke schweifen, entdecke ich einem Flötenkörper gleichende Holzstücke aufgereiht.

Das Gespräch beginnt ungezwungen. Schon beim ersten Telefonat hatte ich das Gefühl, dass hier einer ist, der nicht nur über sich, sein Handwerk und seine Kunst erzählen kann, sondern auch einer, dessen Lebensweg Kreuzungen und Kurven aufweist.

„Ich stamme eigentlich aus Sachsen-Anhalt, bin in der Börde, in Bernburg aufgewachsen“, beginnt Bodo Schulz zu antworten. Nur sein Alter möchte er nicht verraten. Ein bisschen eitel, denke ich. Aber was ist Alter? Jung blitzen auf alle Fälle die Augen im Gesicht meines Gesprächspartners.

Nach dem Abitur und der Armeezeit beginnt er ein Anlagenbaustudium. „Ich wollte kein Schreibtischtäter sein. Entwerfen, entwickeln, kreativ sein, mit meiner Arbeit etwas schaffen, all das wollte ich. Doch beim Studium und den Perspektiven danach fand ich das nicht wie gedacht“, erzählt er. Also Abbruch, neue Suche. Es sollte aber etwas mit Holz sein, denn er war von diesem Material schon immer begeistert.

Begnadeter Autodidakt

Lebensmittelpunkt ist da Berlin, Pankow. In dieser Zeit beginnt Bodo Schulz mit Musik. Er erlernt sich alles als Autodidakt. Heute spielt und beherrscht er verschiedene Instrumente, diese reichen von Mandoline, Mandola, Drehleier, Schalmei, Blockflöte bis hin zu verschiedenen anderen mittelalterlichen Instrumenten. Er ist in Berlin drin in der Folk- und Mittelalterlichen Musikszene, Spielt in Bands mit. „Das war dann die Zeit, in der ich mit meinem Berliner Kollegen Klaus Stecker begann, erste Instrumente selbst nachbauen zu wollen“, so der heutige Fachmann. Beim Festival des Politischen Liedes in Berlin traten in den 1080er-Jahren auch Gruppen aus dem Ausland auf, zu denen auch Dudelsackspieler gehörten. Das nutzten Schulz und Stecker, um sich diese Instrumente anzusehen und zu vermessen, weil sie Dudelsäcke nachbauen wollten. „In der DDR fanden wir damals keine Bauanleitungen und Pläne. Wir beide haben wirklich alles versucht, tagelang in Archiven und Bibliotheken ergebnislos gesucht. Das war einfach so“, blickt der Hachemühlener zurück. Schließlich begann Schulz mit dem Bau seines ersten Dudelsackes, einer Schäferpfeife in mittelalterlicher Weise. Verschiedene weitere Instrumente entstanden danach in der Hobby-Werkstatt. Bodo Schulz wollte damals so viel wie nur möglich über den Bau der Holzblasinstrumente erfahren, suchte den Austausch mit anderen auch professionellen Mitstreitern.

Chancen zur Wendezeit

Dann kam die stürmische Wendezeit. „Ich bekam die Gelegenheit, eine Ausbildung als Holzblasinstrumentenbauer zu absolvieren. Anfang der 1990er-Jahre drückt der gebürtige Bernburger also die Schulbank, erwirbt sich das theoretische Wissen für den später abgelegten Gesellenbrief im Zentrum des DDR-Musikinstrumentenbaues Markneukirchen. Nur mit der Praxis gab es Schwierigkeiten. Schulzes Suche nach einem geeigneten Mentor war nicht von Erfolg gekrönt. „Die Experten hatten einfach Bedenken, ja Angst, dass ich Konkurrent werden könnte oder auch ihre Geheimnisse erfahre“, blickt er zurück. Doch am Ende gelang es ihm trotzdem, sein Gesellenstück anzufertigen und damit den Gesellenbrief als Holzblasinstrumentenmacher zu erhalten. Ohne Meisterbrief bekam er damit vom Berliner Magistrat die Erlaubnis eine Werkstatt zu führen. Schulz ließ sich in Pankow nieder und spezialisierte sich auf Dudelsäcke und alte historische Blasinstrumente. Er besuchte renommierte Bauer aus Belgien, Frankreich und in Deutschland. Etwas anderes, wie etwa andere Orchesterinstrumente anzufertigen, das sei nach seiner Meinung eine völlig andere Musik-Welt. Sein Traum, Leben und die Arbeit im Verbund an einem Ort, kreativ sein wann man will, nicht wenn man muss, das erfüllte sich nun. Vor zwanzig Jahren zog er familiär bedingt nach Hachemühle. Seitdem kennt man in Musikerkreisen den kleinen Ort. Auch im Verlauf der vergangenen Jahre bliebe es jeden Tag spannend, ein Instrument zu bauen. „Wenn ich die Werkstatt betrete, ist es immer wieder spannend. Und immer wieder lerne ich kleine Dinge dazu, entdecke ich noch etwas, was besser, anders geht. Obwohl man geglaubt hat, dass da nichts mehr zu entdecken ist“, erzählt der Holzblasinstrumentenbauer. Seine Arbeit sei auch eine Art Entwicklungsarbeit über Tage, Wochen um Kleinigkeiten zu verbessern. Beispielsweise beim Bau der Mensuren, der Modelle der Spielpfeifen. Fast alle hat Bodo Schulz auch selbst entworfen. Scheitern, neu ansetzen sei erlaubt. Das ist aber auch Frust. „Womöglich habe ich davon meine grauen Haare“, fügt er lachend hinzu. Jedes Instrument wird zum Unikat. Von Massenherstellung hält er ganz und gar nichts. Vom Kopieren anderer ebenso. Wie lange dauert es, bis durch die Bearbeitung von Holz beispielsweise ein Hümmelchen entsteht? „Genau kann ich das nicht sagen, da ich an mehreren Instrumenten gleichzeitig arbeite und je nach Art der Dudelsäcke auch mehr Arbeit anfällt. Das kann eine Woche aber es können auch vier sein.“

Statistik ist Nebensache

Schulz setzt auf gut gelagertes Holz. Eigentlich rechnet man mit einem Jahr für einen Zentimeter Stärke. Schulz lässt es zur Sicherheit länger liegen. So kommen die Feuchtigkeit und die Spannung aus dem Holz. Gut eignen sich eine Reihe heimischer Obstgehölze, aber auch Buchsbaum, Eibe, Goldregen oder exotische. Aus dem Holz werden Kandeln geschnitten, rund gedreht, bekommen eine Zentralbohrung. Viele weitere Schritte folgen bis am Ende noch die Oberflächenbehandlung erfolgt. Beim Leder für die Dudelsäcke verwendet der gebürtige Bernburger Rindsleder. Ja, und dann haben viele seiner Instrumente noch Besonderheiten: die gestalteten Köpfe und andere geschnitzte Elemente. Ein Hingucker!

Das Dudelsack nicht gleich Dudelsack ist, wird mir an diesem Tag bewusst. Die unterschiedlichen Bauweisen und Herkünfte zu erklären erspare ich mir. Das kann Bodo Schulz viel besser und anschaulicher bei einem Werkstattbesuch wie an diesem Wochenende, wenn er seine Tür für Neugierige öffnet oder wenn er Workshops veranstaltet.

Wie begehrt die verschiedenen Instrumente aus der Werkstatt in Hachemühle sind und Schulzes Können gefragt ist, wird auch während meines Besuches deutlich. Ein Musikerpaar klopft an die Tür. André Hunger aus Chemnitz hat ein Problem. Seit 18 Jahren setzt er auf die Qualität der Schulzschen Instrumente, spielt damit auf großen Festivals wie in Leipzig beim Wave Gothic.

Wie viele Instrumente die Werkstatt in all den Jahren verlassen haben? Schulze hat sie nie gezählt. Wichtig ist ihm nur, dass er jedes Stück mit ruhiger Seele und Gelassenheit, aus der Hand geben kann. Und dass die Musik, ihr Bau viele Menschen begeistert und fasziniert. Wohl deshalb gibt er auch Kurse und Workshops und betreibt er im Harz eine kleine Galerie.

Von Bärbel Schumann

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