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Leisnig: Mit der Totenrotel von Kloster zu Kloster

Leisnig: Mit der Totenrotel von Kloster zu Kloster

Die Klöster Buch und Altzella sind heute größtenteils Ruinen - und fungieren dennoch als Veranstaltungsorte für verschiedenste kulturelle Ereignisse.

Leisnig.

 

 

 

 

Frage: Herr Schmidt, was erwartet Ihre Zuhörer auf Mildenstein?

Robert Schmidt: Es gibt einiges zu zeigen und zu erzählen, was vom vermeintlich Bekannten abweicht, so über einen Mord von Mönchen des Klosters Zschillen, heute Wechselburg, an ihrem Prior. Oder über die Nonnenflucht der Christine von Honsberg aus dem Kloster Sornzig. Ein Zweig ihrer Familie stammt im Übrigen aus Schweta bei Döbeln, sie selbst aus Leuben bei Oschatz. Von ihrer Flucht erfahren wir nur aus dem Briefwechsel ihrer Brüder mit dem Landesherren. Die beschweren sich bei Herzog Georg, dass ihre plötzlich aufgetauchte Schwester ihr Erbe beansprucht. Derartige Schriftstücke verraten viel über die Moral am Ende des Mittelalters.

Welche Ordensgemeinschaften waren damals in der Region ansässig?

Die Mark Meißen, das Land zwischen Dresden und Leipzig, war sozusagen fest in Klöster-Hand. In Meißen wie in Oschatz saßen Franziskaner. Die Oschatzer unterhielten in Leisnig eine Terminei - eine vorübergehende Bleibe für ihre Ordensbrüder. Das half, den Kontakt reisender Mönche zur Öffentlichkeit möglichst gering zu halten. Der Leisniger Chronist Johann Kamprad schreibt von der Terminei "im Winkel zum Hause des Diakons", jedoch nicht genau genug, um den Standort des Gebäudes heute lokalisieren zu können. Zisterzienser gab es in Klosterbuch und Altzella, Augustiner in Waldheim, Benediktinerinnen in Döbeln, Clarissen - der weibliche Orden der Franziskaner - in Seußlitz. Dominikaner saßen in Freiberg.

Wie waren die Orden miteinander vernetzt?

Kontakte wurden gepflegt, in Klosterangelegenheiten reisende Brüder oder Boten unterstützt. Das belegen die Totenroteln in der Benediktinerabtei zu Admont in der Steiermark. So eine Schriftrolle - lateinisch: rotulus - trug der Rotelbote Georg Hebenstreit jeweils 1488 und 1495 auf vorbestimmter Route von Kloster zu Kloster, auch in die Mark Meißen. Auf dem zirka zehn Meter langen Pergament wurden die Namen der in jedem Kloster Verstorbenen notiert, um später für sie beten zu können. Es finden sich auch Einträge aus Klosterbuch und Oschatz. Die Eintragungen sind heute von unschätzbarem Wert. Man weiß dadurch, welche Familien ihre Abkömmlinge in welche Klöster schickten. Außer den Namen der Äbte ist nämlich sonst oft kaum etwas darüber überliefert, wer konkret in den Klöstern lebte.

Wie haben die Klöster damals das öffentliche Leben beeinflusst?

Außerhalb von Klöstern konnte kaum jemand lesen und schreiben, oft auch der Adel nicht. Deshalb kommt den Klöstern bei der Überlieferung historischer Daten große Bedeutung zu. Viele Orte verdanken ihre Ersterwähnung einer Klosterurkunde über einen Landkauf oder -verkauf. Was wir heute über das Mittelalter wissen, stammt größtenteils aus derartigen Urkunden. Man kann von Glück reden, dass nach der Auflösung der Klöster die Unterlagen in Archive in Dresden und Leipzig gelangten. So entgingen sie der Vernichtung. Die Schreibkundigen aus den Klöstern waren die Notare ihrer Zeit. Jenseits dessen ist über das Klosterleben wenig überliefert. Mönche und Nonnen schrieben über sich selbst und ihr alltägliches Leben nichts auf. In ärmeren Klöstern gab es vermutlich nur einen oder zwei Lese- und Schreibkundige. Ich versuche dennoch, einen Bogen zu spannen über viele Lebensbereiche, vom Essen und Trinken bis hin zu Konflikten mit den Landesherren, also den Wettinern.

Woher sind diese Dinge bekannt, wenn doch nur Landverkaufs-Urkunden erhalten sind?

Durch zufällig erhaltene Schriften, wie den Eingangs erwähnten Briefwechsel der Brüder von Honsberg. Eine Bischofsurkunde aus den Jahrzehnten vor der Reformation verbietet um 1460 den Klosterinsassen des Bistums Meißen, zu leben wie außerhalb des Klosters. Sie dürfen keine Wohnung anmieten, keine weltliche Kleidung tragen, kein Geld borgen und so weiter. So etwas müsste schließlich nicht schriftlich verboten werden, wenn es die Mönche und Nonnen nicht zumindest in einigen Klöstern genau so gehandhabt hätten - und zwar in Größenordnungen, gegen die sich auch innerhalb der Kirche offen Widerstand formierte.

Wann war die größte Blüte der Klöster?

Meist nur wenige Jahrzehnte vor deren Niedergang. Das eine löste das andere aus. Der religiöse Verfall vollzog sich in dem Maße, wie die Klöster wirtschaftlich prosperierten. Auf Deutsch gesagt: Es ging ihnen zu gut. Das Kloster Altzella besaß ganz Roßwein. In Oschatz sangen die Leute Spottverse auf einen Geistlichen namens Leder, bei dem die Huren ein und aus gingen. Auch wenn es sich hier nicht um einen Mönch handelte - in den Klöstern sah es oft nicht besser aus. Wirtschaftliche Blüte mehrt Macht, und Macht macht korrupt. Der Augustinermönch Martin Luther prangerte genau das an. Und es spricht für sich, wenn die Kirche zunächst lediglich den in der Diplomatie völlig unerfahrenen Karl von Miltitz nach Sachsen schickte, der die Reformationsgedanken mit Geld sowie der Vergabe von Titeln und Ehren aus der Welt kaufen sollte.

Interview: Steffi Robak

"Klostergeschichten aus der Mark Meißen", Wintervortrag mit Robert Schmidt am 12. Februar ab 19 Uhr im geheizten Herrenhauskeller der Burg Mildenstein. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Interessenten melden sich vorher telefonisch an unter der Nummer 034321/62560.

 

Eine Rotel ist eine Schriftrolle aus Pergament, abgeleitet vom lateinischen Begriff "rotulus" für Rolle oder Rädchen.

Eine Totenrotel enthält die schriftlichen Todesfalleinträge, die als Botschaft von Kloster zu Kloster getragen werden.

Klöster pflegen seit dem 9. Jahrhundert ein Netzwerk der Gebetsverbrüderungen, vornehmlich in Benediktinerorden und seinen Zweigen.

Insgesamt rund 300 mittelalterliche Totenroteln sind heute noch erhalten.

Die Sammlung der Stiftsbibliothek der Benediktiner-Abtei Admont enthält elf Roteln aus den Jahren zwischen 1442 bis 1496.

In drei der dort archivierten Roteln, von 1476, 1488 und 1495, sind Todesfälle unter anderem vom Kloster Altzella und Kloster Buch vermerkt.

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