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Oschatz Liptitzerin Barbara Scheller wütend über Sackgassen der Integration
Region Oschatz Liptitzerin Barbara Scheller wütend über Sackgassen der Integration
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06:00 30.10.2018
OAZ-Mitarbeiter Christian Kunze im Gespräch mit Barbara Scheller. Sie lässt politische Ämter ruhen – und engagiert sich ehrenamtlich für Geflüchtete. Quelle: Foto: Frank Hörügel
Liptitz

Aufregende Themen gibt es immer – und Menschen, die sich einmischen, kritisieren, etwas ändern wollen. Die OAZ nimmt sich Zeit und hört Ihnen zu. In der Serie „Auf einen Kaffee mit“ stellen wir Sie und Ihre Themen in loser Folge vor. Wir bringen den Kaffee mit – und wollen von Ihnen hören, was Sie bewegt. Heute: Barbara Scheller aus Liptitz. Sie ist ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuerin, Grünen-Ortschaftsrätin – und hadert mit der Asylpolitik, Lippenbekenntnissen und Glaubwürdigkeit.

Unglaubwürdige Politik

Zum Kaffee in die Redaktion kommt Barbara Scheller nicht allein. Mit dabei ist Demba Mbye, der aus Gambia stammt und bis zu seinem 18. Lebensjahr in der Unterkunft des Bildungs- und Sozialwerks Muldental im Lampersdorf wohnte. Dort engagiert sich Scheller seit Dezember 2015 für junge Landsmänner Mbyes, aber auch Menschen anderer Nationen. Flüchtlinge, die gut integriert sind, denen aber, sobald sie volljährig sind, die Perspektive fehlt, da sie durchs Raster fallen – weil ihre Identität nicht angemessen nachgewiesen werden kann. „Ohne diesen Nachweis gibt es weder eine Lehr- noch eine Arbeitserlaubnis. Ohne Arbeit verdient Demba kein Geld und ohne Geld kann er auch sonst nichts bestreiten – etwa den Weg zum Fußballtraining für den FSV Oschatz, da die Fahrtkosten erwachsenen Asylbewerbern nicht erstattet werden.“ Hier, so Scheller, stecke Integration in der Sackgasse. Fähige Kräfte gingen dem Arbeitsmarkt verloren, weil man mehr auf die korrekte Identität dränge anstatt die Fähigkeiten der jungen Menschen zu fokussieren.

Im Ergebnis sitzen Demba und die anderen dann in der Unterkunft oder in ihrer Wohnung – sofern sie denn eine haben – „und starren die Wand an“. „Dass dann beim Volk der Eindruck entsteht, es handle sich um Faulenzer, ist nicht verwunderlich.“ Wenn sie bei Behörden darauf hinweise, dass sich in Sachen Asyl in Deutschland die Katze in den Schwanz beißt, bekomme sie den Hinweis, die jungen Geflohenen könnten sich doch einen Anwalt nehmen und ihr Recht einklagen. „Mit solchen Lösungen macht sich Politik unglaubwürdig“, moniert die Liptitzerin.

Diverse Fluchtursachen

Praktisch zu helfen anstatt immer noch mehr Papier zu beschreiben oder Versprechen zu vernehmen, auf die nie Taten folgen, davon hatte sie vor drei Jahren genug. Überhaupt erschöpfe sich die Asylpolitik in Wortklaubereien. „Da streitet Berlin wochenlang, ob man Aufnahmeeinrichtungen Ankerzentren nennen darf. In Wirklichkeit wird damit nur verschleiert, dass in solchen Einrichtungen Mangelverwaltung herrscht und nicht genehmigte Abschiebungen verdeckt werden. Nicht alle Nationen nehmen Menschen zurück und nicht überall herrscht Krieg – in Gambia beispielsweise dominieren Armut und regionale Konflikte der Bevölkerung untereinander – auch das sind Ursachen.“

Der Alltag in der Unterkunft in Lampersdorf, erinnert sich Scheller, war anfangs bestimmt von vielen Fetzen unterschiedlicher Sprachen. Mit Englisch als Konsens war es nicht weit her, denn die meisten der schon älteren Betreuer hatten diese Sprache nie gelernt. Und so kristallisierte sich dann als einzige gemeinsame Sprache bald Deutsch heraus. „Damit verhält es sich wie mit allem anderen, was man neu lernt. Wenn man es nicht regelmäßig anwendet, verkümmert es.“

Demokratie leben

Je stärker die Flüchtlingsfrage in den Fokus geriet, um so stärker wurden auch die Anfeindungen gegenüber denen, die sich für Willkommenskultur engagieren. Anfeindungen, mit denen Scheller gelassen umgeht. „Natürlich sind nicht nur Engel unter denen, die zu uns kommen. Aber schaut man in deutsche Berufsschulklassen, da sind auch nicht nur Musterknaben.“ Eine jede Debatte um ihr Engagement ende meist bei der Frage nach den persönlichen Erfahrungen des Kritikers. „Am lautesten schreien immer die, die noch nie einen Ausländer gesehen haben.“ Ansonsten gelte für sie und ihre Tätigkeit der Grundsatz: „Ich helfe. Es ist meine Hilfe. Es ist meine Entscheidung. Es ist meine Freizeit. Es ist mein Geld.“

Allen, die auf der Straße und in sozialen Netzwerken Stimmung gegen Regierung und Geflohene machen, rät sie, die Demokratie zu leben – und sich dem Diskurs zu stellen. „Das, was auf Plätzen herausgetragen wird, gilt es, in die Parlamente zu tragen und durchzusetzen – oder Gegenwind auszuhalten.“

Von Christian Kunze

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