Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Oschatz Matratzenhersteller Frankenstolz soll Fördermittel zurückzahlen
Region Oschatz Matratzenhersteller Frankenstolz soll Fördermittel zurückzahlen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 16.06.2017
Luftaufnahme des Oschatzer Werkes des Matratzenherstellers Frankenstolz.  Quelle: Sven Bartsch
Anzeige
Oschatz

 Schwere Vorwürfe gegen den Oschatzer Matratzenhersteller „Frankenstolz“. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Mainaschaff nahe Aschaffenburg, das seine Produkte über fast alle namhaften Versandhändler vertreibt, soll an seinem Oschatzer Standort gegen Arbeitsplatzverpflichtungen verstoßen haben und daher EU-Fördermittel zurückzahlen. Das ergab eine Prüfung durch das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr (SMWA). Hintergrund: Das Unternehmen habe, so der Vorwurf, im Werk entgegen den Zusicherungen unzulässig Stellen gestrichen.

Rund 3,8 Millionen Euro hat Frankenstolz in den Jahren 2010 und 2014 für den „Neubau einer Produktionshalle und der Anschaffung von Anlagentechnik“ sowie die „Anschaffung von Maschinen und Einrichtungen“ erhalten. Das geht aus dem Verzeichnis der Begünstigten von Fördermitteln des Ministeriums hervor. An diese Zuwendungen ist die Bedingung geknüpft, dass Frankenstolz Dauerarbeitsplätze schafft.

Am 7. Februar 2017 dann die Kehrtwende: Das Ministerium stellt dem Unternehmen für beide Vorhaben Widerrufs- und Erstattungsbescheide wegen Verstoßes gegen Arbeitsplatzverpflichtungen aus. Vorausgegangen war dem ein Bericht des ZDF-Magazins „Frontal 21“ vom 7. Juni 2016, das unter andrem Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) direkt mit den Vorwürfen konfrontierte. In der Sendung verspricht Dulig Aufklärung: Wer sein Stammpersonal reduziere, nur um Arbeitsplätze in eine Fremdfirma auszulagern, dürfe nicht auch noch vom Staat gefördert werden, sagte Dulig gegenüber dem ZDF. Die Firma Frankenstolz müsse jetzt zudem nachweisen, dass sie sich an die Arbeitsplatzrichtlinie gehalten hat. Wenn nicht, muss Frankenstolz mit Rückforderungen rechnen, so Dulig. Auf OAZ-Nachfrage ergänzt das Ministerium, dass Frankenstolz mittlerweile Widerspruch gegen die Bescheide eingelegt hat.

Kontakt zur Sendung „Frontal 21“ hatte Detlef Spichalski aufgenommen. Der Laaser arbeitete 16 Jahre im Oschatzer Werk. „Bei der Firma Frankenstolz wird systematisch die Stammbelegschaft reduziert und Arbeitsplätze in Leiharbeit ausgelagert“, berichtet er. Spichalski wurde seit 2013 einmal mündlich und sechsmal schriftlich gekündigt. Das Arbeitsgericht Leipzig sowie das Landesarbeitsgericht Chemnitz erklärten diese stets für ungültig. „Ich habe bis heute einen gültigen Arbeitsvertrag und darf trotzdem nicht arbeiten.“ Ein Kündigungsgrund: Angebliche Tätlichkeiten gegen den Werksleiter. Für Spichalski nur ein Vorwand, um ihn aus seinem gültigen Vertrag zu drängen. Der 60-Jährige sagt: „Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.“ 22 Verhandlungen hat Spichalski bis dato gegen Frankenstolz geführt; neun Urteile wurden bisher gesprochen – alle zu seinen Gunsten. Die nächste Verhandlung ist für den 18. Juli angesetzt. Wieder geht es um den seit 2015 ausstehenden Lohn. Seither lebt Spichalski von Arbeitslosengeld. „Normalerweise führt der Weg von der Leiharbeit in die Festanstellung – bei Frankenstolz ist es andersherum.“

Ähnlich erging es Eckehard Schöne. Der Oschatzer wurde von den Verantwortlichen der Firma nach 16 Jahren im Betrieb gefragt: „Können Sie sich vorstellen, in einer Leihfirma anzufangen?“ Schöne konnte es sich nicht vorstellen. Dafür bekam er Ärger mit Vorgesetzten; wurde mit 60 Jahren in die Produktion versetzt und sollte die gleiche Leistung erbringen wie ein junger polnischer Kollege. Als Schöne nicht mehr mithalten konnte, erhielt er die Kündigung. „Ich bin dank Frankenstolz nach 46 Jahren Arbeit ins Hartz IV abgerutscht“, sagt er heute. Der 62-Jährige hat in seinen 16 Jahren bei Frankenstolz nie eine Abmahnung bekommen. Nach gerichtlicher Auflösung des Arbeitsvertrags und gegen Zahlung einer Abfindung schied Schöne aus dem Unternehmen aus. Trotz jahrelanger Erfahrung, Stapler- und LKW-Führerscheins findet er keine neue Arbeitsstelle. Im Oktober geht der Oschatzer in Rente. „Ich will mit der Firma auch nichts mehr zu tun haben.“

Auf die Frage, wie er die Arbeitsmarktpolitik des Matratzenherstellers einschätzt, antwortet der Oschatzer Oberbürgermeister Andreas Kretschmar (parteilos): „Frankenstolz ist ein privates Unternehmen. Das ist Sache der Firma. Ich weiß nur, dass Frankenstolz ständig neue Arbeitskräfte sucht.“ Der Rechtsschutzsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Mirko Schneidewind findet deutlichere Worte. „Dass sich ein Kündigungsschutzverfahren über vier Jahre hinzieht, ist schon extrem ungewöhnlich“, sagt Gewerkschafter, der Spichalski und Schöne als Rechtsbeistand zur Seite steht. Etwas Vergleichbares habe er noch nicht erlebt.

Frankenstolz selbst will sich auf OAZ-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Aus der Geschäftsleitung heißt es nur: „Wir werden dazu keine Fragen beantworten, weil es sich um schwebende Verfahren handelt. Da warten wir wohlwollend die Ausgänge ab.“

Gegründet wurde Frankenstolz 1955 von Herbert Neumeyer in Aschaffenburg. 1993 hatte das Unternehmen den stillgelegten Textilbetrieb in Oschatz erworben und seither Neubauten und Erweiterungen auf dem Grundstück errichtet. Damit sein Lebenswerk erhalten bleibt, habe Neumeyer bereits zu Lebzeiten eine gemeinnützige Stiftung gegründet. Damit sei gewährleistet, dass die Unternehmen auch weiterhin in seinem Sinne fortgeführt werden, heißt es auf der Firmenhomepage. Ob die momentane Personalpolitik in Oschatz im Sinne des Gründers ist, kann Herbert Neumeyer nicht mehr beantworten, er verstarb 2016.

Von Mathias Schönknecht

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Unter dem Titel „Klangexperimente“ hat der Kammerchor Ton-Art zwei Konzerte in der alten Oschatzer Filzfabrik gegeben. Die Publikumsresonanz war trotz gleichzeitig stattfindenden Stadt- und Vereinsfestes in Oschatz und der Schlössernacht in Wermsdorf gut.

12.06.2017

Die ehemalige Reitsportanlage war am Sonntag Schauplatz des Feuerwehrausscheides der Gemeinde Cavertitz. Sieben Ortswehren kämpften um die schnellste Zeit beim Löschangriff. Bei hohen Temperaturen kamen die Kameradinnen und Kameraden, die die Strahlrohre führten und deshalb die weitesten Laufwege hatten, ordentlich ins Schwitzen.

12.06.2017

Noch vor Eröffnung der Schlössernacht weilten Nonnen und Mitglieder des Freundeskreises Kloster Abtei St. Marienstern auf Hubertusburg. Die Gäste aus Panschwitz-Kuckau tauschen Erfahrungen aus. Mit dabei war der Vorsitzende des St.Marienstern-Freundeskreises, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU).

15.06.2017
Anzeige