Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Matratzenhersteller Frankenstolz soll Fördermittel zurückzahlen

Arbeitsmarktpolitik Matratzenhersteller Frankenstolz soll Fördermittel zurückzahlen

Weil der Matratzenhersteller Frankenstolz systematisch seine Stammbelegschaft in Leiharbeitsverhältnisse und Werkverträge gedrängt haben soll, muss das Unternehmen wahrscheinlich EU-Fördermittel zurückzahlen.

Luftaufnahme des Oschatzer Werkes des Matratzenherstellers Frankenstolz.
 

Quelle: Sven Bartsch

Oschatz.  Schwere Vorwürfe gegen den Oschatzer Matratzenhersteller „Frankenstolz“. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Mainaschaff nahe Aschaffenburg, das seine Produkte über fast alle namhaften Versandhändler vertreibt, soll an seinem Oschatzer Standort gegen Arbeitsplatzverpflichtungen verstoßen haben und daher EU-Fördermittel zurückzahlen. Das ergab eine Prüfung durch das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr (SMWA). Hintergrund: Das Unternehmen habe, so der Vorwurf, im Werk entgegen den Zusicherungen unzulässig Stellen gestrichen.

Rund 3,8 Millionen Euro hat Frankenstolz in den Jahren 2010 und 2014 für den „Neubau einer Produktionshalle und der Anschaffung von Anlagentechnik“ sowie die „Anschaffung von Maschinen und Einrichtungen“ erhalten. Das geht aus dem Verzeichnis der Begünstigten von Fördermitteln des Ministeriums hervor. An diese Zuwendungen ist die Bedingung geknüpft, dass Frankenstolz Dauerarbeitsplätze schafft.

Am 7. Februar 2017 dann die Kehrtwende: Das Ministerium stellt dem Unternehmen für beide Vorhaben Widerrufs- und Erstattungsbescheide wegen Verstoßes gegen Arbeitsplatzverpflichtungen aus. Vorausgegangen war dem ein Bericht des ZDF-Magazins „Frontal 21“ vom 7. Juni 2016, das unter andrem Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) direkt mit den Vorwürfen konfrontierte. In der Sendung verspricht Dulig Aufklärung: Wer sein Stammpersonal reduziere, nur um Arbeitsplätze in eine Fremdfirma auszulagern, dürfe nicht auch noch vom Staat gefördert werden, sagte Dulig gegenüber dem ZDF. Die Firma Frankenstolz müsse jetzt zudem nachweisen, dass sie sich an die Arbeitsplatzrichtlinie gehalten hat. Wenn nicht, muss Frankenstolz mit Rückforderungen rechnen, so Dulig. Auf OAZ-Nachfrage ergänzt das Ministerium, dass Frankenstolz mittlerweile Widerspruch gegen die Bescheide eingelegt hat.

Kontakt zur Sendung „Frontal 21“ hatte Detlef Spichalski aufgenommen. Der Laaser arbeitete 16 Jahre im Oschatzer Werk. „Bei der Firma Frankenstolz wird systematisch die Stammbelegschaft reduziert und Arbeitsplätze in Leiharbeit ausgelagert“, berichtet er. Spichalski wurde seit 2013 einmal mündlich und sechsmal schriftlich gekündigt. Das Arbeitsgericht Leipzig sowie das Landesarbeitsgericht Chemnitz erklärten diese stets für ungültig. „Ich habe bis heute einen gültigen Arbeitsvertrag und darf trotzdem nicht arbeiten.“ Ein Kündigungsgrund: Angebliche Tätlichkeiten gegen den Werksleiter. Für Spichalski nur ein Vorwand, um ihn aus seinem gültigen Vertrag zu drängen. Der 60-Jährige sagt: „Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.“ 22 Verhandlungen hat Spichalski bis dato gegen Frankenstolz geführt; neun Urteile wurden bisher gesprochen – alle zu seinen Gunsten. Die nächste Verhandlung ist für den 18. Juli angesetzt. Wieder geht es um den seit 2015 ausstehenden Lohn. Seither lebt Spichalski von Arbeitslosengeld. „Normalerweise führt der Weg von der Leiharbeit in die Festanstellung – bei Frankenstolz ist es andersherum.“

Ähnlich erging es Eckehard Schöne. Der Oschatzer wurde von den Verantwortlichen der Firma nach 16 Jahren im Betrieb gefragt: „Können Sie sich vorstellen, in einer Leihfirma anzufangen?“ Schöne konnte es sich nicht vorstellen. Dafür bekam er Ärger mit Vorgesetzten; wurde mit 60 Jahren in die Produktion versetzt und sollte die gleiche Leistung erbringen wie ein junger polnischer Kollege. Als Schöne nicht mehr mithalten konnte, erhielt er die Kündigung. „Ich bin dank Frankenstolz nach 46 Jahren Arbeit ins Hartz IV abgerutscht“, sagt er heute. Der 62-Jährige hat in seinen 16 Jahren bei Frankenstolz nie eine Abmahnung bekommen. Nach gerichtlicher Auflösung des Arbeitsvertrags und gegen Zahlung einer Abfindung schied Schöne aus dem Unternehmen aus. Trotz jahrelanger Erfahrung, Stapler- und LKW-Führerscheins findet er keine neue Arbeitsstelle. Im Oktober geht der Oschatzer in Rente. „Ich will mit der Firma auch nichts mehr zu tun haben.“

Auf die Frage, wie er die Arbeitsmarktpolitik des Matratzenherstellers einschätzt, antwortet der Oschatzer Oberbürgermeister Andreas Kretschmar (parteilos): „Frankenstolz ist ein privates Unternehmen. Das ist Sache der Firma. Ich weiß nur, dass Frankenstolz ständig neue Arbeitskräfte sucht.“ Der Rechtsschutzsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Mirko Schneidewind findet deutlichere Worte. „Dass sich ein Kündigungsschutzverfahren über vier Jahre hinzieht, ist schon extrem ungewöhnlich“, sagt Gewerkschafter, der Spichalski und Schöne als Rechtsbeistand zur Seite steht. Etwas Vergleichbares habe er noch nicht erlebt.

Frankenstolz selbst will sich auf OAZ-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Aus der Geschäftsleitung heißt es nur: „Wir werden dazu keine Fragen beantworten, weil es sich um schwebende Verfahren handelt. Da warten wir wohlwollend die Ausgänge ab.“

Gegründet wurde Frankenstolz 1955 von Herbert Neumeyer in Aschaffenburg. 1993 hatte das Unternehmen den stillgelegten Textilbetrieb in Oschatz erworben und seither Neubauten und Erweiterungen auf dem Grundstück errichtet. Damit sein Lebenswerk erhalten bleibt, habe Neumeyer bereits zu Lebzeiten eine gemeinnützige Stiftung gegründet. Damit sei gewährleistet, dass die Unternehmen auch weiterhin in seinem Sinne fortgeführt werden, heißt es auf der Firmenhomepage. Ob die momentane Personalpolitik in Oschatz im Sinne des Gründers ist, kann Herbert Neumeyer nicht mehr beantworten, er verstarb 2016.

Von Mathias Schönknecht

Oschatz, Hangstraße 19 51.318732 13.091364
Oschatz, Hangstraße 19
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Oschatz
Oschatz in Zahlen

Bundesland: Sachsen

Landkreis: Nordsachsen

Fläche: 55,44km²

Einwohner: 14.734 Einwohner (Dezember 2015)

Bevölkerungsdichte: 266 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04758

Ortsvorwahlen: 03435

Ein Spaziergang durch die Region Oschatz
  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Willkommen an Bord: Am 22. Oktober 2017 luden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse ein. Hier gibt es einen Rückblick. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

14.12.2017 - 15:21 Uhr

Nachwuchsfußball auf Landesebene: Schenkenberg verlässt die Abstiegsplätze

mehr