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Meisterschütze mag keine Schnellschüsse

Meisterschütze mag keine Schnellschüsse

"Mir ist nichts fremd, was Menschen sich selbst und anderen antun können", sagt Andree Wagner nach 30 Jahren Berufserfahrung als Polizist. Der Mann mit dem freundlichen, ja gemütlichen Gesichtsausdruck kennt die verschiedensten Bereiche der Polizeiarbeit, eine Stabsfunktion hat er jedoch noch nie gehabt.

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Polizist Andree Wagner in Zivil - mit einem seiner beiden Dobermänner, denen er einen großen Teil seiner Freizeit widmet.

Quelle: Sven Bartsch

Mittelsachsen. Bis zum 1. Oktober dieses Jahres, an dem der 49-Jährige die Leitung des Döbelner Polizeireviers von Steffen Fricke übernimmt.

 

Nein, ein Traumberuf ist der Polizeidienst für den jugendlichen Andree Wagner nicht. "Ich bin auf Umwegen dazu gekommen, habe es aber niemals bereut, damals Ja gesagt zu haben." Er wächst im Altkreis Oschatz auf, wo er auch geboren ist, besucht erst die Schule in Borna (Gemeinde Liebschützberg), macht dann sein Abitur an der EOS Thomas Mann in Oschatz. Eigentlich schwebt ihm eine Karriere als Sportschütze vor. Mit dem Luftgewehr auf laufende Scheibe, Entfernung zehn Meter, ist er spitze. Anfang der 1980er Jahre sogar absolute spitze: Wagner erreicht mit seinem Team den DDR-Mannschaftsmeister-Titel. Auch im militärischen Mehrkampf mischt er vorn mit und so besteht der junge Mann die Aufnahmeprüfung an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHFK). Doch es gibt ein Problem, nämlich keinen passenden Studiengang für ihn. Der Traum vom Profi-Sportschützen ist ausgeträumt. Andree Wagner entscheidet sich, Polizist zu werden.

 

Nach vierjährigem Studium an der Offiziershochschule des Ministeriums des Innern steigt er 1988 in den "Truppendienst" der Bereitschaftspolizei ein. Mit seiner 25-köpfigen Mannschaft ist er aber weniger mit polizeilichen Aufgaben betraut, sondern muss in der lahmenden DDR-Volkswirtschaft in die Bresche springen. "Wir haben im Kohletagebau bis zu den Hüften im Schlamm gesteckt und Gleise verlegt. Zuletzt waren wir in einem Chemiewerk bei Wittenberg eingesetzt", erinnert sich der heutige Erste Polizeihauptkommissar an diese Zeit. Dann droht im Herbst 1989 doch ein echter Polizeieinsatz. "Meine Einheit befand sich am 9. Oktober in einem Bereitstellungsraum nahe der Runden Ecke in Leipzig. Wir waren froh, dass wir nicht zum Einsatz gekommen sind." Die Zeit, in der die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sie als Polizisten den Demonstranten auf der Straße entgegengeschickt werden, ist für ihn schlimm. "Man kam nicht raus aus dem System. Aber man hätte draußen ja seiner Familie gegenüberstehen können..." Noch im Wende-Herbst schmeißt er das Parteibuch hin. "Eine Woche vor Abschluss des Studiums hatten sie mich zum Eintritt gedrungen." Bei allen Problemen, die die heutige Gesellschaft in sich birgt und die gerade Polizisten deutlich zu spüren bekommen - Andree Wagner will die DDR-Zeit nicht wieder haben: "Gott sei Dank können wir heute in anderen Verhältnissen leben."

 

Der Übergang in den Polizeidienst des neuen, vereinigten Deutschland verläuft für Wagner nahtlos. An der neuen Polizeifachschule Leipzig arbeitet er zunächst als Lehrer und bildet in Rechtsfächern angehende Polizeibeamte aus. Dann wird er ans Polizeirevier Oschatz versetzt, wo er bis Ende 2002 als Dienstgruppenleiter im Streifendienst tätig ist. Es folgt eine Zeit im Kripo-Kommissariat Torgau mit den Schwerpunkten Rauschgift und Personenfahndung. Wagner bewirbt sich im Zuge der Polizeireform erfolgreich für eine Stelle bei der Autobahnpolizei Döbeln, auch um der Heimatregion wieder etwas näher zu sein. Dann kommt er ans Döbelner Polizeirevier, wo er stellvertretender Leiter ist - bis Ende September dieses Jahres.

 

Die beiden großen Hochwasser erlebt der Polizist hautnah mit, das eine an der Elbe in seiner Oschatzer Zeit, das zweite an der Mulde in Döbeln. "Beim Elbehochwasser 2002 hatte ich das einzige Mal in meiner 30-jährigen Dienstzeit Angst um mein Leben", berichtet er. Er hatte mit Kollegen den Auftrag, nachts ein Elbe-Dorf zu evakuieren. "Wir stellten fest, dass zwei Personen fehlten und bekamen den Auftrag, diese beiden Bewohner noch holen. Es handelte sich um einen alten Mann und seinen Enkel, die das Haus nicht verlassen wollten. Als wir sie schließlich hinausbrachten, hörten wir schon die Flut heran rauschen. Kurze Zeit später stand der Ort unter Wasser."

 

Andree Wagner ist verheiratet und hat ein Grundstück mit Haus in der Gemeinde Naundorf, wo der jüngere seiner beiden Söhne die Evangelische Werkschule besucht. Als Vater engagiert sich Wagner im Schulverein, hilft dabei, die Einrichtung attraktiver zu gestalten. Der Polizist ist nicht gläubig, aber: "Wir lassen uns von christlichen Werten leiten." Wenn er Freizeit hat, dann verbringt Andree Wagner viel davon mit seinen beiden Dobermännern. Immer Mittwochabend versucht er, mit den Vierbeinern auf dem Rochlitzer Hundeübungsplatz zu trainieren. Dann kann er gut abschalten. Nächstes Ziel: Die Hunde sollen die Zuchttauglichkeitsprüfung bestehen.

 

Was seine eigene Person angeht, achte er auf eine gesunde Ernährung, unter anderem mit Kartoffeln und Tomaten aus eigener Ernte. Und Wagner sagt von sich selbst, dass ihn, auch dienstlich, "eigentlich nichts" aus der Ruhe bringt. "Ich überlege, bevor ich etwas sage. Schnellschüsse bringen doch nichts." So habe er auch die Entscheidung, den Posten des Revierleiters zu übernehmen, wohl abgewogen. Er hat den Anspruch, den guten Ruf, den das Döbelner Revier sachsenweit genießt, mit einer hohen Aufklärungsquote zu halten. Wagner: "Wenn dieser Anspruch nicht da wäre, würde ich heute nicht auf diesem Stuhl sitzen."

Olaf Büchel

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