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Nimmt der Oschatzer Stadtrat heute Abend die 90-Kilo-Hürde?

Nimmt der Oschatzer Stadtrat heute Abend die 90-Kilo-Hürde?

Alle wollen sie, die Stadt Oschatz hat sie - eine Gelddruckmaschine. Sie steht gut getarnt als Personenwaage im Oschatzer Stadt- und Waagenmuseum. Heute Abend beim Ratsherrenwiegen kommt sie wieder zum Einsatz und wird voraussichtlich um die 2000 Euro ausspucken.

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Dana Bach, Chefin des Oschatzer Museums, poliert die Waage für das Ratsherrenwiegen noch einmal auf Hochglanz, bevor sie heute zum Einsatz kommt.

Quelle: Dirk Hunger

Oschatz. Von Hagen Rösner

 

 

Dabei ist das Ratsherrenwiegen eine recht junge Oschatzer Tradition, die wirklich historisch verbürgt nach der Wende im Jahr 1991 begann. "Ich glaube, dass die Tradition vom damaligen Waagenbaumeister Wilfried Noffke und dem damaligen Oschatzer Bürgermeister Dr. Claus Förster begründet wurde", sagt Museums-Chefin Dana Bach, die eine Chronik des Oschatzer Ratsherrenwiegens führt. Dass in Oschatz in der Vergangenheit oft und gern gewogen wurde, hat Heimatforscher Dr. Manfred Schollmeyer in seinen Recherchen beispielsweise zum Weihnachtswiegen herausgefunden. Dies lag wahrscheinlich daran, dass es in Oschatz eine sehr lange Tradition der Waagenherstellung gibt.

 

Doch das Oschatzer Ratsherrenwiegen ist einzigartig in Nordsachsen, denn es verbindet gekonnt den Wohlstand seiner Räte mit Spenden für gemeinnützige Aktionen.

 

Die Prozedur ist jedes Jahr ähnlich. Zu Beginn der letzten Ratssitzung des Jahres wird jeder Stadtrat auf der Stuhlwaage gewogen. Anschließend wird das Durchschnittsgewicht der Stadträte ermittelt. Jeder Stadtrat zahlt für jedes Kilogramm einen Euro für einen gemeinnützigen Zweck ein, über den man sich zu Beginn der Zeremonie geeinigt hat. In den vergangenen 22 Jahren sind so rund 22 000 Euro zusammengekommen.

 

"Einen richtigen Codex für das Ratsherrenwiegen hat es jedoch nicht gegeben. Natürlich ist das eine freiwillige Sache, die oft sowohl für die Stadträte als auch für die Besucher der Sitzung ein Gaudi ist", erinnert sich Dana Bach, die schon seit vielen Jahren diese Veranstaltung begleitet. Spielverderber war in den Jahren 2011 und 2012 der NPD-Stadtrat Steffen Heller, der sich kategorisch weigerte, auf der historischen Stuhlwaage Platz zu nehmen. Weniger zimperlich zeigte sich CDU-Stadtrat Albert Pfeilsticker, der damals großzügig die NPD-Zeche übernahm. Locker nahm auch der CDU-Stadtrat Holger Schmidt die Wiegeaktion. Der Oschatzer Unternehmer, der auch sonst zahlreiche gemeinnützige Oschatzer Vereine unterstützt, griff sich zwei Wasserflaschen und stieg auf die Waage. Auch der damalige FDP-Stadtrat Rocco Eichler rundete sein Gewicht und damit seine Spende auf 100 Euro auf. FDP-Stadtrat Rainer Horbas, der an einer Wiegesitzung nicht teilnehmen konnte, meldet sein Gewicht telefonisch, um den Spendenbeitrag nicht zu schmälern.

 

Eine Zäsur wurde im Jahr 2007 gesetzt. Damals wurde auf einer Ratssitzung verbindlich festgelegt, dass beim Ratsherrenwiegen das Durchschnittsgewicht aus dem Gesamtgewicht, geteilt durch die Summe aller Stadträte plus Oberbürgermeister, ermittelt wird. Davor wurde immer die Summe der anwesenden Ratsherren verwendet. Trotzdem zeigte der Gewichtspfeil von 1991 bis 2013 nach oben. Im vergangenen Jahr lag das Durchschnittsgewicht bei stattlichen 89 Kilogramm. Ob die magische Grenze von 90 Kilogramm überschritten wird, zeigt sich heute Abend.

 

Profitiert haben vom Oschatzer Wiegegaudi bisher zahlreiche Vereine und Organisationen. Mehrfach wurde der Verein "Rettet St. Aegidien" bedacht. Auch der SHV, der Verein Frauen in Not, die Tafel, die Werbegemeinschaft oder der Heimatverein konnten Spenden verbuchen.

Hagen Rösner

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