Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Oschatz Nordsachsens einzige Hypar-Schale steht in Oschatz
Region Oschatz Nordsachsens einzige Hypar-Schale steht in Oschatz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 31.01.2018
Die Brüder Gottfried (l.) und Gerhard Kaiser haben vor 50 Jahren die Schalung für die Lonnewitzer Hypar-Schale gebaut. Quelle: Frank Hörügel
Lonnewitz

Spitz und irgendwie frech ragt die Spitze des dreieckigen Betondaches in den grau-blauen Himmel über dem Oschatzer Stadtteil Lonnewitz. „Wir haben in der DDR nicht nur Murks gemacht“, zeigt Gerhard Kaiser stolz auf den futuristisch anmutenden Bau. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Hypar-Schale. Gemeint ist eine hyperbolische Paraboloid-Schale. Diese Konstruktionsform ist untrennbar mit dem Bauingenieur Ulrich Müther (1934–2007) verbunden. Er war der König des Betonschalenbaus in der DDR.

In seinem Berufsleben wurden 74 Schalen nach seinen Entwürfen – teils mit Unterstützung anderer Architekten – errichtet. Die bekannteste dürfte der Teepott in Warnemünde sein. Einige sind abgerissen worden wie die Schale im Döbelner Bürgergarten, andere sind mittlerweile saniert wie das Ruderzentrum in Dresden-Blasewitz, wieder andere gammeln vor sich hin wie die Raststätte in Lonnewitz.

Etwa 70 Bauten in der DDR gehen auf Entwürfe des Bauingenieurs Ulrich Müther zurück. Der König des Betonstahlbaus hat auch die Hypar-Schale in Lonnewitz entworfen.

Deren Geschichte hat ihren Anfang vor 50 Jahren. Der Naundorfer Gerhard Kaiser (heute 86) und sein Bruder Gottfried aus Casabra (heute 84) arbeiteten damals als Handwerksmeister im privaten Baubetrieb ihres Vaters Martin mit Sitz in Casabra. 1968 erhielt die Firma mit etwa 35 Beschäftigten den Auftrag, eine Holzschalung für die Lonnewitzer Hypar-Schale zu bauen. „Das war eine große Herausforderung für uns. Wir bekamen eine Zeichnung, wo die einzelnen Höhepunkte eingetragen waren“, sagt Gottfried Kaiser.

Zu Zeiten der DDR-Mangelwirtschaft konnte das Material nicht einfach im Baumarkt gekauft werden. „Die Stangen für die Stützen wurden im Wermsdorfer Wald geschlagen“, so Gerhard Kaiser. Als Schalbretter wurden dem Baubetrieb Kaiser zehn Zentimeter starke Dielungsbretter zugeteilt – und zwar jeweils nur so viele, wie an einem Tag verarbeitet werden konnten. „Sonst wären die über Nacht weg gewesen“, schmunzelt der 86-Jährige bei der Erinnerung an diese Zeit.

Ulrich Müther – Pionier der „Hyparschale“

– Den Titel König des Betonschalenbaus in der DDR hat sich der Bauingenieur Ulrich Müther (1934 bis 2007) verdient. Dutzende futuristische Bauten in Ostdeutschland tragen seine Handschrift.

– Als Student an der Ingenieurschule für Bauwesen Neustrelitz widmetet er seine Diplomarbeit der Hyperbolischen Paraboloidschale. Müther war davon fasziniert, später nannte er die Bauten „hyperbolischen Paraboloide“ kurz „Hypar-Schalen“. Diese bestanden aus einem Netz von Stahlträgern, das aus Geraden zweifach gekrümmte Flächen erzeugt. Damit kann eine Hyparschale auch mit geraden Brettern eingeschalt werden.

Müthers erste selbsttragende Hypar-Schale war die Messehalle Bauwesen & Erdöl für die alljährliche Ostseemesse in Rostock-Schutow. Diese Doppelhalle entstand 1966 – zwei Jahre vor der Schale in Lonnewitz.

Müthers Schalen-Bauweise war zeitaufwendig, aber materialsparend, und entsprach daher den wirtschaftlichen Bedingungen der DDR.

– Vor allem an der Ostseeküste errichtete Müther eine Reihe spektakulärer Bauten wie etwa das Strandrestaurant Ostseeperle in Glowe (1968) als angekippte Hypar-Schale, deren Fensterfront sich zur See hin öffnet,den Teepott in Warnemünde und die Seenot-Rettungsstation in Binz.

– Die Zweckbauten waren für eine Betriebsgröße konzipiert, die nach der Wende im Allgemeinen nicht mehr profitabel für private Investoren war.

Innerhalb von drei Wochen stand die Holzschalung. Das war Ende 1968. Ende Dezember war es in diesem Jahr mit Temperaturen bis zu 17 Grad Celsius außergewöhnlich warm. Deshalb konnte zwischen Weihnachten und Januar die 68 Millimeter dicke Betondecke (doppelt bewehrt) auf die Schalung betoniert werden. Die Lonnewitzer Schale konnte bereits im ersten Halbjahr 1970 eingeweiht werden – ein Jahr vorfristig.

Und ab da ging es hier hoch her. „Dort war immer Betrieb. Die Oschatzer sind zum Mittagessen hergekommen. Wir haben hier Fasching gefeiert – das war eine Stätte zum Vergnügen. Und die Küche war gut“, schwärmt Gottfried Kaiser. Er muss es wissen. Seine Frau Annelore arbeitete von 1970 bis zur Schließung der HO-Raststätte Anfang der 90er Jahre in der Küche der Lonnewitzer Schale.

Für den Baubetrieb Kaiser war Lonnewitz nur der Anfang. Der Familienbetrieb baute danach die Schalung für die Schale im Döbelner Bürgergarten, die Schale in Ermsleben (Harz) und die in Dresden-Blasewitz. „Dresden war für uns die größte Herausforderung“, sagt Gerhard Kaiser. Denn dieses Gebäude besteht nicht wie in Lonnewitz aus nur einer Schale, sondern hier sind gleich vier Schalen ineinander gestellt. Das Ruderzentrum wurde nach dem Hochwasser 2002 saniert und ist heute noch in Betrieb.

Ein richtiger, ordentlicher Bauingenieur

Bei diesen vier Großprojekten arbeiteten die Kaiser-Brüder eng mit dem Bauingenieur Müther zusammen und erinnern sich heute noch an den König des Betonschalenbaus zu DDR-Zeiten. „Mit ihm konnte man über alles sprechen. Das war ein richtiger, ordentlicher Bauingenieur – nicht so einer von der abgehobenen Sorte“, schätzt Gerhard Kaiser ein.

Matthias Ludwig ist noch heute vom Schaffen des 2007 verstorbenen Müthers begeistert. Ludwig lehrt als Professor an der Hochschule Wismar und ist gleichzeitig Leiter des Müther-Archivs. Hier wird seit März 2017 der Nachlass des Bauingenieurs wissenschaftlich aufgearbeitet. „Die Schale in Lonnewitz ist vermutlich kein absolutes Unikat wie die Kurmuschel in Sassnitz. Sondern es handelt sich um eine Wiederverwendung einer ,gekippten’ Hypar-Schale in modifizierter Größe – 16 mal 16 Meter statt 20 mal 20 Meter, wie sie ursprünglich in Glowe auf Rügen als Ostsee-Restaurant gebaut wurde, sagt Ludwig.

Nutzung als Restaurant denkbar

Und wie könnte es nach Ansicht des Wissenschaftlers mit der Lonnewitzer Schale weiter gehen? „Es hat sich gezeigt, dass es recht schwierig sein kann, für manche Müther-Bauten eine neue Nutzung zu finden. Die Ansprüche nach der Wende haben sich eben stark verändert.“ Es gebe aber auch positive Beispiele wie in Glowe und Hohenfelden, wo Hypar-Schalen als Restaurants genutzt werden. Ludwig: „Dies scheint mir auch in Oschatz gut möglich zu sein.“

Die Chancen, dass die Lonnewitzer Schale aus ihrem nunmehr schon ein Vierteljahrhundert dauernden Dornröschenschlaf gerissen werden kann, vermindern sich allerdings mit jedem weiteren Tag Leerstand. Nach wie vor ist Karl-Heinz Merx der Eigentümer des Grundstückes. Er betreibt in St. Leon-Rot eine Recyclingfirma. 1994 kaufte der Schwabe die Immobilie von der staatlichen Treuhandgesellschaft. Im Jahr 2014 ließ er die Ruine der ehemaligen HO-Gaststätte neben der Hypar-Schale abreißen. Seitdem ist nichts passiert. Susanne Merx von Merx Recyclinganlagen teilt auf Anfrage mit: „Bisher gibt es noch keine konkreten Zukunftspläne für die Raststätte.“

Lonnewitzer Schale steht unter Denkmalschutz

Sicher ist nur: Die Lonnewitzer Schale kann nicht einfach abgerissen werden, denn sie steht unter Denkmalschutz. Erstmals konnten die Mitarbeiter der Denkmalschutzbehörde im Landratsamt Nordsachsen das eingezäunte Gebäude im Jahr 2015 zusammen mit dem Anwalt des Eigentümers betreten und sich ein Bild von seinem Zustand machen. Dabei wurden verschiedene Feuchteschäden festgestellt. „Es wurde darauf hingewiesen“, so Landratsamts-Pressesprecher Peter Stracke, dass die undichte Dachhaut eine Gefährdung für die Substanz des Kulturdenkmals darstelle und diese gemäß der im Denkmalschutzgesetz formulierten Erhaltungspflicht zu beseitigen seien.

„Passiert ist allerdings nichts“, so Stracke. Wie hoch die Aufwendungen zur Sicherung sein müssten – das Aufbringen von Schweißbahnen werde nicht ausreichen – , könne nur ein Sachverständiger für Stahlbetonkonstruktionen nach einer vorherigen Untersuchung einschätzen. „Wir werden uns in dieser Richtung weiter bemühen“, stellt Stracke in Aussicht.

Städtebaulicher Missstand

Als Oschatzer Bauamtsleiter hofft Michael Voigt darauf, dass die Bemühungen der Denkmalschützer schnellstmöglich von Erfolg gekrönt sein werden. Denn nach seiner Einschätzung handelt es sich bei dem Grundstück in Lonnewitz „nicht nur um einen kleinen Schandfleck, hier muss man leider schon von einem städtebaulichen Missstand sprechen, den es aus städtischer Sicht zu beseitigen gilt.“

Wenn sich Gerhard Kaiser wünschen könnte, in welcher Form dies geschehen sollte, dann hat er ein klares Bild vor Augen: das Ruderzentrum in Dresden-Blasewitz. Bei einem kürzlichen Ausflug in die Landeshauptstadt zur sanierten Hypar-Schale, für die er und sein Bruder einst die Schalung gebaut hatten, hat er gleich ein paar Erinnerungs-Fotos geschossen. „Das haben sie wunderbar hingekriegt. Auch die Schale in Lonnewitz könnte man sanieren, in Dresden haben sie es doch auch geschafft“, sagt der 86-Jährige.

Von Frank Hörügel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Wohnungsgenossenschaft Oschatz-Mügeln bewirtschaftet in Mügeln 132 Wohnungen in der Neuen und der Rosa-Luxemburg-Straße. Im Jahr 2016 investierte sie im ersten Wohnblock, der Neuen Straße 13 a-c rund 150 000 Euro in die Erneuerung der Heizung und der Warmwasserversorgung.

03.02.2018

Im Mügelner Stadtrat dreht sich das Personal-Karussell. Der bisherige Bürgermeister-Vize Carsten Bräuer hat hingeschmissen. Seine Funktion übernimmt Stefanie Schwaiger.

30.01.2018

Der Orkan Friederike hat auch in der Oschatzer Gartensparte „Erich Billert“ seine Spuren hinterlassen. Für die Kleingärtner ist damit jede Menge Arbeit verbunden.

30.01.2018