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Oschatzer Postkarten sind im Internet bis zu 85 Euro wert

Virtuelle Versteigerung Oschatzer Postkarten sind im Internet bis zu 85 Euro wert

Die Philokartie – das Sammeln von Post- und Ansichtskarten – gilt vielen als verstaubtes Hobby. Doch weit gefehlt. Die Karten bieten Einblick in die Stadtgeschichte, dokumentieren Veränderungen und geben Hintergrundwissen zu Straßennamen. Bei Ebay und Co. werden die Postkarten von Oschatz und Umgebung immer öfter gehandelt.

Eine Ansichtskarte aus der Lithographischen Anstalt von Fedor Göthel in Oschatz. Sie wurde 1890 von Oschatz nach Geithain verschickt. Wert: 85 Euro.
 

Quelle: privat

Oschatz.  Eins, zwei, drei, meins. Schnell und bequem ist das Einkaufen und Ersteigern via Ebay und Co. Immer mehr Philokartisten entdecken das Internet für sich. Wo früher noch über Flohmärkte und Messen flaniert oder beim Philokartistenstammtisch eifrig getauscht wurde, klickt vermehrt die Maus beim virtuellen Postkartenkauf. Die Vorteile liegen auf der Hand: die Zugangsmöglichkeiten sind größer. In Online-Auktionshäusern, Privatbibliotheken einzelner Händler oder Facebookgruppen werden Millionen von Exemplaren feilgeboten.

Deutschlands führender Anbieter im Segment Postkarten ist das Aktionshaus Stade in Baden-Württemberg. Auf seinen vier Auktionen im Jahr gehen pro Veranstaltung rund 17.000 Einzelkarten und bis zu zwei Millionen Postkarten im Sammelpaket über den Tisch. Freddy Egen, Sachverständiger bei Stade: „Mit dem Internet hat sich das Postkartensammeln stark verändert. Jetzt kann der Sammler regional ungebunden auf Einkaufstour gehen, ohne weite Wege fahren zu müssen.“ Auf den einschlägigen Fachmessen sei das Angebot der Händler immer überschaubar gewesen. Auf den Online-Plattformen stünden deutlich mehr Karten zum Kauf. „Weil die Beschaffung deutlich bequemer ist, gibt es auch wesentlich mehr Sammler als früher.“

Klaus Thiele (l) und Manfred Schollmeyer sammeln auf unterschiedliche Weise alte Postkarten

Klaus Thiele (l.) und Manfred Schollmeyer sammeln auf unterschiedliche Weise alte Postkarten: Einer stöbert auf Trödelmärkten, der andere im Internet.

Quelle: Dirk Hunger

Die Suchmaschinen auf den Online-Plattformen sind laut Egen ein weiterer Vorteil. Schnell sei herauszufinden, ob und wie viele Karten es bei einem Händler von einem Ort gebe. Herkömmliche Verkäufer seien oft unsortierter, die Suche dauere länger. Auch könnten Käufer Karten von kleineren Städten wie Oschatz via Internet andern Ortes billiger erwerben, da die Karten von Oschatz aus verschickt wurden, Sammler vor Ort gegenseitig den Markt leer kauften und so die Preise in die Höhe trieben. Zudem sei über das Internet der Kontakt zu kleineren Händlern bundesweit einfacher herzustellen.

Eine Ansichtskarte aus Oschatz koste im Schnitt zehn bis 20 Euro. Begehrte Karten kommen für 100 Euro und mehr unter den Hammer. „Sehr gesucht sind jedoch die sogenannten Vorläufer, Karten vor 1895, mit noch nicht ausgereifter Drucktechnik oder ohne Bild. Hier ist jeder Preis denkbar und wird schon einmal 1000 Euro pro Exemplar gezahlt.“ Bei Sammlern hoch im Kurs stünden auch Motive von Firmen in kleinen Dörfern, die es nicht mehr gibt. Und: Je kleiner die Stadt, desto höher der Wert der Postkarte. Das bestätigt auch der Oschatzer Postkartensammler Günther Hunger. „Dörfer an der Kleinbahnstrecke wie Glossen, Mahlis oder Kemmlitz sind wertvoller als Motive aus größeren Städten. Sie haben über die Jahre an Wert gewonnen.“ Daneben seien laut Egen auch Ansichten von zugseitig fotografierten Bahnhöfen mit Lokomotive und Stationsvorsteher sehr beliebt, ebenso unbekannte Straßenzüge, belebte Viertel und Innenansichten von Gaststätten, Militärkasernen, Soldaten, sowie Feldpost aus dem Krieg. Gekauft werden die Karten vorrangig von Heimatfreunden. Für eingefleischte Sammler sind sie ein Fenster in die Vergangenheit ihrer Stadt.

Manfred Schollmeyer, Sammler aus Oschatz, schätzt die Karten als zeitgeschichtliches Dokument. Seine Sammelleidenschaft wurde geweckt, als der Arzt im Oschatzer Krankenhaus arbeitete, sich für dessen Geschichte interessierte und anhand von Postkartenmotiven die baulichen Veränderungen ablesen konnte. Auch sein Merkwitzer Sammlerkollege Klaus Thiele interessiert sich für die Geschichte seiner Heimat und sammelt alles, wo Oschatz drauf steht. „Von 1949 bis 2016 hat sich Oschatz sehr verändert. Viele Gebäude sind weggerissen worden, vieles wurde erneuert. Das muss mit Hilfe der Postkarte dokumentiert werden.“ Für Schollmeyer ist das Sammeln gerade im Alter eine Beschäftigung, die den Geist fit hält. Der 76-jährige Rentner klickt regelmäßig durch die Angebote bei Ebay oder lässt sich neue Offerten per Newsletter von Online-Händlern zusenden. „Die Möglichkeiten, die mir das Internet als Sammler bietet, finde ich großartig. Das Angebot ist größer und eine Oschatzer Karte bekomme ich in Köln billiger als hier vor Ort.“ Die wirklichen Raritäten könne man nicht sofort kaufen, sondern müsse man ersteigern. Über Geld spricht der eingefleischte Sammler nicht, weiß aber als regelmäßiger Besucher des Oschatzer Philokartistenstammtisches, dass für eine Lithographie der Kleinstadt von 1890 einmal 85 Euro gezahlt wurden. Damit zählt sie zu den teuersten Ansichtskarten der Region. Dass man durch das Internet mehr Geld als früher beim herkömmlichen Sammeln ausgibt, kann Schollmeyer für sich nicht bestätigen. Der Arzt im Ruhestand sieht im Online-Sammeln jedoch ein großes Suchtpotenzial.

Aus diesem Grund lässt Sammler Klaus Thiele lieber die Finger vom Onlinekauf. „Hätte ich Internet, würde mich das krank machen. Ich würde den ganzen Tag vor dem Kasten sitzen und immer mehr Karten kaufen“, sagt der Gründungsvater des Oschatzer Philokartistenstammtisches. Bald wäre dann die Geldbörse leer. Der 67-Jährige sammelt lieber auf die herkömmliche Art und ist damit zufrieden. Er schätzt das persönliche Gespräch mit dem Gegenüber beim Kartenkauf, der Gang über den Flohmarkt, das Blättern durch den Schuhkarton, die Kurzreise auf eine Messe – damit seien Erlebnisse verbunden. Zudem erfahre man so mehr Hintergrundwissen über das eingekaufte Exemplar. „Ich möchte auch die Karte in der Hand halten und die Qualität des Materials fühlen.“ All das könne das Internet mit seinen anonymen Händlern und Angeboten nicht bieten.

Sachverständer Egen räumt Fallstricke beim Online-Kartenkauf ein. „Die Qualität ist schwer zu beurteilen, weil man nur die Abbildung sieht. Viele Kleinanbieter geben Mängel nicht an, ob die Briefmarke entfernt ist, die Karte Knicke hat, Klebestellen, Löcher oder Dreck aufweist.“ Auch Fälschungen seien im Umlauf. Er rät dazu, bei Händlern mit großem Sortiment einzukaufen, die sich einen schlechten Ruf nicht leisten könnten und Bewertungen anderer Käufer durchzulesen. Schollmeyer ergänzt: „Oschatz-Sammler müssen darauf achten, ob die Karten überhaupt aus Oschatz stammen.“ Falsche Beschreibungen führten oft in die Irre. Der Anfänger sollte sich daher gut in die Thematik einlesen, um zu wissen, was er vor sich hat. Bei einer ungenauen Beschreibung der Qualität sollte er beim Händler nachhaken. Wichtig sei zudem, sich ein finanzielles Limit zu setzen. „Das ist ein Lernprozess – Lerning by Doing.“ Für den Anfänger sei es aber jetzt schwerer als noch vor 20, 30 Jahren. „Alles ist teurer als früher. Der Markt ist leer gefegt. Richtige Raritäten gibt es immer seltener.“

Von Oliver Becker

Oschatz in Zahlen

Bundesland: Sachsen

Landkreis: Nordsachsen

Fläche: 55,44km²

Einwohner: 14.734 Einwohner (Dezember 2015)

Bevölkerungsdichte: 266 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04758

Ortsvorwahlen: 03435

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