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Oschatz Oschatzer Sonderschau zur Kinder- und Jugendmode in der DDR
Region Oschatz Oschatzer Sonderschau zur Kinder- und Jugendmode in der DDR
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12:51 31.03.2017
Die frühere Eko-Näherin Roswitha Haferkorn (l.) hält das Oberteil eines Jogging- Anzugs für Kinder in den Händen. Und die ehemalige Eko-Strickerin Bärbel Kühne zeigt einen Pullover mit einem Muster, wie es für Exporte in die Sowjetunion verwendet wurde. Quelle: Frank Hörügel
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Oschatz

Der Ost-Alltag in der DDR war gar nicht so grau, wie er aus heutiger Sicht erscheint. Von Oschatz aus wurden bunte Farbtupfer gesetzt. Hunderttausende Kinder zwischen Kap Arkona und Oberwiesenthal streiften sich Pullover, Jacken, Hosen und Kleider in knallbunten Farben über. Gefertigt wurden diese Kleidungsstücke im Volkseigenen Betrieb (VEB) Erstlings- und Kinderbekleidungswerk Oschatz – kurz Eko genannt –, der auch in Roßwein produzierte. Die Eko ist nun Kern einer Sonderausstellung unter dem Titel „Chic im Osten – Kinder- & Jugendmode in der DDR“, die Samstagnachmittag um 13.30 Uhr im Stadt- und Waagenmuseum Oschatz eröffnet wird.

So warb die Eko für ihre Winterkollektion. Quelle: Privat

Um 4.08 Uhr rollte der Bus in Börln los, der Bärbel Kühne pünktlich zum Beginn der Frühschicht um 5 Uhr in die Eko brachte. Die heute 54-Jährige arbeitete hier von 1979 bis 1990 als Strickerin in drei Schichten. Zuletzt bediente sie zwei moderne Strickmaschinen, die sogar von Computern gesteuert wurden. „Das Betriebsklima war super“, sagt die Börlnerin, die heute selbstständig für eine Kosmetikfirma arbeitet.

Frauen in der Übermacht

Frauen waren in der Eko ganz klar in der Übermacht. In der 850-köpfigen Belegschaft kamen auf einen Mann rein rechnerisch acht Frauen. Und die brachten ihre männlichen Kollegen manchmal ganz schön ins Schwitzen. Im Sommer hatten die Frauen nur dünne Dederon-Kittel an. Dederon („DDR-on“) war eine Kunstseide und das Pendant zum Perlon des Westens. Unter den Kitteln der Eko-Damen zeichneten sich Büstenhalter und Slips ab. „Wissen Sie, wie viel Spaß wir hatten – aber ohne schlechte Hintergedanken“, betont Roswitha Haferkorn mit einem Lächeln.

Im Oschatzer Steinweg befand sich zu DDR-Zeiten ein Betriebsteil des VEB Eko. Quelle: Günther Hunger

Die 61-jährige Oschatzerin arbeitete von 1971 bis 1990 als Näherin und sie erinnert sich gern an diese Zeit. Beim Gedanken an den Kaffeeduft, der früh durch den Arbeitssaal zog, zieht sie noch heute genießerisch die Luft ein. Und wenn eine Kollegin Geburtstag hatte, gab es auch mal einen kleinen Schluck Wein in die Kaffeetassen. So ging die Arbeit gleich viel besser von der Hand. „Ich würde jederzeit wieder dort arbeiten“, sagt Roswitha Haferkorn. Das ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Die Eko gibt es nicht mehr. Der Betrieb wurde 1993 liquidiert. Die Oschatzerin arbeitete danach 20 Jahre in der Philatelie Wermsdorf.

Zwei Kollektionen pro Jahr

Die Frauen konnten in dem Oschatzer Betrieb für DDR-Verhältnisse gut verdienen. Bärbel Kühne hat noch einen Lohnzettel von 1990 aufgehoben. 1000 DDR-Mark hat die Strickerin im Monat erhalten. Als Näherin verdiente Roswitha Haferkorn weniger, etwa 700 Mark. „Wenn du gut gearbeitet hast, hast du gut verdient“, sagt Roswitha Haferkorn. Allerdings durfte dabei nichts dazwischen kommen. Denn die Arbeiterinnen wurden nach Stückzahl bezahlt. „Wenn die Maschine still stand, hast du nichts verdient“, sagt die Oschatzerin.

Auch die Kinder der Eko-Frauen wurden mit Produkten aus Oschatz eingekleidet. Schließlich waren die Sachen modern. Jedes Jahr wurden in der Eko zwei Kollektionen mit 300 Modellen entworfen. Es gab eine Frühjahrs- und eine Winterkollektion, die stolz auf der Leipziger Messe präsentiert wurden.

Lässigkeit war auch bei der Sommerkollektion Trumpf. Quelle: Privat

Im Kindesalter trugen die Töchter von Bärbel Kühne und Roswitha Haferkorn natürlich Eko-Pullover. Auf dem Silbertablett bekamen sie ihre eigenen Produkte jedoch nicht serviert. Denn die Kleidungsstücke waren Bückware – wie so vieles andere in der DDR auch. Die Beschäftigten bekamen im Jahr zwei Bons zugeteilt, mit denen sie im Werksverkauf zwei Kleidungsstücke erwerben konnten. Oft waren das Pullover oder Jacken zweiter Wahl mit kleinen Fehlern. „Wir haben überwiegend für den Export produziert, da blieb für die eigene Bevölkerung nicht viel übrig“, sagt Manfred Hoffmann. Der heute 80-jährige Lampertswalder war von 1964 bis 1985 Werksleiter in der Konfektion und anschließend Mustertechnologe.

Baumwolle war ein Fremdwort

Die Pullover und Kleider, die in Oschatz hergestellt wurden, bestanden aus synthetisch hergestellten Fasern. Die hießen Dederon, Wolpryla, Grisuten oder Polyacryl. Baumwolle war ein Fremdwort. Die Chemiefasern hatten zwei Vorteile: Sie blieben auch nach dem Waschen in Form – und hielten schön warm. Nicht zuletzt deshalb ging ein großer Teil der Produktion in die Sowjetunion mit ihren kalten Wintern oder in die Mongolei.

Aber auch im Westen waren die Kindersachen aus Oschatz begehrt, jedoch aus einem ganz anderen Grund. Sie waren billig. Die sogenannte Devisenrentabilität betrug etwa 40 Prozent: Bei Produktionskosten von einer DDR-Mark wurde ein Verkaufspreis von 40 West-Pfennigen erlöst. Die DDR war trotzdem auf dieses Verlustgeschäft angewiesen. Denn die Devisen wurden dringend benötigt, um für die Bevölkerung zum Beispiel zu Weihnachten auch mal Apfelsinen einkaufen zu können.

Halb durchsichtige Dederonkittel waren die Berufsbekleidung der Eko-Frauen und brachten die männlichen Kollegen manchmal ganz schön ins Schwitzen. Quelle: Privat

Für die Eko-Beschäftigten war das schon ein komisches Gefühl, wenn sie die Kinderkleidung für die Westabnehmer verpackten. Die Pullover wurden dabei statt in graues Packpapier in weißes Seidenpapier gepackt. Und auf den Etiketten, die von den Auftraggebern gleich mitgeliefert wurden, stand nun nicht mehr Eko, sondern zum Beispiel C&A. „Für das Versandhaus Quelle, Kaufhof oder C&A haben wir Stückzahlen von 30 000 bis 50.000 hergestellt“, erinnert sich Werksleiter Hoffmann. Die Auftraggeber nahmen Einfluss auf die Muster der Kleidungsstücke. Und teilweise wurden in der Endkontrolle in Oschatz schon die Preisschilder in D-Mark angebracht. Für die Eko-Beschäftigten war es ernüchternd zu sehen, wie billig ihre Produkte im anderen Teil Deutschlands verschleudert wurden. „Das war schon ein bisschen diskriminierend für uns. Aber es war eben so“, sagt Manfred Hoffmann.

Das rasche Aus des DDR-Vorzeigebetriebes nach der Einführung der D-Mark im Sommer 1990 war für den Ingenieur für Bekleidungsindustrie deshalb keine Überraschung: „Mit der D-Mark gab es eine große Begeisterung in der Belegschaft, aber damit war auch das Ende der Eko besiegelt. Mit den neuen Preisen war das nicht mehr machbar.“ Im ehemaligen Grundstufenwerk in Merkwitz produziert heute die Firma Frankenstolz Matratzen, im Betriebsteil in der Strehlaer Straße sind moderne Loftwohnungen entstanden.

Öffnungszeiten der Ausstellung

Die Sonderausstellung „Chic im Osten – Kinder- & Jugendmode in der DDR“ kann ab Samstag bis zum 6. August besichtigt werden. Das Stadt- und Waagenmuseum in der Frongasse 1 hat dienstags bis donnerstags von 10 bis 12.30 und 13 bis 17 Uhr geöffnet. Freitags bis sonntags ist das Museum von 13.30 bis 17 Uhr offen.

Von Frank Hörügel

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