Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Oschatzer Teufelsgeiger macht diabolisch gute Musik

Kultur Oschatzer Teufelsgeiger macht diabolisch gute Musik

Martin Roßdeutscher ist die Musik in die Wiege gelegt worden. Ein Markenzeichen von ihm waren damals das weiße Hemd und die Fliege, die er immer zum Geigenunterricht und bei Auftritten trug. Heute tritt der Teufelsgeiger in schwarzem Leder und mit Tattoos auf und begeistert sein Publikum.

Martin Roßdeutscher begeistert auf seiner Violine.

Quelle: Kristin Engel

Oschatz. Martin Roßdeutscher erinnert sich noch gut an den September 1965. Denn nachdem für den damals Sechsjährigen an einem Montag die Schule begann, ging es bereits am Dienstag auch mit der ersten Stunde Geigenunterricht los. „Ich konnte weder lesen noch schreiben. Meine Mutter war mit mir dort. Sie musste für mich alles notieren“, erzählt der heute 59-Jährige. Dabei stand es bereits in der Vorschule fest, dass der Junge zur Geige greifen würde. „Ich bin musikalisch vorbelastet“, sagt er lachend. Bereits sein Vater war Musiker. Er spielte unter anderem Akkordeon. Und sein sechs Jahre älterer Bruder spielte da bereits Klavier, Klarinette und Saxophon, und seine vier Jahre ältere Schwester Klavier, Gitarre, Querflöte, Trompete und Posaune. Und die Mutti der Familie? „Sie hatte eine wirklich schöne Stimme und sang mit uns. Sie war immer für uns da. Wir waren die typische DDR-Familie.“

Doch zurück zum Vorschultest. „Ich wusste, dass ich irgendein Instrument spielen wollte. Mein erster Musiklehrer, Franz Just aus Weimar, wusste genau, welches Instrument für mich in Frage kam. Er sagte gleich: ,Der Junge wird Geigenspieler. Ich unterrichte ihn. Er hat das absolute Gehör.’ Und er hatte recht. Doch es war Fluch und Segen zugleich.“ Martin Roßdeutscher meint damit, dass es ihm möglich war, die Geige zu stimmen ohne eine Stimmgabel dafür zu benutzen und der Ton passte genau. Andererseits hörte er aber auch bei Auftritten anderer Musiker genau, wenn ein Ton schief klang.

Ein Markenzeichen von ihm waren damals das weiße Hemd und die Fliege, die er immer zum Geigenunterricht und bei Auftritten trug. Der Grund dafür war, dass sein Lehrer, den er damals sehr bewunderte, ebenfalls Hemd und Fliege trug.

Im Dezember 1965 hatte der junge Musiker seinen ersten öffentlichen Auftritt im Krankenhaus Wolfen. Gemeinsam mit dem „Chefgipsmeister“ spielte er im Besucherraum des Hauses. „Damals gab es noch keine Plastikschienen. Da wurde alles in Gips gelegt“, erklärt der Mann, der heute im Naundorfer Ortsteil Hof wohnt, den Begriff des „Chefgipsmeisters“. „Ich stand auf einem Stuhl, damit ich die gleiche Größe wie der Arzt hatte. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Denn in diesem Augenblick habe ich für mich entschieden, Musiker zu werden.“ Martin Roßdeutscher muss schmunzeln bei der Erinnerung. Bereits mit zwölf Jahren wollte er nach Halle in das Konservatorium Georg-Friedrich-Händel. Doch sein Vater sagte nein. Er war selbst Musiker und wusste, wie schwer es war, mit diesem Beruf zu leben. Daher war es für ihn so wichtig, dass sein Sohn erst einen „richtigen“ Beruf erlernt. So wurde er als Installateur ausgebildet. Diesen Beruf ergriff er nach seiner Ausbildung jedoch nie.

Nach der Lehre ging es zur Armee. Als er von dort zurückkam, erhielt er 1981 das Angebot, als Schlagzeuger in einer Band mitzumachen. Immerhin spielte er auch dieses Instrument seit seinem zehnten Lebensjahr. So musizierte er zusammen mit der Band „Bianca Graf & Intension“, zog nach Halle und begann parallel zur Musikerkarriere, sich seinen lang ersehnten Wunsch zu erfüllen: Er studierte Musik am Konservatorium Georg-Friedrich-Händel. „In meinem Studiengang waren einige berühmte Künstler. Darunter Michael Barakowski von der Gruppe Perl, Tino Schultheis, Bassist der Gruppe Berluc, und die Kinder der Puhdys – die Gruppe Rosalili. Es war eine schöne Zeit.“ Und auch wenn er erst Jahre später das Studium beginnen konnte, was er bereits mit zwölf Jahren angestrebt hatte, sieht er die Zeit nicht als verloren. „Ich bin froh darüber, dass mein Vater so streng war. Dadurch bin ich in der Lage, handwerklich selbst anzupacken. Es war schon alles richtig so“, sagt der 59-Jährige.

Doch nach der Wende war erst einmal Schluss mit Musik. „1990 waren fast alle Ostbands tot. Und auch mein Schlagzeug stand drei Jahre lang im Schuppen. Um zu überleben fuhr ich Lkw. Erst als eine alte Amateurband angefragt hatte, ob wir nicht gemeinsam etwas machen könnten, ging es langsam wieder aufwärts. 1994 stand ich bei der Oldie-Nacht von Radio Brocken wieder auf der Bühne. Zwischenzeitlich spielte ich ab und an bei einer Blaskapelle mit. Vier Jahre später forderte mich ein Musikerkollege auf, nach Dessau zu kommen und mit in der Band „Eckis Musikexpress“ zu spielen. Daraufhin habe ich mich wieder als Musiker angemeldet. Durch Ecki kam ich 2000 zu den Original Saaletalern in Weißenfels.“

Bei einem Auftritt von ihm bei der MDR-Sendung „Hier ab vier“ wurde die Crew von „TV Total“ auf den Teufelsgeiger aufmerksam und er wurde für den Raab der Woche nominiert. „Sie haben gesehen, wie ich meine Geige auf dem Rücken gespielt habe und mich nach Köln eingeladen. Es war eine tolle Erfahrung.“ Doch ohne ein paar starke Schmerztabletten, die er mit einem Glas Sekt hinunterspülte, hätte er es wohl nicht geschafft. „Ich hatte mir vorher die Rippen geprellt. Der Arzt verschrieb mir die Tabletten, um den Auftritt überhaupt durchzustehen. Die Schmerzen spürte ich erst auf der Heimfahrt wieder. Doch es war einfach sensationell. Die Atmosphäre in dem Kino war einzigartig. Es ist nichts gestellt, es wird nichts wiederholt, alles live, einfach großartig“, schwärmt er noch heute.

Doch nach diesem Auftritt hat sich vieles geändert. „Der Chef der Band, bei der ich in dieser Zeit gespielt habe, war neidisch darauf, dass die Leute nun wegen mir zu den Konzerten kamen. So trennten sich 2002 schließlich unsere Weg und ich machte alleine als Solist weiter. Es gab gute Zeiten, in denen ich mit meiner Musik über die Runden kam, manchmal musste ich jedoch auch Lkw fahren, um zu überleben.“ So kam der Entschluss, 2003 selbst als DJ zu arbeiten – DJ Rossi war geboren. Nun konnte er sein eigenes Programm vorstellen und selbst als Disc Jockey tätig sein. Er erweiterte sein Repertoire, indem er ab August seinen Bart nicht mehr rasiert und zur Adventszeit die Kinder als Weihnachtsmann überrascht oder bei Kinderfesten den Kleinen ein buntes Gesicht zaubert. „Entertainer ist eben Entertainer. Da schminkt man auch mal Kinder“, sagt er lachend und man merkt ihm an, dass er das, was er tut, von ganzem Herzen liebt.

Auch wenn es mit seinem Beruf gut verlief, hatte Martin Roßdeutscher einige Rückschläge zu verkraften. „2006 hatte ich einen Auftritt in Riesa. Doch bevor ich auf die Bühne ging, hatte vor mir ein Mann einen epileptischen Anfall. Er fiel um. Ich konnte ihn gerade noch auffangen, bevor er auf den Boden aufschlug. Dann knallte es plötzlich in meinem Arm. Der Biceps war gerissen. Ich stand bereits mit angebrochenen Rippen auf der Bühne und dachte, ich könne auch dieses Mal auftreten. Doch mein Arzt zeigte mir schnell, dass das nicht ging. Zweimal musste ich operiert werden. Fitnesstraining, wie ich es zuvor regelmäßig gemacht habe, war nicht mehr möglich. Innerhalb von drei Monaten habe ich 40 Kilo zugenommen. Doch das war noch lange nicht das Schlimmste.“ Im Januar 2016 kam Martin Roßdeutscher eine Woche nach der Operation aus der Collmklinik in Oschatz nach Hause. Seine Frau sagt ihm nach zehn gemeinsamen Jahren: „Wir trennen uns!“

Ein Schock für den Musiker. „Später habe ich mich zufällig mit einer netten Person bei Facebook geschrieben und sie hat mich zum Kaffee eingeladen. Wir sind uns näher gekommen und ich habe sie zu einer Veranstaltung mitgenommen, weil sie sehen wollte, was ich so mache. Bei dem Song von City ,Flieg ich durch die Welt’ habe ich beim Spielen und Singen nachgedacht und festgestellt, dass es ganz genauso war: ,Alles war auf Leerlauf eingestellt. Dann kamst Du. Jetzt flieg ich durch die Welt.’ Auch meine Physiotherapeutin in der Reha sagte mir, dass es sehr gut war, Manuela in dieser schweren Situation gefunden zu haben. Seitdem heißt dieser Song bei mir nur noch ‚Für Manuela‘.“

Noch heute hat Martin Roßdeutscher durch diese Verletzung einige Schwierigkeiten. Doch durch seine Freundin hat er die Kraft gefunden, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Er spielt mit der Band „Honky Tonk“, die nach dem Leipziger Kneipenfestival benannt ist, ist als DJ Rossi viel unterwegs und spielt Geige auf Einschulungen, Geburtstagen und sogar bei Beerdigungen. Im Jahr hat er etwa 80 bis 100 Auftritte. Seine Taschen stehen fertig gepackt im Flur immer bereit. Darin befinden sich zwei schwarze Hosen, passende Shirts und schwarze Schuhe. Denn oft kommt ein spontaner Anruf, der den Teufelsgeiger zu einem Auftritt ruft. „Man wird nicht reich damit, aber es macht riesigen Spaß, solange das Publikum gut drauf ist.“

Um auch mal auszuspannen, hat er sich nun einen Wohnwagen angeschafft. Die erste Reise ist schon geplant. Es geht in die Sächsische Schweiz. Dann sammelt er neue Kraft, um auch bei seinen nächsten Auftritten wieder Vollgas zu geben. Einige stehen bereits fest. Er wünscht sich, dass Manuela ihn auf seinen Touren begleitet, so dass sie nicht nur das Private, sondern auch den Beruf miteinander teilen können.

Von Kristin Engel

Oschatz 51.3006128 13.1059825
Oschatz
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Oschatz
  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Kommen Sie an Bord: Am Sonntag, 22. Oktober 2017, laden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse in das LVZ Verlagsgebäude ein. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

21.10.2017 - 19:46 Uhr

Im Kreisoberligaspiel gewann Deutzen knapp gegen den Nachbarn Regis-Breitingen.

mehr