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Schatten auf dem Familienidyll

Schatten auf dem Familienidyll

Heute erinnert sie sich - nicht frei von Schmerz und schon gar nicht, ohne wieder und wieder zum Taschentuch zu greifen. Abgelehnt von ihrer Mutter wächst Sabine Schmidt, geborene Schrodt, kurz nach ihrer Geburt im Mai 1953 bei den Großeltern in Oschatz auf.

Oschatz.

Doch bereits zehn Jahre zuvor, vor mehr als sieben Jahrzehnten, beginnt sich in jener bis zu diesem Tag unauffälligen Familie das Schicksal seine Wege zu bahnen.

 

Deutschland im Jahr 1943, in den Wirren des Zweiten Weltkrieges: der Großvater, dienstverpflichtet in Ostfriesland, die Großmutter, Hildegard Dora Schrodt, 33 Jahre alt und allein, mit zwei Kindern von elf und zwölf Jahren. Sie verliebt sich - in einen französischen Kriegsgefangenen. Eine verbotene Liaison, die kriegsgerichtlich verfolgt wird - ein Drama, das nicht zuletzt das Ende der einst engen Familienbande markiert. Im Januar 1944 fällt in Leipzig das Urteil. Hildegard Schrodt erhält zwei Jahre Zuchthaus, außerdem zwei Jahre Ehrverlust. "Zu dieser Zeit waren es rund 18 000 französische Kriegsgefangene, die in Oschatz in sogenannte Arbeitskommandos aufgeteilt wurden", sagt Gabriele Teumer, ehemalige Vorsitzende des hiesigen Geschichts- und Heimatvereines. Dass sich Bewohner und gefangenen Arbeiter, die sich eines Tages über den Weg laufen, manches Mal ineinander verlieben würden, sei normal gewesen, so Teumer. Drakonisch ist einzig die aus dem Kontakt resultierende Strafe gewesen.

 

Sabine ist sieben, vielleicht acht Jahre alt. Hier beginnen die Erinnerungen. Ein junges Mädchen, blondgelockt. Die Schule in Oschatz besucht sie mit nur mäßiger Begeisterung, auch die Zensuren könnten besser sein. Ungleich mehr erfordert die harte Arbeit auf den Feldern, die tagein, tagaus auf die Schülerin wartet, ihre ganze Kraft. "Meine Seele weint bis zum heutigen Tag", erzählt die 61-Jährige. Ihre Suche nach einer verlorenen Kindheit hat sie nie aufgegeben. Auch heute nicht als Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Seit mehr als 20 Jahren kommt Sabine Schmidt nicht los davon. Sie kramt in den Archiven Sachsens und seiner Nachbarbundesländer, kontaktiert Vereine, um mehr zu erfahren über die Jahre im Krieg. Sie hat diesen einen Wunsch: ". . . sich der eigenen Familientragödie anzunähern, um endlich abzuschließen. Und wenn meine Kraft reicht, dann möchte ich in den nächsten Jahren erreichen, dass eine Gedenktafel installiert wird, dort wo meine Oma und all die anderen die Qualen über sich ergehen lassen mussten." Auf eine unlängst in der OAZ veröffentlichten Anzeige mit der Suche nach Zeitzeugen und ihren Nachfahren, denen ähnliches Leid widerfahren ist, meldete sich niemand. "Meine Oma hat mehrfach versprochen, mir die ganze schlimme Geschichte anzuvertrauen. Erst sagte sie, wenn ich Jugendweihe habe. Dann sagte sie, wenn ich verheiratet bin. Was ich mir davon erhoffte? Diesen unendlichen Kummer besser zu verstehen, doch sie hat ihr Versprechen nicht eingehalten."

 

Früh spürt die Enkelin, welch "riesiger Schatten" auf dem Familienidyll lastet. Doch die Großeltern sprechen nicht. Alte Unterlagen verbrennen sie. Sie schweigen und nehmen die Erinnerungen an das Geschehene mit ins Grab. Die beiden Kinder, Schmidts Mutter und ihr Onkel, bleiben seit der Inhaftierung bei Verwandten. "Seit drei Jahren", erzählt die 61-Jährige, wisse sie nun, dass ihre Oma für einen Tag in den Pranger am Oschatzer Rathaus gesperrt wurde. Dort habe die Bevölkerung ihre Abneigung öffentlich machen können. Ein weiteres Puzzle-Teil, wie Schmidt konstatiert. "Jeder konnte meine Oma anspucken. Man hat ihr den Kopf kahl geschoren", sagt sie mit zittriger Stimme, bevor sie abermals zum Taschentuch greift, um die frischen Tränen zu trocknen. Es war vermutlich der Umgang der Großeltern mit ihrer Geschichte, die verklärte Wahrheit darum, was wirklich geschah, die Sabine Schmidt seit ihrer Jugend ratlos zurücklässt. "Zuhause war immer nur die Rede von KZ. Heute weiß ich, sie war in Griebo in Sachsen-Anhalt. Laut Unterlagen arbeitete sie dort in einer Sprengstoff- fabrik." Zurück in Oschatz im Herbst 1945 - der Großvater stellte Anfang selbigen Jahres ein Gnadengesuch, woraufhin die NS-Staatsanwaltschaft Leipzig die Haft um ein halbes Jahr verkürzte - ertränkte die Großmutter ihren Kummer fortan im Alkohol. "Noch Jahre später entdeckten wir unzählige Flaschen, versteckt unter Dielen", erinnert sich die Enkelin. "Als mein Großvater sie fand, entbrannte jedes Mal ein schrecklicher Streit um Verletzungen und Scham." Mit 22 Jahren heiratete Schmidt ihren heutigen Ehemann und zog mit ihm nach Neuhausen im Erzgebirge. Glück habe sie erst dort kennen gelernt. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1982 wählte Hildegard Dora Schrodt nach langer Krankheit den Freitod.

Juliane Lange

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