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Schließung der Oschatzer Geburtshilfe: "Fehlende Kinderabteilung war Sargnagel"

Interview Schließung der Oschatzer Geburtshilfe: "Fehlende Kinderabteilung war Sargnagel"

Manfred Schollmeyer (76) war von 1974 bis 2004 Chefarzt der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung am Kreiskrankenhaus und an der Collm-Klinik. Für den promovierten Facharzt für Frauenheilkunde ist die Schließung der geburtshilflichen Abteilung eine Konsequenz des seit der Wende anhaltenden Geburtenrückganges und dem Versäumnis, im Krankenhaus eine Kinderabteilung aufzubauen.

Dr. Manfred Schollmeyer (76) war von 1974 bis 2004 Chefarzt der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung am Kreiskrankenhaus und an der Collm-Klinik.

Quelle: Dirk Hunger/Alexander Bley

Oschatz. Dr. Manfred Schollmeyer (76) war von 1974 bis 2004 Chefarzt der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung am Kreiskrankenhaus und an der Collm-Klinik. Während jener Zeit genoss diese über die Stadtgrenzen hinaus einen guten Ruf. Eben weil Innovationen frühzeitig im Klinikalltag etabliert wurden. Beispielsweise der Einsatz der Ultraschalltechnik oder 1981 die Schaffung der Rooming-in- und später der Familienzimmer. Für den promovierten Facharzt für Frauenheilkunde ist die Schließung der geburtshilflichen Abteilung eine Konsequenz des seit der Wende anhaltenden Geburtenrückganges und dem Versäumnis, im Krankenhaus eine Kinderabteilung aufzubauen.
 
Die Geburtshilfe der Collm-Klinik, die sie mit aufgebaut haben, wird Ende des Jahres geschlossen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich will es so herleiten. Beim Kampf gegen die Mütter- und Säuglingssterblichkeit wurden in Dahlen 1962 und in Mügeln 1963 die geburtshilflichen Abteilungen geschlossen, 1975 Wermsdorf und Oschatz zusammengelegt. Das hatte nicht nur eine Zentralisierung in Oschatz zur Folge, es bewirkte eine deutliche Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Daraufhin ist 1976 der Neubau der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung in der Burgstraße in Angriff genommen worden, die 1980 eröffnet wurde. Während der Bauphase hat die Ärzteschaft wiederholt darauf hingewiesen, dass die Zusammenlegung der Wermsdorfer Kinderabteilung mit unserer Abteilung sinnvoll wäre, um ein sogenanntes Mutter-Kind-Haus zu entwickeln. Man muss leider sagen, dass unsere Vorschläge nicht aufgenommen worden sind.

Gab es diese Tendenzen später erneut?

Das Gleiche hat sich 1994 wiederholt, als das neue Krankenhaus gebaut wurde. Auch damals hat die Ärzteschaft darauf hingewiesen, dass neben der Orthopädie und Inneren Medizin die Kinderheilkunde von Wermsdorf nach Oschatz verlegt werden sollte. Es wurde nicht durchgesetzt. Dabei haben auch persönliche Eitelkeiten eine Rolle gespielt. Das Nicht-Vorhandensein einer Kinderabteilung in Oschatz ist für mich der Sargnagel für die heutige Entwicklung. Alle benachbarten Frauenkliniken haben die Kinderabteilung unter ihrem Dach.
Worin sehen Sie noch Gründe für die Schließung?

Seit der Wende sind die Geburtenzahlen massiv eingebrochen. Zwischen 1988 und 1991 hat sich die Zahl in Oschatz von mehr als 800 Neugeborenen auf etwas über 400 halbiert. In diesem Jahr wurden bis zum 13. Oktober nur 183 Kinder geboren. Der Wegzug junger Menschen, speziell junger Frauen, spielt auch eine Rolle. Dazu kommt noch, dass Fachgesellschaften, Krankenkassen und Landesärztekammer Medizinern und Hebammen die fachliche Kompetenz bei der Diagnostik und Therapie Schwangerer abgesprochen haben und Risikoschwangerschaften nicht mehr in Oschatz entbunden werden durften. Deshalb ist es bewundernswert, wie die Mitarbeiter der Abteilung trotzdem ihre Pflicht erfüllen.

Ist deswegen für junge Hebammen Oschatz weniger attraktiv?

Wenn eine junge Hebamme vor der Wahl steht, ihre berufliche Tätigkeit in einer Abteilung mit 200 Geburten oder 800 Geburten aufzunehmen, wird sie sich für die größere Abteilung entscheiden. Hebammen und Ärzte, die eine geringe Geburtenzahl betreuen, laufen zunehmend Gefahr, die nicht weniger werdenden Anforderungen nicht zu erfüllen. Insofern hat die aktuelle Geschäftsleitung recht, wenn sie sagt, dass man gegenüber den schwangeren Frauen natürlich auch in der Verantwortung steht, eine leistungsfähige Geburtshilfe vorzuhalten.

Gibt es einen Punkt, den Sie der Geschäftsleitung vorwerfen können?

Der aktuellen Geschäftsleitung nicht. Aber wenn man ein paar Jahre zurückgeht, dann schon. Wir hatten auch in den vergangenen Jahren prekäre ärztliche Situationen. Von 2009 bis 2012 hatte die Chefärztin der Abteilung den verantwortlichen Facharztdienst Tag und Nacht nahezu allein abzusichern. Honorarärzte, oft pensionierte Kollegen ohne Bindung an die Abteilung, wurden in Vertretung angestellt. Da verwundert es nicht, dass Vertrauen in die Abteilung verloren ging. Vier Jahre wurde keine Lösung gefunden.

Was halten Sie vom Vorwurf des Hebammenverbandes, dass Geburtshilfe nicht immer wirtschaftlich sein kann?

Heutzutage ist das Krankenhaus ein Wirtschaftsbetrieb, ob wir das gut finden oder nicht. Eine andere Frage wäre, ob ein Land wie Deutschland es sich nicht doch leisten kann, ein Fachgebiet, das nicht immer in den schwarzen Zahlen steht, zu erhalten.

Sie haben anfangs eine Zentralisierung beschrieben, nichts anderes geschieht jetzt, oder?

Nein, das ist keine Zentralisierung, auch wenn sich aus der neuen Situation Probleme ergeben.  Jetzt reden wir von Entfernungen zwischen etwa 20 und 65 Kilometer. Die Schwangere mit regelmäßigen Wehen oder Blasensprung muss zukünftig gut darauf vorbereitet sein, auch rechtzeitig die Klinik zu erreichen. Das ist dann eine Frage der Aufklärung durch die niedergelassenen Frauenärzte.

Wird die Schließung der geburtshilflichen Abteilung Konsequenzen für das Krankenhaus haben?

Wenn eine Schwangere erfolgreich in einer Klinik entbunden wurde, wird sie sich später möglicherweise auch bei Erkrankungen an das Krankenhaus erinnern. Dieser Türöffner fällt künftig in der Collm-Klinik weg, die interdisziplinäre Arbeit wird ärmer. Zudem ist zu befürchten, dass die Zukunft des Fachgebietes Gynäkologie gefährdet ist. Es war schon in der Vergangenheit schwierig, Ärzte für die Klinik zu gewinnen. Wer sollte sich künftig für ein amputiertes Fachgebiet Frauenheilkunde in Oschatz interessieren?

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