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Oschatz Schüler tauchen für Kunstprojekt tief in Regional- und Heimatgeschichte ein
Region Oschatz Schüler tauchen für Kunstprojekt tief in Regional- und Heimatgeschichte ein
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17:08 07.03.2019
Tom, Laurin und Max sowie Tobias Leißner von der evangelischen Werkschule inspizieren mit Joachim Zehme (von links) den Fasan am Bahnhof Naundorf. Quelle: Manuel Niemann
Naundorf

„Dachdecker als Schirmherr gesucht“, Bildhauer Joachim Zehme hat die Zeile schon im Kopf, die sein Anliegen umreißt. „Wenn wir unsere Kunst nicht wetterfest bekommen, ist sie schneller kaputt.“ Schneller als geplant. Ein Winter hat dem überdimensionierten Fasan am Naundorfer Bahnhof bereits stark zugesetzt: Das Holz ist sanierungsbedürftig. Dabei wurde das Kunstobjekt erst im vergangenen Jahr hergestellt. Zur 775-Jahr-Feier von Naundorf wurde sie eingeweiht.

Dachdecker gesucht

Zusammen mit Laurin, Max, Tom – allesamt 14 Jahre alt und Schüler der evangelischen Werkschule – ist Zehme mit Farbe in der Hand zurückgekehrt. „Es wäre gut, wenn wir einen Dachdecker oder Zimmermann bekämen, um unsere Kunst zu beschützen“, sagt er. Als „Schirmherren“ könnten diese mit einer Bedachung auch die Idee mittragen, die hinter dem geschnitzten Federtier steht.

Fasan ist Wappentier der Gemeinde

Der farbenfrohe Vogel ist das Wappentier der Gemeinde. „Früher wurden hier Fasane gehalten“, erklärt Zehme. „Wir hatten ein Fasanenholz mit einem Fasanengarten.“ Die Fasanerie war ein Ort zum Zerstreuen, an dem sich der Adel an den Vögeln aus ursprünglich Asien erfreute. Diese seien auch Fruchtbarkeitssymbole, stehen aber auch für Liebe, Wollust und Hochmut, setzt Zehme fort. Über den Adel, dessen industrielle Verstrickung im Nationalsozialismus, die realsozialistische Vergangenheit bis ins Hier: Zehme kann binnen Minuten anhand von Naundorf Geschichte skizzieren. Eingetaucht ist er darin zusammen mit den Schülern der evangelischen Werkschule Naundorf, der Apfelbaumschule Schweta und des Thomas-Mann-Gymnasiums Oschatz. Mit ihnen möchte er Spuren der Vergangenheit aufdecken und entlang der Döllnitzbahn Wegweiser zu Sehenswürdigkeiten und Begebenheiten aufstellen. Die Bahn soll damit touristisch aufgewertet werden. „Wir wollen an jede Bahnstation eine Geschichte schreiben, um die Bahn und Dörfer künstlerisch zu bereichern.“

Arbeit der Schüler wird dokumentiert und ausgewertet

„Schätze im Oschatzer Land“ ist ein Projekt der Kinder-UNI, die von dem Soziologen Christopher Hausmann seit 2017 geleitet wird. Für ihn ist Zehme als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Die Arbeit mit den Schülern in der Kinder- und Jugendbauhütte, die in Nauendorf entstanden ist, wird dokumentiert und ausgewertet. „Uns ist die Vernetzung in die Gesellschaft und die Region wichtig“, sagt Tobias Leißner, der die Geschäfte der Werkschule Naundorf führt. „Wir wollen uns als Schule öffnen und erhoffen uns für die Kinder auch Einflüsse, Engagement und Unterstützung.“ Zwar gebe es viele Fördertöpfe, aber diese planten starr, mit langen Fristen und viel Bürokratie. „Als staatlich anerkannte Oberschule decken wir das ab, was Schule liefern muss, leisten uns aber auch den Luxus und den Aufwand, den Kindern ein kleines Bisschen mehr mitzugeben als nur ein Zeugnis“, sagt er.

Zur Sozial- und Lebenskompetenz gehöre eine gute Berufsorientierung, Brücken in die Region zu bauen, aber auch Interesse am demokratischen Miteinander zu wecken: „Demokratie muss gelehrt, vermittelt, umgesetzt, handgemacht und auch für junge Leute interessant gestaltet werden“, sagt er. Gerade weil sie selbstverständlich geworden sei, müsse vermittelt werden, welchen Schatz sie darstelle.

Riesenvogel soll in Stein gebaut werden

Wie das gelingt? Zehme gibt ein Beispiel anhand des Riesenvogels an den Gleisen: „Das ist Pappel“, sagt er. „Ewigkeit sieht anders aus“, beschreibt er. Als solche sei der Vogel nicht geplant: „Wenn der Fasan verrottet ist, wird er in Stein gebaut. Deshalb wollen wir mit unserer Aktion ein bisschen Geld sammeln, damit wir dies umsetzen können.“ Bis dahin fungiert die Pappel als vergänglicher Platzhalter. Das Grünflächenamt hatte Zehme angesprochen, den über 200 Jahre alten Baum zu nutzen, als er gefällt werden musste. „Wir fanden Unternehmer aus Oschatz, die ihn uns abtransportierten.“ Eigentlich sollte der Stamm für ein Antirassismus-Projekt herhalten, das sich aber zerschlug. Dann kam Anfang 2018 Sturmtief „Friederike“ und lieferte indirekt die Idee: Die Haltestelle am Naundorfer Bahnhof flog auf und davon. „Wir hatten unabhängig davon schon das Projekt mit der Döllnitzbahn gegründet“, erzählt er. Den da bereits morschen Stamm höhlten er und die Jugendlichen mit den Händen aus – perfektes Material für das altersgerechte Arbeiten. Das Innenleben ging nachhaltig an einen Insektenfreund. „Wir arbeiten mit den Händen, aber auch mit dem Kopf“, schmunzelt Zehme. „Pappel ist ’Populus’ auf Latein.“ Der Fasan somit reiner Populismus. „Und Populismus ist sehr anfällig“, doppeldeutet der Bildhauer.

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann sich an die Schul- und Fördervereine in Naundorf, Schweta und Oschatz wenden.

Von Manuel Niemann

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