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Sönitz und seine Freundinnen

Sönitz und seine Freundinnen

Das neue Leben sollte in Kanada beginnen. Hier hatte sich Dietmar Sönitz auf Reisen verliebt - in Bisons. Vor fast zehn Jahren ist der Tierarzt dann aber doch in Wermsdorf gelandet, im Ort seiner Vorfahren.

Wermsdorf.

 

Von Lisa Garn

 

 

 

"Wenn ich morgens die Augen aufschlage und durch das Fenster meine Bisis sehe, macht mich das froh", sagt Dietmar Sönitz. Sein Haus steht genau neben der Weide, auf der die Tiere grasen. Wenn er bei momentan bestem Bison-Wetter, so unter Null Grad, mit Heuballen in das Gehege fährt, folgt ihm die gesamte Herde. Er verschwindet dann fast inmitten von massigen Tieren, die Fremde ehrfürchtig und fasziniert stehen bleiben lassen. Man könnte sie fast so etwas wie wesensverwandt nennen, die Bisons und ihn. Sönitz ist einer der ruhigen, besonnenen Menschen, aber auch jemand mit starkem Willen und einer Haltung. Die führte ihn zu lebensverändernden Entscheidungen, noch einmal was anderes zu machen, von Neuem anzufangen.

Dass Sönitz Tierarzt geworden ist, lag nahe: Er ist im Elbsandsteingebirge mitten im Wald aufgewachsen, war auch in Dresden zu Hause, wo er Reptilien und Greifvögel hatte. Seine Eltern waren weggezogen, weil sie aus Wermsdorf vertrieben worden waren. Die Familie hatte sich geweigert, ihr landwirtschaftlich genutztes Gut zu übergeben. Das Land wurde an die LPG zwangsverpachtet, Großmutter und Vater mussten ins Gefängnis. "Das Land wurde dann regelrecht heruntergewirtschaftet." Und vielleicht ist diese Familiengeschichte auch der Grund, warum er gesellschaftliche Verhältnisse hinterfragt und sich selbst, ob er Teil davon sein will. Als junger Mann traf er die Entscheidung, die DDR zu verlassen und gab alles auf. "Als Tierarzt ging es mir nicht schlecht, aber ich wusste, dass es mit diesem System nichts werden kann und bin vor der Wende ausgereist." In Mittelfranken hatte er 20 Jahre eine eigene Praxis, es war auch eine gute Zeit, aber vor über zehn Jahren stand Sönitz erneut an einem Wendepunkt: "Andere suchen sich einen neuen Lebenspartner, ich wollte nochmal was ganz Neues machen und mit einer Bisonzucht durchstarten." Damals war er in den USA und Kanada oft auf Reisen unterwegs, für ihn zwei der schönsten Länder, "weil man hier alles hat, Berge und Meer, die Weite". Und eben Bisons. "Ich habe die Tiere gesehen und mich sofort verliebt. Mich fasziniert die Ruhe, die sie ausstrahlen. Sie sind Wildtiere, aber trotzdem grasen sie ruhig und sind friedlich. Und sie sind schön: massig und dennoch mit ganz zarten Fesseln." Sönitz arbeitete damals in Mittelfranken in einer Praxis für Großtiere und behandelte vor allem Nutztiere. "Aber in der konventionellen Landwirtschaft geht es mittlerweile nur noch um Profit, alles soll immer größer und billiger sein. Mir hat nicht gefallen, unter welchen Umständen sie gehalten werden, damit massenweise Produkte entstehen. Daran gebe ich aber den Bauern keine Schuld, sie müssen mitziehen." Nein, das System sei krank. "Großbetriebe werden gefördert, kleine nicht. Ich konnte irgendwann als Tierarzt nicht mehr verantworten, was ich da tat." Und Sönitz wollte raus aus einem "bürokratischen Deutschland", er wollte mit Sack und Pack nach Kanada. "Hätten sie in Kanada mein Staatsexamen anerkannt, wäre ich dorthin gezogen."

Aber es gab ja auch noch das Land in Wermsdorf, das der Familie rückübertragen wurde. Die Bisons führten Sönitz und seine Familie quasi zurück. Bewusst entschied sich der zweifache Familienvater nun für eine Kleintierpraxis, die er in Oschatz betreibt. Montags und Donnerstags sind seine Bison-Tage, an denen er sich intensiv um die Tiere kümmert. Die ersten acht stammten aus Belgien, das Gehege hat er mit Freunden selbst gebaut. Heute stehen 64 auf der 37 Hektar großen Weide. Sönitz betreibt die Zucht nebenbei, seine Frau Petra - sie heißt übrigens wie eine seiner Lieblings-Bisonkühe - hilft tatkräftig mit, fährt auch mal mit dem Baggerlader oder Unimog ins Gehege. "Ohne sie wäre das alles nicht möglich", sagt Sönitz. Er gehört auch zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Bisonzuchtverbands, in dem sich Züchter austauschen und Unterstützung bekommen. Die Tiere werden an andere Züchter verkauft, einige geschlachtet und verarbeitet. Die Produkte, Salami beispielsweise, vermarktet er selbst, unter anderem auf Weihnachtsmärkten oder beim Horstseefischen in Wermsdorf. Aber am liebsten verkauft Sönitz die Tiere lebend. Genau das macht ihn als Züchter aus, er hat einen innigen Bezug zu seinen Tieren. "Ich habe hier so meine Freundinnen, Petra und Judy zum Beispiel. Die sind mir ganz besonders zugetan, laufen mir hinterher und wollen Kontakt. Judy hätte jeder andere Züchter vielleicht aussortiert, weil sie so mickrig ist. Aber ich habe sie gern und deshalb bleibt sie." Nie würde er aus Rücksicht auf Messen ausstellen. "Ein Tier auf die Grüne Woche zu stellen, das kann man nicht bringen. Bisons sind Herdentiere, die sind unglücklich, wenn sie allein sind." Sönitz geben die Tiere Ruhe und Zufriedenheit. "Ich setze mich manchmal mitten in die Herde und spüre dieses Ruhe, die von den Tieren ausgeht. Da fährt man runter." Nur einmal gab es eine kleine Auseinandersetzung. "Da passte einem was nicht, als ich Fotos machen wollte. Ich warf ihm meinen Fotoapparat an den Kopf, damit war alles geklärt."

Doch es gibt auch die Vorschriften, an die er sich wohl oder übel halten muss. Eine davon: Einmal im Jahr muss Sönitz Blutproben von jedem Tier an das Veterinäramt schicken, das auf Krankheiten überprüft wird. Deshalb sind er und das Amt nicht gerade beste Freunde. "In einigen Bundesländern ist das nicht erforderlich, aber hier in Sachsen eben. Für die Tiere ist das mit großem Stress verbunden, man muss sie von der Herde trennen und in der Fanganlage auf der Weide Blut entnehmen. Ich brauche da Hilfe von Freunden, und es ist echt gefährlich für alle Beteiligten, manchmal büßen die Tiere auch Teile der Hörner ein." Sönitz hat versucht, gegen die Vorschrift vorzugehen, ohne Erfolg.

Trotzdem: "Ich habe es nie bereut, nach Sachsen gekommen zu sein und fühle mich wohl hier, ich bin ja Sachse. Ich denke auch, dass die Menschen in der Umgebung die Bisons interessant finden. Und wenn ich in der Nachschau Kanada betrachte, sehe ich, dass die auch nur mit Wasser kochen, manchmal mit dreckigem. Ich habe mir mein Kanada sozusagen nach Wermsdorf geholt."

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