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Spritztour mit dem Kart durch Oschatz

Mini-Gefährt Spritztour mit dem Kart durch Oschatz

In Rennhallen sorgen Karts für einen Höllenlärm und verleiten zu waghalsigen Überholmanövern. Michel Guckland aus dem Oschatzer Stadtteil Mannschatz kann diesen Fahrspaß immer haben: Der 26-Jährige hat eines der seltenen Karts mit Straßenzulassung. Redakteurin Jana Brechlin hat das Gefährt ausprobiert.

Michel Guckland und Jana Brechlin mit dem Kart.

Quelle: Dirk Hunger

Mannschatz. Meine Führerscheinprüfung ist über 20 Jahre her. Seitdem war ich mit verschiedenen Fahrzeugen unterwegs. Und immer recht lässig, meine ich. Doch heute hab ich wieder weiche Knie hinterm Lenkrad, das ungewohnt viel Spiel hat. Ich sitze im Kart von Michel Guckland, einem der wenigen Karts mit Straßenzulassung in Sachsen. Das ist tief, das ist laut und das ist vor allem ungewohnt. Insgesamt hat das Gefährt nichts von der Handhabung üblicher Autos oder Motorräder: Es gibt weder Bremskraftverstärker noch Lenker-Stabilisator, von Airbags ganz zu schweigen.

Der kleine Flitzer erinnert auf den ersten Blick an ein Tretauto vom Kinderspielplatz. Und irgendwie ist es das auch: ein Spielzeug. Allerdings eines für große Kinder. Normalerweise sind die kleinen Flitzer auf eigens dafür angelegten Kartbahnen unterwegs, auf denen angehende Rennfahrer ihre Runden drehen oder sich erwachsene Männer wilde Verfolgungsjagden liefern. Michel Guckland aus dem Oschatzer Ortsteil Mannschatz aber wollte mehr als nur gelegentlich Spaß. „Als ich zum ersten Mal gesehen habe, dass es so etwas mit Straßenzulassung gibt, wollte ich sofort ein Kart haben.“ Autoverrückt sei er, gibt der 26-Jährige unverblümt zu. „Alles, was Räder oder einen Motor hat, interessiert mich. Früher bin ich Moped gefahren, heute habe ich einen Roller, einen VW Scirocco und seit einiger Zeit auch das Kart“, zählt er auf.

Das Modell, das Michel Guckland gebraucht in Dresden kaufte, stammt aus der Produktion der Firma Kreidler, wiegt 112 Kilogramm, hat acht PS und soll spitze 80 Kilometer pro Stunde schaffen. Wobei man sich fragen darf, wie verrückt man sein muss, das auszureizen bei einem Fahrzeug ohne nennenswerte Karosse. Michel Guckland winkt lachend ab: „Das muss nicht sein“, versichert er, „es macht vor allem Spaß, damit die Kurven sportlich zu nehmen und Aufsehen zu erregen.“ Deshalb legt er bei schönem Wetter gern eine Spritztour durch die Collm-Region ein und steuert das Eiscafé in Oschatz an – wohlwissend, dass sich bald Kinder und Erwachsene mit leuchtenden Augen um das Kart drängen. „Es kommen technische Fragen und vor allem wollen die Leute wissen, ob ich damit wirklich auf die Straße darf“, beschreibt er.

Ratlosigkeit auf der Zulassungsstelle

Das geht tatsächlich, weil seit einigen Jahren eine EU-Richtlinie die Straßenzulassung für Quads ermöglicht, und in dieser Klasse bekommen auch Kart-Fahrer den begehrten Stempel für ihre Flitzer. Trotzdem hat der Mannschatzer auf der Zulassungsstelle erst einmal für Ratlosigkeit gesorgt. „Hier war noch nie jemand mit einem Kart und im ersten Moment wussten die Mitarbeiter dort gar nicht, was sie mit mir machen sollten“, blickt er zurück.

Passt irgendwie auch zu der irren Geschichte wie das Kart in den Oschatzer Stadtteil kam: Guckland und sein Kumpel Rico Wilsdorf hatten sich für den Transport kurzerhand den Opel von dessen Eltern ausgeliehen. Deren Auto, das Modell Agila, ist zwar so etwas wie ein Van, allerdings deutlich kleiner als das, was man normalerweise darunter versteht. Und genau damit haben die Freunde das Kart transportiert: Sitze umgeklappt, durch die Kofferklappe eingeladen und innen festgezurrt. Hinten schaute noch ein gutes Stück aus dem Auto raus, aber die ganze Fuhre ist heil in Mannschatz angekommen. „Das war schon eine außergewöhnliche Aktion“, erinnert sich Michel Guckland. Und Rico Wilsdorf ergänzt: „Das Beste daran waren die Blicke der anderen auf der Autobahn.“

Zwischen 2000 und 2500 Euro müssen Kartfans für eines der kleinen Fahrzeuge hinlegen. Mit Vollbespoilerung und weiteren Ausstattungsdetails kann der Preis leicht um das Doppelte steigen. Gebrauchte gibt es mitunter deutlich günstiger. „Ich hab dafür gespart, das war es mir wert“, sagt der Mannschatzer, „und sonst ist das ein günstiges Hobby. Der Spritverbrauch ist überschaubar und für Steuern und Versicherung zahle ich im Jahr gerade einmal 100 Euro – das ist ein Lacher für den Spaß, den ich damit habe.“

Und Autonarren wie der 26-Jährige, der seine Brötchen als Staplerfahrer verdient, legen ohnehin keinen besonderen Wert darauf, all ihre Mühen auf den Cent genau zu errechnen: Nach dem Kauf hat Guckland alle Anbauteile abmontiert, aufgearbeitet und schwarz und rot lackiert. Und dass die Fahrzeuge am Wochenende – und zwar jedes Wochenende – geputzt werden, versteht sich von selbst.

Sein Kart und den Roller hat der Autonarr in einem Häuschen im Garten untergestellt. Der weiße Scirocco steht in der einzigen Garage der Familie. „Ich habe meine Eltern überzeugt, dass ich den Platz haben kann und sie ihren Audi auf der Straße parken“, verrät Michel Guckland. Das geht wohl nur, weil der 26-Jährige nicht der einzige Motor-Verrückte in der Familie ist. Sein Vater fährt leidenschaftlich gerne Motorrad, der jüngere Bruder macht gerade eine Ausbildung zum Mechaniker.

Warm am Rücken

Und auch im Freundeskreis gibt es allerorten Verständnis für die PS-starke Leidenschaft. „Man sucht sich Leute, die das Gleiche gut finden“, sagt der Kartfahrer dazu einfach. Deshalb setzt sich die Clique regelmäßig gemeinsam ins Auto und fährt zu Treffen. Freitags etwa auf den Parkplatz des Dresdener Elbeparks, wo die neuesten Spoiler, die gelungene Innenausstattung und effektreiche Lackierungen vorgestellt und Gespräche unter Gleichgesinnten geführt werden. Oder Pfingsten in Bautzen, wo VW-Fahrer aus der ganzen Bundesrepublik unter sich sind und ihre aufwendig gepflegten Autos zeigen. Kumpel Rico Wilsdorf fährt selbst zwar keinen VW, ist aber trotzdem oft dabei, denn er ist dafür verantwortlich, die Karossen und Showrunden mit der Kamera festzuhalten. Als Hobbyfotograf hat er sich auf Autos spezialisiert. „Viele sind stolz auf ihre Fahrzeuge und wollen davon auch ein starkes Bild. Manchmal soll ich Vergrößerungen von Fotos anfertigen, die dann zum Geburtstag verschenkt werden“, erzählt er. Auch das Kart seines Freundes Michel Guckland hat er schon oft abgelichtet.

Der weiß, dass der kleine Flitzer durchaus für Diskussionsstoff sorgt. „Klar, ist der Motor laut, und weil man genau davor sitzt, kann es bei längeren Fahrten schon etwas warm am Rücken werden“, beschreibt er. Empfindlich darf man ohnehin nicht sein: „Das Teil hat gerade einmal drei Zentimeter Bodenfreiheit, der Sitz ist nicht gefedert und ziemlich hart. Dafür aber ist die Kurvenlage super und das Fahren macht richtig Gaudi.“ Kuppeln fällt aus: Ist einmal der Vorwärtsgang eingelegt, werden nur noch Gas- und Bremspedale bedient. „Egal wo ich hinkomme, immer wollen alle damit fahren“, beschreibt Guckland die Begeisterung und bietet mir prompt an, eine Runde zu drehen. Dabei habe ich noch nie auf einem Kart gesessen, höchstens auf einem Tretauto.

Aber warum nicht? Schnell ist der Sitz auf meine 1,60 Meter eingestellt, der Helm ist ungewohnt, passt aber und schon geht es los. Anfangs noch zaghaft, denn die Perspektive ist für jemand, der sonst eine Familienkutsche lenkt und im Van deutlich erhöht sitzt, ungewohnt. Sehr ungewohnt. Meine Augenhöhe ist gefühlt auf einer Ebene mit der Stoßstange der Autos, die sonst an diesem Vormittag durch Mannschatz unterwegs sind. „Wenn ein Lkw vor mir ist, könnte ich unter dem Hänger durchfahren“, scherzt Guckland. Dass das Lenkrad prompt auf die kleinste Bewegung reagiert, ist erst einmal irritierend. Trotzdem: Es macht einen Heidenspaß! Eine Handbreit über dem Asphalt, ohne Karosse rundherum stellt sich schon bei der ersten Beschleunigung ein Gefühl von Geschwindigkeit ein. Und ich bin wirklich kein Motorsportfan und gebe das nicht gerne zu, aber das ist ziemlich cool: Ich weiß, dass es verrückt ist, aber es ist auch einfach lustig. Guckland freut sich: „Man spürt die Kraftübertragung direkt, das ist der Spaß“. Stimmt. Auch wenn ich das Gefühl habe, durch die Vibrationen am Lenkrad zittern meine Handgelenke noch Stunden später – das Grinsen bekomme ich nicht so schnell aus dem Gesicht. Und meinen Knien geht es auch wieder ganz gut.

Von Jana Brechlin

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