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Oschatz Störche verlassen Nordsachsen so zeitig wie nie
Region Oschatz Störche verlassen Nordsachsen so zeitig wie nie
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10:47 26.09.2018
So zeitig wie nie haben die Störche in diesem Jahr die Region Nordsachsen wieder verlassen. Quelle: Dieter Wend
Nordsachsen

Dieter Wend kann in puncto Störche keiner was vormachen. Seit Anfang der 1980er-Jahre hat der Mörtitzer die Adebare im Landkreis Nordsachsen, vor allem in den Altkreisen Delitzsch und Eilenburg, im Blick, kennt die Fakten, wenn es um die Entwicklung der Population geht.

Angesichts von Jahrzehnten Erfahrung tragen Sätze wie diese fast schon wissenschaftlichen Charakter: „Die Störche sind noch nie so zeitig wie in diesem Jahr gen Süden gezogen.“ Regelrecht panikartig hätten sie Anfang August die Region verlassen. Normalerweise bleiben sie noch rund zwei Wochen, wenn die Jungen flügge geworden sind. Diesmal nicht. Offenbar sind sie auch ungewöhnlich schnell unterwegs. Israel passierten schon vor Mitte September große Schwärme.

Störche leiden unter Futtermangel

Mit Fachleuten habe er sich ausgetauscht, sagt Dieter Wend. Aber eine wirkliche Erklärung hat eigentlich niemand. „Letztlich landen aber alle beim Futter“, sagt Dieter Wend. Und damit bei der Trockenheit der letzten Monate. Denn die hat vor allem zu einem geführt: Futterknappheit. Auf dem Speiseplan der Störche stehen normalerweise Frösche, Mäuse, Schlangen. „Die kommen raus, wenn es draußen feucht ist“, so Wend. War es aber nicht, fette Beute für die Adebare damit Mangelware.

Die Störche verlassen die Region Nordsachsen in diesem Jahr sehr zeitig. Zuvor wurden sie beringt und gefilmt. Rückblick auf ein Storchenjahr.

Da mag es überraschen, dass Dieter Wend dennoch zu einem rundum positiven Ergebnis der Saison kommt: „2018 war ein gutes Storchenjahr.“ 23 Brutpaare gab es im Altkreis Delitzsch-Eilenburg, 44 ausgeflogene Jungstörche – 30 davon wurden während einer Horstkontrolle im Juni beringt – weist die Statistik aus, lediglich acht tote Jungvögel: „Das ist richtig gut.“ Brüten könnten aber weitaus mehr.

Fast das Doppelte an Horstmöglichkeiten stehe zur Verfügung, doch viele bleiben leer. Entlang der Mulde seien alle potenziellen Standorte belegt, von neuen Horst-Bauten rät er deshalb ab. Das Futterproblem sei eben nicht erst in diesem Jahr akut, sagt Wend. Die Menschen sieht er dabei mit in der Verantwortung. „Wir kümmern uns zwar um die Nester, aber weniger darum, dass die Störche was zu fressen finden.“

Die intensive Landwirtschaft tue ihr Übriges. Auch wenn es für die Landwirte mehr Einschnitte bedeuten würde, eigentlich würden viel mehr Feuchtwiesen gebraucht, erinnert der Mörtitzer etwas wehmütig an ein altes Kinderlied.

Storchenvater Dieter Wend sagt, Störche benötigen Feuchtwiesen, um genug Futter zu finden. Quelle: Wolfgang Sens

Heinrich Hoffmann von Fallersleben dichtete einst: Auf unsrer Wiese gehet was, watet durch die Sümpfe. Es hat ein schwarzweiß Röcklein an und trägt rote Strümpfe. Fängt die Frösche, schnapp, schnapp, schnapp ... Nein, sagt Wend, viel zum Waten sei nicht mehr da, viele Tümpel und Teiche seien gerade in diesem Jahr wegen der ausgebliebenen Regenfälle ausgetrocknet. Auch das eine oder andere Frühjahrshochwasser habe es nicht gegeben. Extreme Hochwasser wünsche er sich zwar nicht. Aber mal so ein Schwapp Mulde, der kurzzeitig über die Ufer getreten die Wiesen unter Wasser gesetzt hätte, hätte einiges an Entlastung bringen können.

Zukunft von Adebar sei ungewiss

Bis jetzt, so weiß der Experte, ist die Situation im Griff. Doch Wend spricht auch davon, dass die Zukunft der Störche am seidenen Faden hänge. 44 Jungvögel klinge zwar gut, die Zahl reiche aber nicht aus, um den Bestand dauerhaft zu erhalten: „Die wenigsten kommen zu uns zurück. Es hängt aber auch davon ab, welche Bedingungen sie in ihren Winterquartieren finden.“ Denn auffällig sei auch, dass die Adebare immer zeitiger zurückkehren. Das betreffe vor allem die Westzieher, die aus Richtung Spanien kommen.

Bei den Ostziehern sei dieses Phänomen eher weniger zu beobachten. In diesem Jahr landeten die ersten schon Ende Januar nach einer milden Wetterperiode in der Region, in Hainichen und auf einem ausgedienten Schornstein am Mühlgraben in Eilenburg waren sie gesichtet worden. Auch die im Laufe des Monats März einsetzende Eiseskälte und der Wind konnten ihnen nichts anhaben. Überwinterer gäbe es auch ab und an, im Landkreis aber derzeit nicht.

Keine Prognose für das Storchenjahr 2019

Eine Prognose, wie das Storchenjahr 2019 ausfällt, will Wend nicht abgeben. „Wie gesagt, das hängt auch mit den Bedingungen im Winterquartier zusammen.“ Dass das zeitige Weiterziehen der Störche ein Indiz für einen strengen Winter ist, glaubt er übrigens nicht. „Es gibt Leute, die deuten das so. Meiner Meinung nach müsste man aber dann die Vogelwelt im Ganzen betrachten. Die Mauersegler sind pünktlich weg, ein Großteil Vögel zieht zudem, von den Menschen unbemerkt, nachts.“ Er rechnet eher mit einem „klatschnassen“ Winter.

Sollte dies auch das Frühjahr prägen, könnte das für die zurückkehrenden Vögel kritischer werden als die Trockenheit in diesem Jahr. „Kälte und Feuchtigkeit gepaart ist für die Tiere immer schwieriger zu verkraften in einer frühen Phase als die Hitze“, erklärt Uwe Seidel, der für das Coreteam Sachsenstorch im ehemaligen Regierungsbezirk Leipzig die Storchenpopulation beobachtet.

Altvögel durch Revierkämpfe vertrieben

Trotz der anhaltenden Trockenheit gab es im Altkreis Oschatz, für den er die Zahlen ausgewertet hat, sogar drei Jungtiere mehr als im Vorjahr. Totalausfälle gab es zwar in dem Bereich, den er betreut, aber nicht in der Collm-Region. Nicht nur durch Revierkämpfe komme es vor, dass Altvögel vertrieben werden, sondern auch durch Hubschraubereinsätze oder Feuerwerk. Auch durch den Verkehr sterben immer wieder Vögel, deren Junge dann nicht von einem Elterntier allein versorgt werden können. „Oder sie fliegen in Stromleitungen oder die Überlandleitungen der Bahn.“

Uwe Seidel beobachtet für das Coreteam Sachsenstorch im ehemaligen Regierungsbezirk Leipzig die Storchenpopulation. Quelle: Thomas Kube

Dennoch nisteten an den 20 Horststandorten im Altkreis Oschatz sechs Brutpaare erfolgreich. Die Mügelner Störche konnten vier Jungtiere großziehen, in Zschöllau und Schmannewitz waren es drei, in Luppa, Malkwitz und Cavertitz immerhin zwei. „Ich denke, mit sechs Paaren ist die Gegend auch bereits relativ erschöpft. Oschatz ist ein Randgebiet, weil hier eine leicht hügelige Zone beginnt“, erklärt Seidel.

Idealer für Störche seien Verbreitungsgebiete in der Nähe von Flussläufen wie in der Elbregion um Torgau oder auch der Mulde. Zwar versuchen viele alte Paare, sich wieder an ihren Horst zu begeben, aber es gebe auch Wechsel und den Verlust von Tieren. „Wir können davon ausgehen, dass sich fast ein Drittel pro Jahr neu verpaart.“

Zeitige Rückkehrer hatte beste Bruterfolge

Bruterfolg hatten in diesem Jahr, das beobachtete Seidel, vor allem die Tiere, die früh aus dem Winterquartier zurückkehrten: „Die zeitig wie in Zschöllau oder in Mügeln bereits im März kamen, haben auch die besten Bruterfolge.“

Dieser Weißstorch in Hainichen kehrte schon im Februar auf seinen Horst zurück -und wurde im März vom Schnee überrascht. Das zeitige Ankommen bringt ihm den Vorteil, dass er sich einen fitten Partner für die Brut sichern konnte. Quelle: Peter Solluntsch

Meist seien dies reine Westzieher, die in Spanien überwintern oder in den Westen Afrikas ziehen. „Die zuerst kamen und zuerst geschlüpft sind, hatten auch noch günstige Bedingungen. Zu diesem Zeitpunkt brauchen sie möglichst viele Kleinlebewesen wie Würmer als Nahrung für die Jungen“, erläutert er. Diese Nahrungsquelle sei durch die spätere Trockenheit versiegt. Größeres – wie Mäuse – werde erst später verfüttert, aber auch diese seien rar gewesen.

Jungstörche fliegen nun in wärmere Gefilde

Dennoch wirkte sich das relativ warme, wenig feuchte Wetter nicht komplett zum Nachteil aus: Erstaunlicherweise, so Seidel, haben es viele geschafft, auszufliegen. Er schätzt, dass die Tiere sich in diesem Jahr größtenteils von Insekten ernährten. Keine großen Fänge, aber immerhin doch nahrhaft. Ob die Jungen den Zug in wärmere Gefilde nun überstehen, hänge von mehreren Faktoren ab: „Sie sind alle relativ schnell abgezogen.

Wir haben in manchen Regionen auch Störche mit Sendern, die die Strecke relativ schnell zurücklegen, aber das ist bei den Jungstörchen nicht immer der Fall. Es kommt darauf an, mit welchem Trupp sie unterwegs sind. Aber ich denke, dass alle versuchen, so schnell wie möglich in andere Regionen zu kommen.“

Ob die Jungen erfolgreich waren, erfahren die Storchenfreunde meist erst zwei oder drei Jahre danach: „Im ersten Jahr versuchen sie, so weit wie möglich zu ziehen – bis südlich der Sahara oder ins Tschadbecken. Wir hatten im letzten Jahr auch einen Vogel, der es bis nach Südafrika geschafft hat und dort leider überfahren wurde.“

Von Kathrin Kabelitz und Manuel Niemann

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Rüdiger Kleine ist Unternehmer, SPD-Stadtrat und Chef des Delitzscher Ortsvereins der SPD. Das Postengeschacher der Regierung in der Personlie Hans-Georg Maaßen regt den 49-Jährigen mächtig auf.

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