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Torgau wird im Jahr 1815Muss-preußisch

Torgau wird im Jahr 1815Muss-preußisch

Der große Krieg war zu Ende. Und auch Napoleons Traum von der Herrschaft über Europa. Unsägliches Leid hatten Napoleons Kriege über die Völker gebracht. Sachsen hatte zwar durch Napoleon eine Aufwertung erfahren, denn für seine Bündnistreue zum Franzosen-Kaiser war es wie auch andere deutsche Fürstenhäuser vom Kurfürstentum zum Königreich aufgestiegen, und der Kurfürst von Sachsen durfte sich von nun an bis 1918 König von Sachsen nennen.

Der Preis für Sachsens Bündnistreue war sehr hoch. Denn da Sachsen zu den Besiegten, zu den Unterlegenen gehörte, nahmen die Sieger - allen voran Preußen - an Sachsen kräftig Rache.

 

Für Preußen war der Kongress ein willkommener Anlass und eine günstige Gelegenheit, Sachsen endlich ganz einzukassieren. Das war ein Ziel, das der legendäre Friedrich der Große 50 Jahre vorher verfolgt hatte. Er hatte es jedoch nicht erreicht.

 

Sachsen als Beute

 

Aber Sachsen einfach als Beute einkassieren - so einfach ging das in Wien nicht. Argwöhnisch achteten Österreich, England und Frankreich in den Wiener Verhandlungen darauf, dass die von Friedrich II. geschaffene neue Großmacht Preußen in Europa nicht zu stark wurde. Und auf keinen Fall waren die Siegermächte gewillt, das ganze Sachsen an Preußen auszuliefern. Aber immerhin verlor Sachsen aufgrund der Beschlüsse des Wiener Kongresses vom 10. Januar 1815 insgesamt 58 Prozent seines Territoriums und 42 Prozent seiner Einwohner - das meiste an Preußen. In seiner größten Ausdehnung zehn Jahre früher reichte unser Sachsen vom Thüringer Wald bis zum Fluss Bober im heutigen Polen und vom Erzgebirge bis Belzig und bis zum Harz. Nun verlief die neue Landesgrenze im Norden vor den Toren Leipzigs quer durch die Heide bis zur Lausitzer Neiße und im Süden auf dem Erzgebirgskamm; die Erzgebirgsgrenze ist überhaupt die älteste heute noch bestehende Grenze, sie existiert fast unverändert seit dem Jahr 1459 (Vertrag von Eger).

 

Preußen wollen Messestadt

 

Sachsen musste abtreten den Thüringer Kreis, den Kurkreis Wittenberg, Gebiete nördlich und westlich von Leipzig mit Bitterfeld, Weißenfels, Naumburg und Merseburg, die ganze Niederlausitz und Teile der Oberlausitz mit Senftenberg, Hoyerswerda, Görlitz und Lauban, dem heute polnischen Luban. Den Neustädter Kreis verlor unser Sachsen an das Ernestinische Großherzogtum Sachsen Weimar-Eisenach. Preußens Forderungen nach ganz Sachsen wurden nicht erfüllt. Beinahe wäre nach 1815 auch Leipzig für Sachsen verloren gegangen und preußisch geworden, denn die Preußen wollten unbedingt die Messestadt haben. Jedoch die Hohenzollern bekamen statt Leipzig einen Teil Polens mit der Stadt Thorn (heute Torun).

 

Schmerzlich war der Verlust, der unsere Region betraf: Schkeuditz, Delitzsch, Düben, Eilenburg, Torgau, Dommitzsch, Belgern, Mühlberg, sie alle wurden nun für über 150 Jahre bis zur Zwangs-Auflösung des Hohenzollernstaates im Jahre 1947 Teile des größten deutschen Einzelstaates Preußen. Aber außer Mühlberg kamen diese Kreise und Städte und ihre Umgebung bei der Neubildung der Länder im Jahre 1990 wieder zu Sachsen.

 

Als Folge der Gebietsveränderungen nach dem Wiener Kongress waren vor allem in den Kreisen und Ämtern mit Gebietsverlusten oder -gewinnen neue politische Zuordnungen mit neuen Grenzen erforderlich. Preußen löste das Problem Neugliederung ziemlich schnell. Bereits zum 1. Oktober 1816 wurde der Kreis Torgau in den Regierungsbezirk Merseburg der neu gebildeten preußischen Provinz Sachsen eingeordnet.

 

Grenzsteine mit S und P

 

Er war aus dem kursächsischen Amt Torgau hervorgegangen. Sachsen verlor aus den Ämtern Oschatz und Mühlberg an Preußen die Orte Schirmenitz, Paußnitz und Lößnig. Besser hatten es da Cavertitz, Schöna, Treptitz und Klingenhain sowie der Reudnitzer Forst; nach zwei Jahren unter preußischer Herrschaft kamen sie im Tausch zu den drei vorher genannten Orten wieder zu Oschatz. Noch heute sind in der Dahlener Heide Grenzsteine zu sehen, auf denen auf der einen Seite das S (für Sachsen), auf der gegenüberliegenden Seite das P (für Preußen) steht. An der Straße zwischen Treptitz und Wohlau erinnert ein Grenzstein mit einer Informationstafel noch an diese Grenzlinie zwischen den zwei deutschen Königreichen.

 

In Klingenhain ging die Grenze mitten durch den Ort. So heißt es darüber in einem Zeitungsbericht: "Wenn früher bei Harzbeckers Brot gebacken wurde, schob man es in Sachsen in den Ofen, gebacken wurde es in Preußen. Die Grenze verlief sogar unsichtbar durch den Backofen und das Wohnhaus".

Werner Breitenborn

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