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Trotz Terrorgefahr: Antje Kuhnitzsch aus Calbitz arbeitet als Lehrerin in Paris

Nach den Anschlägen in Frankreich Trotz Terrorgefahr: Antje Kuhnitzsch aus Calbitz arbeitet als Lehrerin in Paris

Sie stammt aus Calbitz bei Oschatz, doch schon seit Jahren lebt Antje Kuhnitzsch (35) in Paris, wo sie als Deutschlehrerin arbeitet. Die französische Hauptstadt ist ihre Traumstadt, auch wenn sich das Leben dort nach den Terroranschlägen im vergangenen Jahr verändert hat.

Antje Kuhnitzsch aus Calbitz liebt ihre Wahlheimat Paris.

Quelle: dpa

Calbitz/Paris. . Wenn Antje Kuhnitzsch auf die Frage, woher sie kommt, antwortet, ist die Reaktion häufig ein sehnsuchtsvolles Seufzen. Kein Wunder: Die gebürtige Calbitzerin lebt und arbeitet in Paris. Und das seit Jahren. Was für viele eine Traumstadt, ist für sie geliebter Alltag. Seit gut einem Jahr trifft die junge Frau in Gesprächen aber häufiger auf besorgte Mienen. Paris ist nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und den terroristischen Übergriffen vom November nicht mehr nur Stadt der Liebe, sondern auch Stadt der Angst. Aus Sorge, in Gefahr zu geraten, meiden viele Urlauber die französische Hauptstadt. Antje Kuhnitzsch hat da keine Wahl. „Natürlich habe ich den Urlaub über den Jahreswechsel in der alten Heimat genossen, aber selbstverständlich bin ich nach Paris zurückgekehrt“, sagt sie.

Mittlerweile haben die Geschehnisse aus dem zurückliegenden Jahr etwas von ihrem Schrecken verloren, so normal wie zuvor ist der Alltag aber auch für die 35-Jährige nicht mehr. Das zeigt sich allein schon im Beruf: Antje Kuhnitzsch ist Lehrerin im Schulbezirk Versailles. „Das Schultor ist nur zu bestimmten Zeiten geöffnet, da kann nicht einfach jeder rein- und rausspazieren, und wenn ich zu einer Weiterbildung an einer anderen Schule bin, bekomme ich dort einen Besucherausweis“, beschreibt sie.

Strenge Regeln nach den Anschlägen

Vor allem unmittelbar nach den Terroranschlägen im November galten strenge Regeln. Als die deutsche Nationalmannschaft in Paris gegen Frankreich spielte, saß Antje Kuhnitzsch mit Freunden in einem Restaurant, um das Spiel zu sehen. Nachdem klar wurde, dass etwas Ungewöhnliches, etwas Schreckliches passiert war, habe man sofort versucht, Freunde und Familie zu erreichen. „Es gingen jede Menge Nachrichten hin und her. Wir sind vor Ort geblieben und wollten erst einmal nicht nach Hause, weil wir befürchten mussten, dass auf der Straße noch etwas passiert“, erinnert sie sich an jene Nacht des 13. November. Den Konzertsaal im Bataclan Club kennt die Calbitzerin selbst von früheren Besuchen, umso größer sei der Schrecken gewesen, als sie hörte, dass dort 89 Menschen getötet wurden. „Die Plätze für die Attentate waren gezielt ausgesucht, die Angriffe richteten sich gegen die offene, kosmopolite Jugend, die gern ausgeht“, glaubt sie und gehört selbst zu jener Generation. „Jeder kennt jemanden, der einen Menschen verloren hat“, ist das traurige Fazit.

Deutschlehrerin im Migranten-Viertel

Konnte sich die junge Frau an besagtem Wochenende noch in ihrer Wohnung verschanzen, war klar, dass sie am Montag wieder ihrem Job als Lehrerin nachgehen musste. Der Direktor ihrer Schule nahm bereits am Sonnabend Kontakt zu allen Kollegen auf – es musste schlichtweg kontrolliert werden, ob alle noch am Leben waren. „Außerdem haben wir am Wochenende einen Leitfaden von der Schulbehörde bekommen, wie wir am Montag mit den Geschehnissen umgehen sollten.“ Nicht sofort in den Unterricht einsteigen, sondern sich Zeit nehmen, auf die Kinder eingehen und miteinander reden, lautete die Direktive.

Zehn Minuten dauert die tägliche Fahrt mit der Metro vom Stadtzentrum zur Arbeitsstelle. Zehn Minuten, die nach den Anschlägen sehr schweigsam und angespannt verliefen. Die Schule, in der Antje Kuhnitzsch als Deutschlehrerin arbeitet, liegt in einem Viertel, in dem viele Familien mit Migrationshintergrund leben. Gelungene Integration gebe es dort selten: Die Schere zwischen armen und reichen Familien klafft weit auseinander, und wenn ein Elterngespräch ansteht, müssen viele Kinder noch immer für ihre Mütter und Väter übersetzen. 60 Prozent aller Kinder in den Klassen sind Muslime, außerdem gibt es Schüler aus Afrika sowie Jungen und Mädchen, deren Eltern von den Antillen stammen und stark katholisch geprägt sind.

Außerdem wächst auch der Anteil der chinesischen Migranten, der bisher bei etwa zehn Prozent liegt. Für die meisten von ihnen waren die Anschläge im Stadtzentrum fast so weit weg wie für Kuhnitzschs Familie in Calbitz. „Das Leben ist sehr auf das eigene Viertel fokussiert. Die Kinder könnten mit der Metro in 20 Minuten am Eiffelturm sein, machen das aber nicht, weil ihren Eltern die Mittel fehlen“, macht sie deutlich. Dennoch hätten die furchtbaren Terrorakte auch die Jüngsten betroffen gemacht.

„Die Kleinen waren sehr verängstigt. Eine Elfjährige sagte mir: ,Warum hat man das getan, es steht doch nicht im Koran, dass Menschen keinen Spaß haben dürfen?’ Ein anderer meinte, ,kein Prophet sagt, dass man keine Musik hören darf’. Die Kinder beschäftigt sehr, was passiert ist. Wir haben zugehört und geraten, die Gedanken zu Papier zu bringen, etwas zu malen.“ So entstanden Bilder, auf denen der Eiffelturm etwa dicke Tränen vergießt. Für sie seien diese Tage eine besondere Herausforderung gewesen und die Erleichterung groß als klar war, dass am Montag alle Kollegen, alle Schüler vollständig in den Klassenräumen saßen.

Taschenkontrollen im Kino

Die ersten Wochen nach dem Anschlag sei ihr Leben in der französischen Metropole bedeutend ruhiger verlaufen. Ausgehen, Einkaufsbummel – all das war undenkbar geworden. Im Freundeskreis werde immer wieder über das Schreckliche gesprochen, und jeder habe betont, in der Stadt zu bleiben. Es bewege sie, wie stark die Franzosen sind, wir sehr der Zusammenhalt betont werde. „Irgendwie fühlt sich jeder betroffen, aber das schweißt die Nation auch zusammen. Hinzu kommt eine Art von Stolz verbunden mit dem Wunsch, sich nicht unterkriegen zu lassen, Café- und Restaurantbesitzer laden Besucher gezielt auf ihre Terrassen ein. Man zeigt, dass man sich nicht einschüchtern lassen will“, schildert Antje Kuhnitzsch die Situation.

Habe es vor rund einem Jahr nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo mitunter noch schiefe Blicke auf Migranten gegeben, habe sich nach den Terrorakten vom November deutlich ein Solidaritätsgedanke entwickelt. Und selbst die vielen Einschränkungen, die seitdem gelten, würden die Pariser gelassen hinnehmen. Etwa die Taschenkontrollen vor den Geschäften auf der Prachtstraße Champs Élysées, vor Theatern und Kinosälen. „Auf den letzten Drücker darf man da nicht kommen, das wird schon gründlich gemacht. Aber die Franzosen nehmen das hin, es wird akzeptiert, ein Stück Freiheit für mehr Sicherheit aufzugeben“, hat die Calbitzerin beobachtet.

Auch die Mädchen und Jungen an ihrer Schule würden merken, das dass Leben jetzt eingeschränkter ist: Klassenfahrten sind zunächst abgesagt, ebenso wie die beliebten Exkursionen, um die Stadt auch jenseits des eigenen Viertels zu entdecken. „Wir dürfen mit den Kindern erst einmal keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Das ist natürlich schade, aber nachvollziehbar und wird von Woche zu Woche entschieden.“ Sie habe auch an sich selbst gemerkt, dass die Unsicherheit größer geworden ist, gesteht Antje Kuhnitzsch: „Wenn etwas auf der Strecke ist, werde ich auch schneller nervös und misstrauisch.“

Das Gefühl, dass etwas wirklich Schlimmes in ihrer Stadt passieren ist, sei noch neu. „Früher dachte ich immer, das gibt es nur in Tel Aviv oder New York“, sagt die 35-Jährige. Doch je mehr Zeit vergeht, umso mehr Normalität kehrt zurück. Klar, Polizisten sieht man häufiger im Stadtbild. Aber Antje Kuhnitzsch winkt ab. „Die Polizeipräsenz war in Paris schon immer vergleichsweise hoch. Dass jetzt noch mehr bewaffnete Polizisten unterwegs sind, fällt eher meinen Besuchern als mir selbst auf.“

Metropole an der Seine bleibt Traumstadt

Die Metropole an der Seine bleibe eine Traumstadt, auch für die gebürtige Calbitzerin, die nach ihrer Ausbildung im Landratsamt Torgau ein Lehramtsstudium für Deutsch und Französisch begann und nach einem Auslandsaufenthalt in Frankreich blieb. Hier machte die junge Frau ihr Referendariat und hatte damit einen Fuß in der Tür: „Wer diese Hürde einmal genommen hat, bekommt danach auch einen Job.“ Auch wenn das für junge Leute häufige Wechsel bedeutet, denn sie werden jedes Jahr innerhalb ihres Schulbezirkes an einer anderen Einrichtung eingesetzt, bis sich der Wechsel auf eine frei gewordene feste Stelle anbietet.

„Ich habe dadurch schon viele verschiedene Viertel und die Menschen dort kennengelernt, war auf Schulen, die nur von Kindern des gehobenen Bildungsbürgertums besucht wurden und in Häusern, die eher in armen Gegenden liegen“, erzählt sie. Sicher, in Deutschland könnte sie als Lehrerin vermutlich mehr verdienen, noch dazu sind selbst winzige Wohnungen in Paris sehr teuer. Für Antje Kuhnitzsch bleibt die französische Hauptstadt aber ein zweites Zuhause. Zumindest vorläufig, denn eine Rückkehr in die alte Heimat Sachsen will sie nicht ausschließen. „Bis auf weiteres bleibt es aber bei Besuchen“, fügt sie hinzu. Die dann aber regelmäßig und immer mit großer Freude. „Ich genieße die Zeit bei meiner Familie sehr“, sagt sie bestimmt. „Kann ich vielleicht in dem Text meine Eltern, meinen Bruder mit Familie, die Großeltern sowie Freunde und Bekannte grüßen?“ fragt sie noch. Kein Problem – bitteschön!

Von Jana Brechlin

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Paris
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