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Vier Beine grüßen aus dem Bett

Vier Beine grüßen aus dem Bett

Die Luppaer feiern dieses Jahr das 800-jährige Bestehen ihres Ortes. Wenn zur Festwoche im August auf diese Historie zurückgeblickt wird, sind es immer auch die ganz persönlichen Geschichten der Einwohner, die ein solches Jubiläum prägen.

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Hat viele Fotos aufgehoben: Heidrun Kluge aus Luppa mit einer Lehrlings-Brigade vor dem Stall in Luppa (Foto links) und als Praktikantin vor der LPG (Foto rechts).Fotos: Dirk Hunger/Privat

Quelle: Dirk Hunger

So wie die von Heidrun Kluge: Zunächst machte die Leipziger Studentin ein Praktikum in der LPG des Ortes, später betreute sie viele Jahre lang die Lehrlinge im Wohnheim der Genossenschaft.

 

Von Jana Brechlin

 

Seit 1958 war die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) "Eintracht" Luppa auch Lehrbetrieb. Hier eigneten sich die Studenten der Universität Leipzig praktische Kenntnisse an. Bis 1970 wurden in Luppa Grundpraktikanten für die Universität ausgebildet. Auf diesem Weg kam auch Heidrun Kluge in den Ort. Pendeln kam damals nicht infrage, also musste die angehende Studentin einen Wohnheimplatz beziehen. "Das waren richtige Bruchbuden", meint sie rückblickend. Gerade der Winter 1962/63 habe ihnen zu schaffen gemacht, erinnert sie sich: "Es war extrem kalt, wir mussten in den Zimmern Öfen feuern und haben oft gebibbert." Erst 1968, als der Altbau ausgebaut wurde, sei an der Kreuzung mitten im Ort ein modernes Wohnheim mit 45 Plätzen entstanden, wo Studenten und Lehrlinge gemeinsam untergebracht waren.

 

Für Heidrun Kluge indes blieb der Aufenthalt in Luppa kein Praktikanten-Gastspiel. "Ich bin hier hängengeblieben", sagt sie lächelnd. Die studierte Betriebswirtin, die später noch einen pädagogischen Abschluss machte, heiratete und gründete eine Familie, blieb der LPG aber verbunden - als Leiterin der Abteilung Berufsausbildung. Das mag technokratisch klingen, war tatsächlich aber ein Job mit vielen Facetten: Mal war Strenge nötig, ein andermal drückte man besser beide Augen zu, es galt, ein bisschen Chef, ein bisschen Elternersatz zu sein. Vor allem, weil viele der Lehrlinge noch sehr jung waren, als sie daheim aus- und ins Wohnheim eingezogen sind. "Die brauchten noch jemand, bei dem sie sich ausheulen konnten", weiß Heidrun Kluge. Besonders Weihnachten habe das Heimweh zugeschlagen. "Viele sind dann zu ihren Familien, aber eben nicht alle. In der LPG gab es ja nicht nur Feldbau, sondern auch Viehwirtschaft. Es musste also immer jemand da sein, der sich um die Tiere - später vor allem Rinder - gekümmert hat", erklärt die Luppaerin.

 

Für diese Zeit konnten sich die jungen Leute freiwillig melden - nichts ahnend, wie groß der Katzenjammer sein würde. "Das haben die meisten total unterschätzt. Wir haben uns zwar alle Mühe gegeben: Die Küche hat ein Festessen gekocht, es gab Weihnachtsteller und Stolle, im Wohnheim war geschmückt, und trotzdem ist es nicht dasselbe wie zu Hause. Das Persönliche der Familie hat gefehlt", erinnert sich Heidrun Kluge. Ganz anders Silvester. "Das war lustig, es wurde gefeiert und die ganze Nacht durchgemacht." Ähnlich ausgelassen ging es bei Faschingsfeiern oder zur Disko zu: Die LPG-Küche lieferte das kalte Buffet, die Meister waren mit eingeladen, und unter anderem legte Reinhard Kucke zum Tanzen auf.

 

Von 5 bis 22 Uhr war das Wohnheim von einem Erzieher besetzt, an den Feiertagen und den Wochenenden wurden dafür auch die Ausbilder einbezogen. Nachts gab es einen Bereitschaftsdienst, der telefonisch erreichbar war und außerdem den "Lehrling vom Dienst", der auf die Einhaltung der Hausordnung achten sollte - auch wenn man es damit nicht immer so genau nahm. "Die haben ihre Befugnisse natürlich herrlich ausgenutzt." Heidrun Kluge muss heute noch lachen, wenn sie daran denkt und gesteht: "Das hätten wir genauso gemacht." So durfte auf den Zimmern nicht geraucht werden, was aber konsequent ignoriert wurde und morgens an übervollen Aschenbechern sichtbar war. Und obwohl Mädchen und Jungen strikt getrennt untergebracht waren, fanden sich doch Pärchen zusammen und den Weg ins gemeinsame Bett. "Da haben einen bei nächtlichen Kontrollen schon einmal vier Beine angeguckt", erinnert sich Heidrun Kluge. Immerhin: Ein Lehrling, den sie einst in flagranti erwischte, heiratete später seine große Liebe aus dem Wohnheim. "Und die beiden sind heute noch zusammen", weiß sie.

 

So lustig ging es aber nicht immer zu: Neben Heimweh plagte auch Liebeskummer die jungen Leute im Wohnheim, außerdem brauchten die Lehrlinge, die zum Teil auch aus Kinderheimen nach Luppa kamen, viel Zuspruch. "Für die war das eine Katastrophe, die kamen aus dem Kinderheim ins Wohnheim und wussten zunächst gar nicht, wo sie hingehörten. Wir haben versucht, ihnen einen festen Rahmen zu schaffen und dennoch Freiheiten gelassen", beschreibt Heidrun Kluge. Mit Dankbarkeit denke sie dabei an ehemalige Kollegen wie Ursula Curth oder Erna Schüttig - beide Stammkräfte in der Ausbildung. Oder Ingrid und Peter Bretschneider, Sabine Döge, Kerstin Blas, Simone Mädler sowie Reinhard Kucke, die für das Lehrlingswohnheim verantwortlich waren: "Das waren patente Leute, genau richtig für diese Aufgabe."

 

Immerhin hätten jedes Jahr rund 20 Lehrlinge den Facharbeiterabschluss erreicht. Fachgebiete gab es dabei viele: Schlosserei, Schmiede, Elektriker oder in der Tierzucht. Außerdem übernahm Luppa für den gesamten Kreis Oschatz die Ausbildung für die Zootechniker im Bereich Rind. "In der ganzen LPG waren bis zu 350 Leute beschäftigt, da gehörte ja auch Mitarbeiter in der Bauabteilung oder der Kinderkrippe dazu", berichtet Heidrun Kluge. Sie alle stärkten sich in der Küche der Genossenschaft, außerdem kamen Gastesser und Rentner aus dem Ort. "Ein Mittagessen hat 60 Pfennig gekostet, die Soljanka einen Fuffz'scher", weiß sie noch genau.

 

Als 1991 die LPG abgewickelt wurde, seien viele Mitarbeiter in andere Berufe gewechselt, ehemalige Lehrlinge trifft Heidrun Kluge heute als Sekretärin oder im Handel wieder. Andere wie Petra Sachse sind den Tieren treu geblieben: Sie betreibt in Calbitz einen Reitstall. "Ich freue mich, wenn ich sehe, was aus den Leuten geworden ist. Die gehen alle ihren Weg", hat sie beobachtet.

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