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Oschatz Vor über 100 Jahren war Eilenburg ein Mekka der Auto-Industrie
Region Oschatz Vor über 100 Jahren war Eilenburg ein Mekka der Auto-Industrie
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00:34 19.05.2018
Ein Blick in die Produktionshalle. Automobile am laufenden Band wurden von 100 Jahren in Eilenburg produziert. Quelle: Quelle: Archiv Andreas Bechert
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Eilenburg

Ein Stadion in Größe der Münchner Allianz-Arena, eine Industrieanlage, die Ausmaße der Stadt Eilenburg einnimmt und Tausenden Beschäftigung bietet, moderne Hotel- und Freizeitanlagen, futuristisch anmutende Gebäude und Fahrzeuge, die in einem Atemzug mit Porsche, Mercedes und BMW benannt werden – ja, vielleicht hätte all das mal wahr werden können, wenn die Geschichte der Eilenburger Motorenwerke, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts so hoffnungsvoll begann, weiter gegangen wär. Denn gleich mit ihren ersten Fahrzeugen waren die Eilenburger Motorenwerke (EMW) auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Berlin präsent. Die Fahrzeuge wurden mit Medaillen, Staatspreisen und höchsten Auszeichnungen überschüttet. Das Firmengelände zwischen Torgauer- und Wurzener Landstraße, sowie der später angelegten Ostbahnhofstraße wurde immer größer. Viele Eilenburger fanden hier Arbeit. Viele weitere Firmen in der Stadt profitierten von den EMW. Für diesen ungeahnten Aufschwung sorgte der Erfindungsreichtum eines Mannes: Max Alverdes.

Modell A – 8/22 PS – bequemer Reisewagen. Quelle: Katalog EMW-Autos 1909

Geschichte der Eilenburger Motorenwerke

Doch der Reihe nach: Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts verlegte das 1900 in Berlin gegründete Unternehmen „Dürr-Motoren GmbH“ seinen Firmensitz nach Eilenburg. 1909 musste Fritz Dürr Konkurs anmelden. Er verkaufte den Betrieb an den Hamburger Maschinenbauingenieur Max Alverdes. Dies war die Geburtsstunde der Eilenburger Motorenwerke – kurz EMW genannt. Gleich zu Beginn zählte das Werk 90 Mitarbeiter. 1909 begann Max Alverdes in Eilenburg Automobile zu konstruieren und zu bauen.

Doch nicht nur Automobile wurden in Eilenburg produziert. Der Firmenkatalog von 1912 weist Dieselmotoren von 6-140 PS, Benzin-Petroleum-Motoren von 1-10 PS, weiterhin Motoren auf Gas (Leuchtgas), Benzol, Naphtat, Rohöl – sowie Fahrzeuge, Motorlocomobile und Pumpen aus. Weiterhin begann man damals mit dem Bau von Bootsantrieben mit 8 bis 100 PS – schwere, langsam laufende Glühkopfmaschinen. Im gleichen Jahr wurden die Eilenburger Motorenwerke auf einer Ausstellung in Gmünd mit einer Silbermedaille geehrt – es folgten ein erster Staatspreis und höchste Auszeichnungen. Allein in diesem Jahr waren in Eilenburg über 900 Motoren produziert worden – Motoren für ortsfeste und fahrbare Anlagen für Industrie, Landwirtschaft, Mühlenbetriebe und die Schifffahrt.

Automobilbau in Eilenburg

Von 1909 bis 1914 wurden in Eilenburg Automobile der Marke EMW hergestellt. Die EMW fertigten fünf verschiedene Modelle, die auf einem einheitlichen Fahrgestelltyp basierten.

Die Spurweite der Fahrzeuge betrug 1300 Millimeter. Bei einer Breite von 1670 Millimeter und einer Länge von 4250 Millimeter erreichten die Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h, auch wenn die Straßenverhältnisse vielerorten mit den heutigen nicht vergleichbar waren. In welcher Stückzahl die Fahrzeuge gebaut wurden und zu welchem Preis sie angeboten wurden, ist nicht bekannt. Ebenso konnte kein erhaltenes Exemplar gefunden werden. Aufgrund der Fertigungsweise in weitgehender Handarbeit handelte es sich um höherklassige Wagen. Einige verbliebene Fahrzeuge sollen bis nach 1920 in den Firmenräumen ausgestellt worden sein.

Die Firma expandierte von 1912 bis 1914 zwischen der Torgauer- und Wurzener Landstraße, sowie der später angelegten Ostbahnhofstraße. Hier bestand zur Zeit der Motorenwerke noch die Gartenanlage „Motorenwerke“. Der Betrieb gliederte sich in folgende Abteilungen: Gießerei, Schlosserei-Teilebau, Montageabteilung und Versand. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914-1918) endete die Auto-Herstellung. Das Unternehmen bediente fortan lukrative Aufträge für die Ausrüstung des kaiserlichen Heeres.

Firmenansicht aus dem Briefkopf der EMW. Quelle: Archiv Wolfgang Beuche

Im Aufschwung der Maschinenbaubranche nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Firma im Sommer 1921 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Zweck der AG war „die Herstellung und der Vertrieb von Motoren und Maschinen ähnlicher Art, sowie jedwede Betätigung auf dem Gebiet der Metall- und Maschinenbauindustrie“. Im Aufsichtsrat waren Ober-Ingenieur Max Alverdes, Bank Direktor Ernst Schlesinger, Ludwig Löb, Bankvorsteher Emil Wenzel aus Eilenburg. Zum Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführer wurde der Maschinenbauingenieur Paul Henschke bestimmt. In dieser Zeit ging man dazu über, das Zweitakt-Diesel-Verfahren beim Motorenbau zu verwenden. Am 14. März 1922 wurde das Kapital der EMW-AG von 3 250 000 Mark und in 3250 Aktion zu je 1000 Mark von den Gründern übernommen.

Wer war Max Alverdes?

Die Spurensuche gestaltete sich recht kompliziert. Fündig wurde der Autor dieses Beitrages in den Archiven der Hansestadt Hamburg. Dort wurde in einem Branchenverzeichnis Max Alverdes entdeckt – mit Wohnsitz in Hamburg-Uhlenhost, Bassinstraße 8 und gelistet als „Oberingenieur und Vertreter des Osnabrücker Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenvereins“. Weiterhin ist er unter der gleichen Hamburger Adresse als „Zivilingenieur, Inhaber der EMW“ im Jahrbuch der Schiffbautechnischen Gesellschaft anno 1922 auffindbar. Hier fungierte er als „Ordnungsmäßiges Fachmitglied“. Offensichtlich war der Bootsmotorenbau ein Schwerpunkt seiner ingenieurtechnischen Tätigkeit – und auch dies mit nachweisbarem Erfolg. Im Deutschen Schifffahrtsarchiv bis 1945, von Wolfgang Rudolph in seinem Buch von 1998 dokumentiert, werden 31 Produktionsplätze und Bootsmotorenherstellerfirmen im Ostdeutschen Territorium vorgestellt. Darunter der Standort Eilenburg mit den Eilenburger Motorenwerken.

In Eilenburg wurde weiter expandiert. Für den Bau seiner Villa in der Wurzener Landstraße 1 erwarb Max Alverdes im September 1921 das Baugelände und im September 1922 den ehemaligen Kültzschauer Hutungshang an der Torgauer- und Wurzener Landstraße für weitere Produktionsanlagen. In der heute noch existierenden Villa war später die Verwaltung tätig. Ein weiteres Gebäude auf dem Firmengelände – heute ebenfalls noch erhalten – diente später Max Alverdes als Wohnsitz.

Anzeige der EMW aus dem Jahr 1914. Quelle: wikipedia.

Das Krisenjahr 1923 überstanden die EMW weitgehend unbeschadet – die Inflation im Deutschen Reich war von einer enormen Geldentwertung gekennzeichnet. 1924 hatte die Firma schon eine beachtliche Größe, wie die Abbildung der Eilenburger Motorenwerke auf dem Briefkopf der Firma beweist.

1925 erwarb die Eilenburger EMW-AG die Benz-Lizenzen für den Bau von Dieselmotoren nach den Patenten von Prosper L’Orange. Doch dann kam im Jahre 1929 die Weltwirtschaftskrise – ein schwerer wirtschaftlicher Einbruch, der sämtliche großen Industrienationen auch Deutschland betraf. Als Folge dieser Krise kam es zu Zusammenbrüchen von Wirtschaftsunternehmen, zu Deflation und zu Massenarbeitslosigkeit.

Die Eilenburger Motorenwerke hatten massiv auf den Export ihrer Motoren gesetzt. Der nun einsetzende akute Auftragsmangel läutete den Konkurs der Firma ein. Am 28. Januar 1930 beschloss die ordentliche Generalversammlung der Gesellschaft die Auflösung und anschließende Liquidation. In Folge dessen kaufte ein süddeutsches Unternehmen die am Boden liegende Firma und demontierte ihre Ausrüstung. 1933 wurde das Areal an den Berliner Flugzeugbauer Gebr. Schwarz (Zulieferer für Junkers) gekauft und erweitert. In den Propellerwerken wurden Flugzeugteile für die Wehrmacht produziert.

Was hat die Zeit überlebt?

In Eilenburg gibt es noch drei Gebäude, die aus der EMW-Zeit stammen: eine Produktionshalle (heute noch von Firmen genutzt; die alte Villa (heute eine Kita) und dahinter der ehemalige Speisesaal, in dem zu DDR-Zeiten das Lichtspielhaus Eilenburg-Ost Filme zeigte.

Quelle: Andreas Bechert

Überlebt haben aber einige Maschinen. So zum Beispiel ein EMW Benzol Motor, Typ AN 6 mit 6 PS bei 500 Umdrehungen 4,2 Liter Hubraum und einem Zylinder. Gebaut wurde dieser Motor laut Typenschild am 9.12.1912. Der stolze Besitzer ist der Maschinensammler Thomas Lange. Davon, dass diese Maschine immer noch läuft, kann man sich bei YouTube überzeugen.

Die spannende Frage, die sich stellt, aber bleibt die: Was wäre, wenn die Eilenburger Motorenwerke die Zeit überlebt hätten und Max Alverdes weiter Automobilproduktion betrieben hätte? 1925 hatte er die Benz-Lizenzen für Dieselmotoren käuflich erworben. Vielleicht wäre ja kurze Zeit später der erste Diesel nach Benz-Patent in Eilenburg vom Band gelaufen. Mercedes baute schließlich erst anno 1937 den weltweit ersten straßentauglichen Diesel – die Limousine 260 D. Vielleicht wäre aus dem Automobilstandort Eilenburg etwas ganz Großes geworden ...

Von Andreas Bechert

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