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Vor zehn Jahren: Vogelgrippe-Alarm in Wermsdorf

Geflügelpest Vor zehn Jahren: Vogelgrippe-Alarm in Wermsdorf

Vor zehn Jahren stellte der Vogelgrippe-Erreger den Alltag der Region Wermsdorf auf den Kopf. Nach dem Nachweis des H5N1-Virus wurden über 25 000 Tieren getötet.

Tausende Tiere wurden getötet.

Quelle: Dirk Hunger

Wermsdorf. Polizeikontrollen, Sperrbezirk und amtlich angeordnete Tiertötungen: Zehn Jahre ist es her, dass in der Region die Vogelgrippe ausbrach und das Landleben verstummte. Nachdem das Friedrich-Löffler-Institut auf der Insel Riems bei Proben aus einem Putenstall zwischen Mutzschen und Wermsdorf das H5N1-Virus nachweisen konnte, wurde innerhalb weniger Tage sämtliches Geflügel im Betrieb des Züchters Lorenz Eskildsen sowie bei zahlreichen Haltern innerhalb einer Drei-Kilometer-Zone getötet, um ein Ausbreiten der Seuche zu verhindern. In den Dörfern rund um Wermsdorf und Mutzschen krähte daraufhin kein Hahn mehr.

Tausende Tiere wurden getötet

Tausende Tiere wurden getötet.

Quelle: Dirk Hunger

Schon zu Beginn des Jahres 2006 machte die Vogelgrippe Schlagzeilen. Zunächst allerdings noch verhalten, hier und da war das Virus bei verendeten Wildvögeln festgestellt worden. Am 4. April gab es schließlich einen ersten Verdachtsfall, zwei Tage später war daraus Gewissheit geworden, und die amtlichen Maßnahmen wurden konsequent und zügig durchgesetzt. Sachsens damalige Gesundheitsministerin Helma Orosz ließ keinen Zweifel zu: „Die Bestände werden getötet“, sagte sie mit Blick auf den Geflügelzuchtbetrieb, der in beiden Orten fest verankert ist. Dabei hatte der zuständige Amtstierarzt bei vorangegangenen Proben stets negative Befunde vermeldet und die Puten für die Schlachtung freigegeben. Morgens fanden Mitarbeiter des Zuchtbetriebes dann tote Tiere im Bestand, der die ganze Zeit allerdings im Stall war – bei Proben bestätigte sich der Verdacht auf Vogelgrippe. Daraufhin wurden in dem Betrieb 16 000 Puten, Enten und Gänse getötet, wobei die 15 Mitarbeiter auch noch selbst Hand anlegen mussten.

25 000 Tiere wurden getötet

Insgesamt wurden vor zehn Jahren über 25 000 Tiere gekeult und die Schutzmaßnahmen ausgeweitet: Dazu gehörten Polizeikontrollen an den Zufahrtsstraßen nach Wermsdorf und Mutzschen, denn niemand durfte Geflügel, Geflügelprodukte oder Eier in den Sperrbezirk ein- und ausführen. Wer im Geschäft Eier kaufte – immerhin stand Ostern vor der Tür – musste das mit dem Kassenzettel belegen. Wer zur Arbeit in die Orte wollte, war gut beraten, früher loszufahren, denn durch die Kontrollen kam es zu Staus und langen Wartezeiten.

Bei allem Verständnis für die Maßnahmen wirkte das auch abschreckend, was Gastronomen und Händler schnell zu spüren bekamen, denn Kunden und Gäste von auswärts blieben aus, weshalb sich Einwohner, Politiker und Verbände zu Wort meldeten, die sich um die lokale Wirtschaft sorgten. Sowohl der Gänsezuchtbetrieb Eskildsen als auch die Schlachterei in Mutzschen, die zeitweilig ihren Betrieb einstellen musste, sind wichtige Arbeitgeber in der Region, deren Existenz nun bedroht war. Stornierungen in Hotels und Restaurants gingen ebenfalls an die Substanz. Und dann traf es noch Unternehmen wie den Hühnerhof Schönberg in Liptitz. Sabine Schönberg, die den Betrieb mit ihrem Mann Jürgen führte, hatte bis zuletzt gehofft, dass ihre Tiere von der Keulung verschont bleiben, der Sperrbezirk das Betriebsgelände nicht betrifft. „Uns können doch nur 50 oder 100 Meter bis zur Grenze fehlen“, klagte sie. Genützt hat es nichts, alle 4500 Hühner des Hofes wurden getötet. „Wir leben von unseren Tieren“, so der Unternehmer, der künftig Eier zukaufte, um trotzdem seine Kunden auf den Märkten bedienen zu können. Am 7. April war in Wermsdorf und seinen Ortsteilen Reckwitz und Liptitz schließlich alles Geflügel gekeult. Mitarbeiter von Landratsamt und Gemeinde sowie Helfer der Feuerwehr rückten dazu auf den Höfen an, auf Pritschenwagen standen Container, daneben jeweils eine Gasflasche. Dann musste es schnell gehen: Klappe auf, Tiere rein, Gas dazu und Klappe schließen – schon war es still und die nächste Fuhre in die Kadaverbeseitigungsanlage Lenz (Kreis Meißen) auf dem Weg.

Geflügelzüchter erholen sich von Auswirkungen

Einer, der von dem ganzen Schrecken nur entfernt etwas mitbekam, war Frank-Markus Straube aus Wermsdorf. Sein Urgroßvater gehörte zu den Gründern des mittlerweile 140 Jahre alten Rassegeflügelzuchtvereins Mutzschen-Wermsdorf, und auch Straube hatte von Kindesbeinen an Tauben und Hühner gezüchtet. Als in seinem Heimatort die Vogelgrippe ausbrach, war er gerade im Krankenhaus – und seine Kumpel vom Verein mussten daheim die Ställe ausräumen. 90 Tauben, 60 Hühner und „eine Handvoll“ Laufenten verlor Straube dabei. „Das war schlimm“, blickt er heute zurück, „die Anweisung kam von Leuten, die überhaupt keinen Bezug zu Tieren hatten. Bei der Keulung wurden dann die Alttiere getötet und die Jungen blieben einfach im Nest zurück, wo sie verhungert sind.“ Von damals 28 Vereinsmitgliedern verloren 18 sämtliches Geflügel. Angesichts dessen sind die Züchter heute stolz darauf, dass keiner aufgegeben hat, ja, der Verein sogar wieder gewachsen ist.

Polizeikontrolle am Sperrbezirk um Wermsdorf

Polizeikontrolle am Sperrbezirk um Wermsdorf.

Quelle: Dirk Hunger

Zu verdanken ist das im Wesentlichen dem Vorsitzenden Wilfried Große, der in seinen Brutschränken schon vor dem Ausbruch der Geflügelpest Eier seiner Vereinskollegen eingelagert hatte – einfach, weil es an der Zeit war. Dieser, manchmal nur wenige Tage fassende zeitliche Vorsprung und die Tatsache, dass Großes Hof in Köllmichen außerhalb des Sperrbezirkes und damit von der Keulung verschont war, rettete die Züchter in Wermsdorf und Mutzschen. „Wilfried hat unsere Tiere, weil danach noch lange die Stallpflicht galt, bis zum Beringen großgezogen, andere Vereinsmitglieder haben geholfen, die Ställe zu desinfizieren, so dass wir hier wieder starten konnten“, erinnert Frank-Markus Straube an die Zeit nach der Quarantäne. Schon im Herbst konnten die Züchter wieder eine Ausstellung in der Wermsdorfer Reithalle organisieren. Trotzdem habe der „Tötungs-Kahlschlag“ der Region einen schweren Schlag versetzt. Familie Straube hatte zum Beispiel seit den 50er Jahren Deutsche Nönnchen gezüchtet. „Die Tauben wurden aus dem Westen geschmuggelt, Zuchtfreunde haben sie über Berlin-Tempelhof ins Land gebracht – in Strümpfe gesteckt, damit die in der Tasche still waren“, beschreibt der Wermsdorfer. Dieser Stamm wurde vor zehn Jahren komplett ausgelöscht. Dass heute wieder Nönnchen im Schlag gurren, ist Züchtern aus dem Erzgebirge zu verdanken, die den Wermsdorfern und Mutzschenern kostenlos Tiere und Eier überließen. Seitdem haben Vereinsmitglieder erfolgreich weitergearbeitet: Deutsche- und Europameister kamen seit 2006 wieder aus ihren Reihen.

Sperrbezirk im Mai wieder aufgehoben

Im Mai vor zehn Jahren wurde der Sperrbezirk wieder aufgehoben, wegen der Stallpflicht starteten viele Tierhalter aber mit reduzierten Beständen. Im Liptitzer Hühnerhof Schönberg wurden Mitte Mai wieder die ersten Eier von neuen Hühnern verkauft. Zunächst gab es 300 Stück am Tag, vorher waren es 2000 Eier täglich.

Wermsdorf wurde zum Sperrbezirk

Wermsdorf wurde zum Sperrbezirk.

Quelle: Dirk Hunger

Deutlich länger hatte Gänsezüchter Lorenz Eskildsen mit den Folgen der Geflügelpest zu tun. Seine Bio-Puten zieht er mittlerweile in anderen Betriebsteilen auf, und Gössel gab es ab Juni wieder am Lindigt, allerdings mussten die Junggänse noch lange in den Ställen zwischen Wermsdorf und Mutzschen bleiben. Jedes Jahr aufs Neue setzt das Ringen um die Freilandhaltung ein, die Nähe zu den Seen gilt grundsätzlich als Risiko.

Und das Löffler-Institut gab in seinem Abschlussbericht bekannt, das H5N1-Virus sei vermutlicht durch Wildvögel übertragen worden. Man gehe davon aus, dass entweder draußen gelagerte Streu kontaminiert oder die Krankheit durch kleinere Vögel, die durch Fenster geflogen seien, übertragen wurde. Sabotage wurde ausgeschlossen. Dabei sind Stimmen, die genau das vermuteten, nie ganz verstummt, immerhin wurde hier ein Marktführer empfindlich getroffen – und ein Vorzeigebetrieb im Osten gleich mit.

Verschwunden waren danach schnell wieder Kamerateams und Übertragungswagen, Polizeikontrollen, Helfer in Schutzanzügen und Warnschilder folgten etwas später. Vergessen haben die Betroffenen den Schrecken aus jenen Tagen aber nicht. „Das war so bedrohlich, wer das mitgemacht hat, bekommt da immer noch eine Gänsehaut“, brachte es der damals amtierende Wermsdorfer Bürgermeister Wilfried Claus später auf den Punkt.

Von Jana Brechlin

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