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Oschatz Wermsdorfer Ulf Angerer ist Meister der Kampfkunst Tai Chi
Region Oschatz Wermsdorfer Ulf Angerer ist Meister der Kampfkunst Tai Chi
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00:32 23.03.2018
Ulf Angerer (r.) trainiert gelegentlich mit seinem Sohn Christian. Quelle: Foto: privat
Wermsdorf

Es ist still im Wermsdorfer Wald. Nur das Rauschen des Windes ist zu hören, die Äste, die leise knarren und der Gesang der Vögel. Ulf Angerer atmet ganz ruhig. Er ist versunken in den Bewegungen, in den fließenden Abläufen des Tai Chi Chuan. Was mit dem Bestreben begann, die darin enthaltene Kampfkunst kennenzulernen, wurde für den 54-Jährigen zu etwas ganz anderem – einem inneren Gleichgewicht, das weit über die Kunst des Kampfsportes hinaus geht.

Tai Chi ist eine Art Kampfkunst

„Bewegung, Meditation, Stressbewältigung. Ich wollte ein Hobby für mich finden, das diese drei Elemente zusammenbringt. Schon früher habe ich mich mit Kampfkunst befasst. Auch Tai Chi ist eine Art der Kampfkunst.“ Schon kurz nach der Wende hielt Ulf Angerer ein Buch in den Händen. „Tai Chi für Anfänger.“ 108 Strichmännchen zeigten hier 108 Bewegungsabläufe des Tai Chi. In Eigenregie lernte der Wermsdorfer diese Bewegungen auswendig. Auch wenn sich dies ohne Lehrer als schwierig erwies, doch einen solchen gab es zu dieser Zeit nicht in der Gegend.

Unkonventionelle Methoden

„Wenn ich etwas möchte, dann schrecke ich auch nicht vor etwas unkonventionellen Methoden zurück“, sagt er mit einem Lachen. Er griff einfach zum Telefon und rief den Autor des Buches an. Bei einem Schüler des Autors in Quedlinburg konnte der Wermsdorfer die Bewegungen zeigen. „Ich erinnere mich noch, wie er sagte: ‚Das sieht ja ganz schön aus, aber was ist das?‘ Trotz allem war er von meiner Ausdauer, diese Abläufe zu lernen, begeistert und bot mir eine Tai-Chi-Ausbildung an.“ Eine ungewöhnliche Entwicklung, die ihm letztendlich seinem Ziel ein Stück näher brachte. Vier Jahre lang absolvierte er in Quedlinburg und Blankenburg/ Harz eine Ausbildung. Diese war jedoch völlig von der Kampfkunst befreit. Doch genau das war es, was Ulf Angerer lernen wollte.

Bekanntschaft mit Thierry Alibert

So zog es ihn nach Frankfurt am Main. „Hier lernte ich etwas über die Kampftechniken. Trotz allem gab es in Deutschland keinen Lehrer, der das ursprüngliche Tai Chi Chuan unterrichtete. Bei den Tai Chi Europameisterschaften in Holland ging ein Franzose als Sieger hervor. Thierry Alibert unterrichtete in der ursprünglichen Form mit 264 Bewegungsabläufen Tai Chi Chuan. Ich kaufte mir alle seine DVDs, lernte die Formen auswendig und fuhr schließlich nach Holland.“ Auch Thierry Alibert sei zuerst skeptisch gewesen und wollte sich das angelernte Tai Chi von dem Wermsdorfer nicht ansehen. Seine Begründung: Man könne Tai Chi Chuan nicht anhand von Büchern oder DVDs erlernen. Doch Ulf Angerer blieb hartnäckig, sprach den Meister in jeder Pause des besuchten Seminars an.

Als der Wermsdorfer kurz davor war aufzugeben, nahm sich Thierry Alibert schließlich doch noch die Zeit. Und zu dessen Überraschung konnte Ulf Angerer ihn überzeugen. Regelmäßig flog er nach Südfrankreich, um von seinem neuen Meister zu lernen. Vier Jahre lang dauerte seine Ausbildung. „Nun ist er nicht mehr mein Lehrer und ich sein Schüler. Heute sind wir Partner und ich bin der offizielle Verterter seiner Schule für Deuschland.“ Denn seit dem erfolgreichen Abschluss steht auch Ulf Angerer als Meister im Tai-Chi-Lexikon. Während er gelegentlich in Südfrankreich Kurse geben konnte, besuchte auch Thierry Alibert ihn in Deutschland und unterrichte einige Kurse.

Bis 2006 nebenberufliche Kurse

Von 1990 bis 2006 bot der Wermsdorfer Tai Chi nur nebenberuflich in Kursen an. 2006 konnte er sich seinen Traum erfüllen und sich mit seiner Schule privat machen und damit hauptberuflich Tai-Chi-Kurse anbieten. Mit dem Fachbuch „Tai Chi als effektive Selbstverteidigung“ wurde er auch in der Bundesrepublik bekannt und in den Fachausschuss des Deutschen Dachverbandes für Qigong und Taijiquan berufen, denn man traute ihm großes Wissen zu.

Sein Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Ausbildung von Tai-Chi-Lehrern. Das bedeutet: Sechs Jahre jeweils einen Sonnabend im Monat Tai Chi. „Derzeit sind es drei Klassen. Ein Kurs ist gerade zu Ende gegangen und ein neuer hat begonnen. Hier können noch Interessierte mit einsteigen. Der Sinn der Lehrerausbildung ist für die meisten Schüler nicht der Unterricht, sondern die komplette Form des Tai Chi zu erlernen.“ Auch bei den anderen Tai-Chi-Kursen sind Neueinsteiger immer willkommen. In Wermsdorf ist jeden Montag Training. In der Rehaklinik in Schmannewitz wird am Dienstag Tai Chi betrieben. Hier jedoch nur für die Patienten. Für Jedermann gibt es ein Training am Mittwoch in Riesa und am Donnerstag in Mügeln. Am Sonnabend finden die Lehrerausbildungen statt. Auch in Bautzen und Chemnitz befinden sich von Ulf Angerer ausgebildete Lehrer, die Tai-Chi-Chuan-Kurse anbieten. „Drei Mal im Jahr geht es in das Trainingslager. Im Frühjahr nach Höfgen, im Juni in das Bungalowdorf in Olganitz und im September nach Warnemünde.“

Besseres Körpergefühl

Für den 54-Jährigen geht es beim Tai Chi schon lange nicht mehr vordergründig um das Kämpfen. Viel mehr gelinge es, über Tai Chi das eigene Körpergefühl zu verbessern. „Es ist eine neue Art des Seins, ein Teil des Weges, um bei sich anzukommen. Eine viertel Stunde Training am Tag reicht aus, um ein völlig neues Balancegefühl zu erreichen und mit dem eigenen Körper zurecht zu kommen. Tai-Chi-Bewegungen richten unsere Knochen so aus, dass unsere Muskeln entspannen können. Die Heilgymnastik kann jeder erlernen. Das Schwierige ist jedoch, dass das Gehirn lernt, die Muskulatur zu entspannen. Das willentliche Fließen lassen innerer Energie (Qi) bedarf eines wesentlich umfangreicheren Studiums des Tai Chi.“ Es sei nicht einfach zu beschreiben, was Tai Chi im Körper und Geist bewirkt. Dennoch möchte er versuchen, Interessierten die Wirkung von Tai Chi zu vermitteln. So bietet er am 21. März zum wiederholten Male ein Seminar in der Apotheke am Marktkauf in Oschatz an. Hier möchte er das falsch interpretierte Motto „Der Weg ist das Ziel“ aufgreifen.

„Mir ist es wichtig, dass jeder Teilnehmer erkennt, welche Meditationsform ganz persönlich für ihn geeignet ist“, so der Wermsdorfer. Er behauptet, dass jeder der Anwesenden bereits Erleuchtung im Sinne tiefster Harmonie erlebt hat. „Achtsamkeit hilft unter anderem dabei, seine eigenen Stressauslöser zu verstehen und einen bewussten Umgang mit diesen zu erlernen. Achtsamkeit trägt dazu bei, dass wir uns Moment für Moment mit unserem Herzen, Kopf und Geist verbinden.“ Er spricht hier von Yin und Yang. „Das Vermögen, achtsam zu sein, setzt jedoch das Vermögen unachtsam sein zu können voraus.“

Mitglied in der Band Viscum

Und wenn wir gerade bei Gegensätzen sind: Auch Ulf Angerer hat einen Ausgleich zu den ruhigen Bewegungen in der Stille. Und das sind dann wohl die lauten Klänge und kräftigen Bewegungen seiner Rockband „Viscum“. Das Besondere hier: Er sorgt nicht nur für den Gesang, sondern auch für die Klänge mit dem Dudelsack. „Ich bin der Meinung, man muss nicht einer bestimmten Nationalität angehören, um etwas zu machen. Daher muss ich kein Chinese sein, um Tai Chi zu praktizieren und kein Schotte, um Dudelsack zu spielen.“ Drei Jahre gibt es die vierköpfige Band bereits.

Ganz ohne Musik zieht es Ulf Angerer für das Tai Chi in die Stille. Als Diplom Forstingenieur bevorzugt in die Natur. „Ich praktiziere Tai Chi fast immer draußen. Es ist meine Verbindung zur Natur. Beim Üben bin ich immer völlig leer. Erst dann fühlt man sich als ein Teil des Waldes. In der Natur kann ich völlig aufgehen. Mit oder ohne Tai Chi. Doch das gilt nur für mich. Letztendlich muss jeder selber herausfinden, wo er seine Übungspraxis durchführt, um die ganz persönlichen Ziele zu erreichen.“

Von Kristin Engel

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