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Wie ein Adler: Ein Tandemflug bei den Ostrauer Gleitschirmfliegern

Hobby mit Höhenflug Wie ein Adler: Ein Tandemflug bei den Ostrauer Gleitschirmfliegern

Der Himmel ist ihr Revier: Von Frühling bis in den Herbst hinein schweben die Gleitschirmflieger in luftiger Höhe über die Felder der Region. Reporterin Gina Apitz hat den Selbstversuch gewagt – und die Vogelperspektive bei einem Tandemflug ausprobiert.

Wie ein Vogel: In 200 Metern Höhe gleiten die Flieger über die Landschaft rund um Ostrau.
 

Quelle: Sven Bartsch

Ostrau.  Kurz vor dem Start bin ich ganz schön aufgeregt, nur noch zwei Minuten bis zu meinem ersten Flug mit einem Gleitschirm. Zum Glück habe ich keine Höhenangst, denke ich, als ich an Beinen und Bauch festgeschnallt in einer Art Rucksack hänge. Hinter mir der Tandempilot Jens Tamke, ein Profi, wie man mir versichert. 3000 Mal ist er schon mit dem Schirm geflogen, mindestens.

Vor mir eine grüne Wiese mit angrenzendem Maisfeld in der Nähe von Döbeln. Das Revier der Ostrauer Drachenflieger. Die Bedingungen für einen Flug sind heute nicht optimal, aber in Ordnung. Die beste Jahreszeit ist der Frühling, weiß Tamke. „Im April und Mai geht es schneller nach oben, im Sommer und Herbst eher sanft.“

Nervosität macht sich breit

Nervosität macht sich breit: Es ist mein erster Flug mit einem Gleitschirm.

Quelle: Sven Bartsch

Ich werde zunehmend nervöser. „Hoffentlich stürzen wir nicht ab“, denke ich und weiß nicht so recht, wohin mit meinen Händen. Einfach in der Luft baumeln lassen? Der Tandempilot, an dem ich hänge, gibt letzte Kommandos. Das gelbe Seil vor meinem Bauch strafft sich, wir lehnen uns dagegen, laufen ein paar Schritte, dann trägt uns der Schirm nach oben – der Sonne entgegen. Ein erhebendes Gefühl.

Gestartet wird mit Hilfe einer Schleppwinde

Etwa 900 Meter entfernt im Mais versteckt sitzt Peter Lenk auf der Schleppwinde, mit der die Gleitschirmflieger in die Luft gezogen werden. Auf einem Monitor beobachtet er den Aufstieg, ist via Funk mit dem Startleiter verbunden und dokumentiert jeden Flug. Heute haben wir Nummer 18014 erreicht. Wer später zufällig den Start 18333 – mit Schnapszahl – erwischt, muss eine Kiste Bier für den Verein ausgeben, so lautet die Regel. Der Start mit einer Schleppwinde eignet sich besonders im Flachland. Andere Varianten sind Flüge von einem Berg aus oder mit Hilfe eines Motors.

Hat das Geschehen im Blick

Hat das Geschehen im Blick: Peter Lenk verfolgt den Flug auf einem Monitor

Quelle: Sven Bartsch

Der 57-Jährige achtet jetzt auf das Zeichen zum Ausklinken. Das muss bei diesem Tandemflug ich geben und kreuze dafür die Beine mehrmals auf und zu. Wir haben nun eine Höhe von knapp 200 Metern erreicht. „Entspannen“, sagt Pilot Tamke. Dann ziehe ich an dem roten Hebel, der uns von der Winde löst. Jetzt hängen wir nur noch an dem 24 Quadratmeter großen Gleitschirm. Meine Anspannung lässt nach. Gemütlich gleiten wir über Wiesen und Felder, sehen den Kirchturm des Dörfchens Zschochau. Eigenartig: Der Schirm selbst ist außerhalb des eigenen Blickfelds. Mit einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde schweben wir über die Landschaft, mitten zwischen Himmel und Erde. Ich seufze. „Wirklich schön“.

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Gemütlich gleiten die Flieger rund um Ostrau in luftiger Höhe über Felder und Dörfer. Der Selbstversuch beim Tandemflug zeigt: Gleitschirm fliegen macht Laune.

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Die Flieger machen sich das Prinzip der Thermik zu Nutze, erklärt später Michael Wolf von den Ostrauer Gleitschirmfliegern. Warme Luft steigt auf und kühlt in der Höhe ab. Diese Aufwinde, die häufig an Feldkanten auftreten, versuchen die Sportler zu finden. „Ähnlich wie ein Adler, der seine Kreise zieht, gleiten auch die Flieger – immer auf der Suche nach einem Aufwind“, so der 47-Jährige. Bei guten Windverhältnissen steige man sechs bis sieben Meter pro Sekunde – über 1000 Meter Höhe könne man im Flachland auf diese Weise erreichen.

„Ein irres Gefühl“, findet Michael Wolf

„Gleitschirmfliegen ist schon ein irres Gefühl“, schwärmt der Dresdner, der in einer Gießerei arbeitet und das Hobby vor 14 Jahren für sich entdeckte. In einer Dresdner Flugschule ließ er sich ausbilden, lernte, den Schirm aufzuziehen, zu steuern und richtig zu starten und zu landen. 30 bis 40 Mal pro Jahr trifft man Wolf jetzt in luftiger Höhe an. „Der Sport sollte regelmäßig betrieben werden, damit man in der Übung bleibt“, betont der Hobbypilot. Die Flieger müssten ihre Fähigkeiten selbst einschätzen.

Während der Ausbildung trainieren die Piloten richtiges Abheben und Landen

Während der Ausbildung trainieren die Piloten richtiges Abheben und Landen.

Quelle: Gina Apitz

Der Verein trifft zudem Vorsichtsmaßnahmen. Bei Regen, starkem Seitenwind oder Gewitter bleiben die Flieger am Boden. Ein Flug wird auch heute abgebrochen, weil sich die Leinen zum Teil im Schirm verheddert haben, der Pilot landet ohne Probleme wieder auf dem Feld. Während ihrer Ausbildung üben die Sportler, selbst dann sicher am Boden anzukommen, wenn 70 Prozent ihres Schirms eingeklappt sind. Im schlimmsten Fall sichert sie ein Rettungsschirm ab.

„Gleitschirmfliegen ist ein Risikosport“, gibt Michael Wolf zu, betont aber gleichzeitig: „Einen Unfall hat es bei uns bisher nicht gegeben.“ Bis auf das Kreuzband, das sich ein Vereinsmitglied mal gezerrt hatte, das passierte allerdings am Boden. Er war beim Zusammenwickeln des Schirms umgeknickt.

Unser Flug dauert nur fünf Minuten

Während sich Profis je nach Wetterlage einige Stunden oben halten, dauert unser Flug zu meinem Bedauern nur knapp fünf Minuten. Mehr ist wegen der fehlenden Aufwinde nicht drin. Pilot Jens Tamke steuert den Schirm mit einem Schwenk wieder Richtung Acker. Wie beim Flugzeug starten und landen die Flieger im Gegenwind. Sekunden später spüre ich wieder festen Boden unter den Füßen. Eine sanfte Landung, die Lust macht auf mehr.

Der Verein, die Ausrüstung, die Unfälle

Die Ostrauer Gleitschirmflieger

Der Verein wurde 1997 gegründet und feiert nächstes Jahr seinen 20. Geburtstag. 44 Piloten schweben regelmäßig durch die Lüfte. In diesem Jahr ist mit acht Leuten die Sparte Modellflug neu dazugekommen. Sie soll weiter wachsen, wünscht sich Vereinsvorsitzender Michael Wolf. Außerdem tummeln sich im Verein noch Sportler am Boden: Die Ostrauer Volleyballer gehören seit einer Weile auch zu den Gleitschirmfliegern. Wer das Ganze ausprobieren will, kann einen Tandemflug vereinbaren. Kostenpunkt: 30 Euro.

  Die Ausrüst ung

4000 Euro kostet sie neu, etwa 2000 Euro sollte man für eine gebrauchte Gleitschirmausrüstung ausgeben. Dazu gehört der Schirm mit seinen etwa 300 Metern an Seilen, dessen Größe sich nach dem Gewicht des Piloten richtet. Alle zwei Jahre wird dieser bei einer Wartung überprüft. An dem Schirm hängt der Rucksack mit luftgefülltem Protektor, der den Rücken schützt. Handschuhe und Helm bieten zusätzlichen Schutz. Die Sportler tragen spezielle Gleitschirmschuhe mit Knöchelschutz und geschlossenen Ösen, in denen sich die Seile nicht verfangen können. Die Kosten für den Flugschein liegen bei 1000 bis 1500 Euro.

Unfälle in luftiger Höhe

Auch bei den Profis gibt es immer wieder Zwischenfälle. Im vergangenen Jahr registrierte der Deutsche Hängegleiterverband 108 Unfälle und Störungen von Piloten in Deutschland, darunter sechs tödliche Unfälle. Für Aufsehen sorgte vor neun Jahren der Unfall der deutschen Gleitschirm-Vize-Weltmeisterin Ewa Wisnierska, die in Australien in eine Gewitterwolke geriet und auf über 9000 Meter katapultiert wurde. Mehr als eine halbe Stunde lang trieb sie bewusstlos durch Blitz, Hagel und Regen und überlebte Temperaturen von minus 40 Grad Celsius.

Von Gina Apitz

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