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Oschatz Zeckenbiss zwingt René Rumberger in den Rollstuhl
Region Oschatz Zeckenbiss zwingt René Rumberger in den Rollstuhl
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00:43 28.04.2018
René Rumberg leidet an Borreliose. Die Krankheit greift sein Nervensystem an.
Seelitz.

Als sich René Rumberger eines Tages im Juli 2014 auf seinen Auftritt vorbereitete, da wusste er noch nicht, dass ein winziges Tier sein Leben für immer verändern würde. Denn der heute 39-Jährige, der damals mit seiner Frau Susan, seinen beiden Kindern und mehreren Tieren als freiberuflicher Artist vor Kindern, auf Festen oder in Krankenhäusern auftrat, wurde an diesem Tag von einer Zecke gebissen.

Viel mehr als ein Jucken spürte er zunächst nicht. Erst am nächsten Tag fiel ihm eine rötliche Schwellung über dem Fuß auf. Was er noch nicht ahnte: Er hatte sich mit Borreliose infiziert.

Ärzte erkannten Krankheit nicht

Sein Hausarzt sah keinen Handlungsbedarf. Als die Fieberschübe und Schmerzen aber immer stärker wurden, suchte Rumberger weitere Ärzte auf. Erst der fünfte führte einen Bluttest durch und verschrieb ihm Antibiotika. „Mir ging es kurzzeitig besser, ich war schon wieder guter Hoffnung.“ Doch die Karenzzeit von zehn bis zwölf Tagen war da schon um mehr als zwei Wochen überschritten, eine Heilung nicht mehr möglich.

Noch war Rumberger aber mobil. Da war der Kaufvertrag für ein Haus in Seelitz bereits unterschrieben, der familiäre Umzug von Leipzig in das kleine Dorf zwischen Mügeln und Wermsdorf beschlossene Sache.

Krankheit schritt unaufhaltsam voran

Eines Morgens dann versagte sein Fuß. Es folgte ein erneuter Ärztemarathon, bei dem ihm mehrere Neurologen bescheinigten, entweder an einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer rheumatischen Erkrankung oder schlichter Einbildung zu leiden. „Die meisten haben sich den Fuß nicht mal angeschaut und keiner hat etwas unternommen.“

Währenddessen schritt die Erkrankung unaufhaltsam voran, die Borrelien griffen Rumbergers Nervenzellen und Rückenmark an. Erst ein Spezialist aus Nordrhein-Westfalen vermochte eine genaue Diagnose zu stellen. „Er sagte, die Ärzte hätten meinen Mann in den Rollstuhl gebracht“, berichtet Susan Rumberger.

Inzwischen ist auch sein zweiter Fuß gelähmt. In seiner linken Hand spürt er immer weniger, die Sehkraft auf dem linken Auge ist auf 50 Prozent geschrumpft. Sein aktueller Zustand: inkomplette Querschnittslähmung, Pflegegrad drei, zu 90 Prozent schwerbehindert.

Um sich zumindest ein wenig fortbewegen zu können, muss René Rumberger solche Orthosen tragen. Die Spezialanfertigungen wieder jeweils fünf Kilogramm. Quelle: Christian Neffe

Bürokratischer Hürdenlauf

Als wäre dieses Schicksal nicht schlimm genug, folgte dem medizinischen Marathon ein bürokratischer. Denn Krankenkasse, Behörden und Pflegestellen, so Rumberger, würden es ihm unnötig schwer machen, jene Unterstützung zu erhalten, die Menschen mit Behinderungen zusteht, „um ihre Selbstbestimmung und ihre volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu fördern, Benachteiligungen zu vermeiden oder ihnen entgegenzuwirken“. So steht es im Sozialgesetzbuch.

Beispiel Treppenlift: Der werde nur mit 4000 Euro bezuschusst, obwohl er gut das Doppelte koste. Beispiel Sport: Anstatt ihm das vielversprechende Reizstromtraining zu bezahlen, gibt es von der Krankenkasse nur Gutscheine für Rückentraining.

Beispiel Umbauten am und im Haus: Damit er den Fördertopf der Sächsischen Aufbaubank nutzen kann, muss Rumberger für jede einzelne Arbeit drei Angebote vorlegen – viele Handwerker aber geben erst gar kein Angebot ab, weil es sich für sie finanziell nicht lohnen würde.

Sozialverband verweigert Zuschlag für umgebautes Auto

Das für ihn größte Ärgernis aber: Um sein in Artikel 20 der UN-Behindertenrechtskonvention festgehaltenes Recht auf Mobilität in Anspruch zu nehmen, beantragte Rumberger vor einigen Monaten beim Kommunalen Sozialverband Sachsen (KSV) finanzielle Unterstützung zur Anschaffung und zum Umbau eines Autos.

Momentan ist er auf seine Frau angewiesen, wenn er zum Arzt muss, Freunde oder Veranstaltungen besuchen möchte. Um seine Gattin zu entlasten, will er selbst mobil sein, Einkäufe tätigen oder mal einen Ausflug machen können. Ist seine Frau unterwegs, kann er das Haus nämlich nicht verlassen.

Sein Gesuch wurde von der KSV abgelehnt. Begründung: Sollte die erforderliche Mobilität in „zumutbarer Weise“ durch andere Hilfsmittel sichergestellt sein, besteht kein Anspruch auf ein eigenes Kraftfahrzeug. Bedarf bestehe nur, wenn eine regelmäßige Nutzung vonnöten ist, vornehmlich für den täglichen Arbeitsweg. Das sei beim arbeitsunfähigen René Rumberger nicht der Fall.

Eine Rampe am Hauseingang erleichtert die Fahrt auf den Hof. Quelle: Christian Neffe

Rumberger will Selbstständigkeit

Für unregelmäßige Fahrten müssten hingegen öffentliche Verkehrsmittel oder Beförderungsdienste genutzt werden. In Seelitz aber hält kein Bus. „Und ein Behindertenfahrdienst hat nichts mit Selbstständigkeit zu tun“, argumentiert Rumberger. Zumal auch dieser Dienst nur mit 480 Euro pro Jahr bezuschusst wird. „Ich lass mich nicht abwimmeln.“

Rumberger wird deshalb in Widerspruch gehen – auch wenn das an Nerven und Geldbeutel zehrt: Er will für sein Recht auf Selbstständigkeit kämpfen. Und andere Menschen auf die Krankheit, die ihn so schwer gezeichnet, ihn zur Aufgabe seiner Berufung und zum Verkauf seiner Show-Tiere gezwungen hat, aufmerksam machen.

Denn während er all das durchstand, stellte er fest, dass andere von Borreliose Betroffene ähnliche Probleme durchmachen mussten. „Hoffentlich werden einige durch meine Geschichte auf das Thema aufmerksam und lassen sich bei ähnlichen Beschwerden auf Borreliose untersuchen.“ Und ersparen sich damit möglicherweise einen solch anstrengenden Kampf, wie ihn René Rumberger durchmachen muss.

Der ist noch lange nicht vorbei. Jede Form von Unterstützung ist willkommen.

Von Christian Neffe

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