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Oschatz Zeitzeugin erinnert sich an Hilfseinsatz beim Bornitzer Zugunglück
Region Oschatz Zeitzeugin erinnert sich an Hilfseinsatz beim Bornitzer Zugunglück
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06:00 28.09.2018
Die Vorspannlok und die Zuglok eines Güterzuges wurden in Bornitz völlig zerstört. Helgard Wutschke gehörte zu den Helferinnen an der Unglücksstelle. Quelle: Fotos: BStU Leipzig/Axel Kaminski
Bornitz/Naundorf

 Kurz nach dem Erscheinen des OAZ-Artikels über die im Liebschützberger Gemeindeamt eingegangene Anregung, einen Gedenkort für die Opfer des Zugunglücks bei Bornitz zu errichten, besuchte Helgard Wutschke aus Naundorf die Redaktion. „Ich glaube, ich bin die Einzige, die sich an diesen Tag erinnern kann“, sagte die 84-Jährige. Sie kennt das Ereignis nicht nur aus den dürftigen Meldungen, die damals in den Medien kursierten. Sie gehörte dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) bereits seit 1952 an und war als Helferin vor Ort.

Fahne aus dem Fenster

„Meine Eltern sind an diesem Sonnabend mit mir nach Oschatz gefahren. An der Tankstelle stand das Dienstauto des DRK, ein F 7 oder F 8“, erinnert sich Helgard Wutschke. Sie habe Kurt Rochner erkannt und ihn gefragt, was denn los sei und wieso er die DRK-Fahne dabei habe. „Setzt Dich rein und halte die Fahne zum Fenster raus. Es gibt viel zu helfen“, klingt ihr die Antwort noch im Ohr.

Toten mussten geborgen werden

Die Fahrt ging nach Bornitz, wo schon ein Zelt aufgebaut gewesen war. „Es war so gegen 9 Uhr. Die Verletzten waren schon in die Krankenhäuser eingeliefert worden, aber die Toten mussten geborgen und abtransportiert werden“, berichtet Helgard Wutschke. Sie erinnere sich noch daran, dass einige „Sperrmäuler“ – heute würden wir Gaffer sagen – da standen und meinten, unter den Trümmern würde noch jemand um Hilfe rufen. „Ich bin in meinen Halbschuhen durch den Schnee gestapft und habe einen Körper gefunden. Da war noch der Hals dran und ein paar Wirbel vom Kopf. Der Kopf war nicht zu finden“, erinnert sie sich.

Toten neben dem Krankenhaus gelagert

„Ich arbeitete mit Marianne Mecus zusammen“, erzählt die Naundorferin. Sie hätten sich gegenseitig angesehen und tief Luft geholt, damit ihnen nicht übel würde. Man habe sie angewiesen, die Toten so zu legen, dass ihre Gesichter erkennbar blieben. Also bekamen sie ihren eigenen Schal oder ihre Arme „kreuzweg übers Gesicht“ gelegt. Helgard Wutschke erinnert sich, dass Werner Jähnigen und Kurt Rochner alte Lieferwagen besorgten, um die Toten nach Oschatz zu fahren. Dort seien die Leichen zunächst neben dem Krankenhaus gelagert worden.

Eiskalte Temperaturen

„Es war eine Arbeit gegen die Kälte und gegen die Zeit“, erinnert sich die Naundorferin. Die Toten sollten schließlich abtransportiert werden, bevor sie steif wurden. Sie wundere sich heute noch, dass sie nach dem Einsatz bei minus 28 Grad nicht krank geworden sei. „Als der Rat des Kreises einen Kessel voller Nudeln mit fettem Rindfleisch schickte, damit sich die Helfer stärken konnten, habe ich meine Handschuhe ausgezogen. Obwohl sie blutdurchtränkt waren, habe ich sie nach dieser Pause wieder angezogen – anders ging es bei dieser Kälte nicht“, blickt Helgard Wutschke zurück. Eine Frau habe sie damals gefüttert, sie sei nicht dazu gekommen, sich bei ihr zu bedanken.

Zwei junge Mädchen gestorben

Am Rande hat die Naundorferin einige der Tragödien, die sich bei diesem Unglück abgespielt haben, miterlebt. Darunter zählt der Fall einer Frau, die ihre sechs und acht Jahren alten Töchter in Dresden in den Messesonderzug gesetzt hatte. Ihr früherer Mann sollte sie in Leipzig abholen. Nachdem er von dem Unglück gehört hatte, sei er nach Riesa gefahren. Dort habe er vom Tod des einen Mädchen erfahren und in Oschatz die Nachricht zum Tod seines zweiten Kindes bekommen.

„Wir Helfer saßen nach getaner Arbeit gegen 17 Uhr unterhalb des Bahnhofs, ein Stück in Richtung Riesa auf einem Brunnen und warteten. Wir fürchteten, dass man uns vergessen hat“, erzählt die 84-Jährige. Tatsächlich wurde sie und die anderen Helfer noch abgeholt und nach Hause gebracht. „Ich würde mich freuen, wenn man an dieser Stelle an die Opfer und Helfer erinnern würde“, betont Helga Wutschke. Dann würde sie sich auf jeden Fall noch einmal auf den Weg nach Bornitz machen.

Von Axel Kaminski

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