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Zugunglück: Lok bohrt sich in die Erde

Zugunglück: Lok bohrt sich in die Erde

Berühmt war Mügeln nicht etwa durch einige seiner Söhne oder Töchter wie zum Beispiel den Minnesänger Heinrich von Mügeln. Er kam aus dem Städtchen gleichen Namens bei Pirna.

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Stahlross neben "Pappe": Eine Aufnahme von den Dreharbeiten zum Filmprojekt "130 Jahre Döllnitzbahn" auf dem Mügelner Bahnhof.

Quelle: Sven Bartsch

Berühmt war Mügeln auch durch seine Kleinbahn, den "Wilden Robert", "Mügeln-Mutzschen-Mailand". Aus den Erinnerungen seiner Kindheit schreibt Dr. Friedrich Sembdner, der heute in Nassau in Rheinland-Pfalz lebt, über eine Fahrt im Jahr 1941.

 

Den Verkehr zwischen Oschatz, Mügeln, Wermsdorf und Neichen versieht eine Bimmelbahn. Diese Linie ist 35 Kilometer lang, und der Zug benötigt dafür zwei Stunden. Ich gehe zunächst auf den Bahnhof Oschatz-Süd. Es ist ein schönes, erst anderthalb Jahre altes Gebäude. Dort löse ich die Fahrkarte nach Mügeln und laufe durch die helle, freundliche Wartehalle zum Bahnsteig. Ein Güterzug kommt soeben an. Er hat hauptsächlich Großbahnwagen angehängt, die auf Rollböcken fahren. Das erspart ein Umladen der Transportgüter. Ein Bimmelbahnwagen wird hier abrangiert. Die in ihm befindlichen Güter sind für den Süden von Oschatz und die umliegenden Dörfer bestimmt. Bald verlässt der Zug den Bahnhof. Er muss erst auf dem Hauptbahnhof ankommen, ehe unser Zug dort abfahren kann, denn die Strecke ist eingleisig. Die Züge können nur an den Stationen aneinander vorbeifahren.

 

Es kommen nun immer mehr Leute, die mitfahren wollen. Schließlich kündigt sich unser "Bähnchen" durch mehrmaliges Pfeifen und immerwährendes Bimmeln an. Nun noch ein Pfiff, und schon fährt die etwas veraltete Lokomotive an mir vorüber. Dann folgt der Gepäckwagen und schließlich die Personenwagen. Einen der letzten besteige ich. Er besteht zur Hälfte aus zweiter und dritter Klasse. Nun stehe ich auf einer Plattform, die zum Schutz gegen das Wetter mit einem Dach versehen ist. Hinter mir schiebt der Schaffner mehrere Stäbe vor, damit die Fahrgäste nicht hinausfallen. Jetzt betrete ich durch eine Schiebetür den Wagen. Es ist schön warm darin. Die Wärme kommt aus zwei mit Schutzgittern versehenen Eisenöfen. Nun setze ich mich an einen Fensterplatz. Plötzlich gibt es einen kräftigen Ruck, und der Zug setzt sich in Bewegung. Unter heftigem Bimmeln verlässt der Zug den Bahnhof. Nach sehr kurzer Zeit hält er schon wieder. Der Schaffner ruft: "Altoschatz-Rosental". Diesmal müssen sich die Leute, die hier einsteigen, ihre Fahrkarten am Gepäckwagen abholen. Bald geht es wieder weiter. Mehrmals überqueren wir kleine Bäche und Wege. In Talheim, der nächsten Station, steigen mehrere Flieger aus, denn es ist die dem Flugplatz am nächsten gelegene Haltestelle. Bald kommen wir nach Naundorf. Jetzt habe ich ungefähr die Hälfte der Strecke hinter mir.

 

Hinter Naundorf treffen wir auf die Oschatz-Mügeln-Leisniger Straße. Wir fahren nun neben ihr immer geradeaus. Ein Radfahrer fährt mühelos mit uns. Er muss aber später anhalten, denn wir fahren über die Straße und kommen nun nach Schweta. Nach einigen Minuten verlassen wir diese kleine Haltestelle wieder und fahren jetzt an der Kartoffelflockenfabrik Mügeln vorbei. Nun sehen wir rechts von uns den Lokomotivschuppen des Bahnhofs Mügeln, und zur linken Hand stößt die Mügeln-Döbelner Strecke zu uns. Da tauchen auch schon die Anlagen des Mügelner Bahnhofs auf. Es geht am Güterbahnhof vorbei. Viele Wagen stehen zum Einladen der Güter bereit. Auf einem anderen Gleis steht der Zug, der nach Oschatz abfährt. Viele Leute steigen aus und ebenso viele wieder ein. Schaffner rennen hin und her, Gepäck wird ein-, aus- und umgeladen. Eine Lokomotive rangiert einen Güterzug zusammen.

 

Nach einem viertelstündigen Aufenthalt geht es weiter. Jetzt fährt der Zug über die Hauptstraße Mügelns. Dann geht es an den Hinterfronten vieler Häuser und an der Maschinenzentrale vorbei. Nun fahren wir am Horst-Wessel-Platz entlang, am Schloss Ruhethal vorbei, und dann geht es neben der Döllnitz her. Der Zug fährt quer durch den Anger, das sind die großen Wiesen, auf denen die Mügelner ihre Wäsche bleichen. Es hängt auch heute sehr viel Wäsche dort. Jetzt geht es an dem früheren SA-Heim vorbei, und schon hält der Zug wieder. Es ist Altmügeln. Dort steige auch ich aus. Zuerst fällt mein Blick auf das Stationshaus, das vor einer Woche durch ein Eisenbahnunglück eingedrückt worden ist. "Am Sonntagvormittag, gegen 9 Uhr fuhr hier der nach Neichen fahrende Personenzug in einen Oschatzer Privatomnibus, der mit Kriegsverletzten nach Wermsdorf fahren wollte. Der Betrieb nahm abends 9 Uhr wieder seinen normalen Verlauf", war im "Mügelner Tageblatt" zu lesen. Ein Mann brachte uns diese Nachricht. Ich bin sofort losgerannt, um mir das Unglück anzusehen. Die Polizei war schon da. Durch das starke Bremsen des Lokomotivführers sind die Lokomotive und die zwei ersten Wagen aus den Gleisen gesprungen. Die Lokomotive bohrte sich etwa einen Meter tief in die Erde. Im Omnibus sind drei Personen schwer und zwei leicht verletzt worden. Die Zugreisenden sind mit dem Schrecken davongekommen. Nach einer halben Stunde traf ein Hilfszug aus Wermsdorf ein. Die Reisenden stiegen ein und setzten ihre unterbrochene Fahrt fort. Es ist seit langer Zeit das einzige Eisenbahnunglück der Bimmelbahn.

 

Mügeln gilt noch heute bei Eisenbahnfans als lohnendes Ziel, auch wenn nur noch Teile des einstigen Netzes befahren werden, lockt der nostalgische kleine Dampfzug die Fotografen an. In meiner Kindheit galt unser Bahnhof als der "größte Kleinbahnhof Europas", ob das stimmt, weiß man so genau nicht. Aber mit den Strecken nach Oschatz, Wermsdorf-Neichen, Börtewitz und Döbeln wie mit den viel gleisigen Anlagen des Bahnhofs selbst kann das schon möglich sein. Das zahlreiche Bahnpersonal, vom Vorsteher über Lokführer und Heizer, bis hin zu den Rottenarbeitern wohnten sie alle in Mügeln und den umliegenden Dörfern. So war die Eisenbahn sicher einer der größeren Arbeitgeber in der Stadt.

 

Später, als ich Fahrschüler war, spielte die Bimmelbahn für mich und meine Schulkameraden eine erhebliche Rolle - fast wäre ich selbst einmal Verursacher eines Unfalls gewesen, als ich auf dem Oschatzer Südbahnhof neben dem Gleis wartend von einer Gruppe Mitschüler nach hinten gedrängt wurde. Ich schob, um nicht zu fallen, einen von ihnen instinktiv nach vorn. Er taumelte auf den Gleisen vor dem einfahrenden Zug herum, konnte sich aber zum Glück noch zur Seite retten. Der Vorfall hat mich lange beschäftigt. Viel später habe ich mir über die strafrechtliche Seite meines Verhaltens Gedanken gemacht, doch dürfte es bei der bloßen Reaktion auf ein Geschiebe schon am relevanten Handeln gefehlt haben.

Dr. Friedrich Sembdner

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