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Oschatz Zurück in die Kindheit mit dem Mügelner Fleischerbus
Region Oschatz Zurück in die Kindheit mit dem Mügelner Fleischerbus
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06:06 24.05.2018
Lars Gersten schaut aus seinem Fleischerbus bei einem Zwischenhalt auf dem Oschatzer Neumarkt. Quelle: Foto: Frank Hörügel
Oschatz

Lars Gerstenumfasst den Knauf am Ende des langen Schalthebels mit seiner rechten Hand, drückt den ersten Gang rein. Ein kleiner Ruck – und das himmelblaue Gefährt setzt sich in Bewegung. Genau so wie vor 41 Jahren. Damals startete der Fleischerbus S5 seine Jungfernfahrt. „Das ist mit das älteste Fahrzeug der Fritz Fleischer KG Gera in restauriertem, einsatzbereiten Zustand“, sagt Gersten mit Stolz in der Stimme.

Der 46-jährige Schlebener (bei Mügeln) hat sich mit dem Fleischerbus einen Traum erfüllt und lässt im Zweitberuf als Busunternehmer andere daran teilhaben. So wie Thomas Albrecht. Zu seinem 50. Geburtstag charterte er den Bus samt Fahrer und lud seine 20 Gäste zu einer entspannten Rundfahrt durch die Region Oschatz ein. „Mit dem passenden Gefährt aus den 70er Jahren sind wir die Stätten meiner Vorfahren und Orte abgefahren, mit denen ich Erinnerungen an wunderbare Sommerferien verbinde“, sagt der Pirnaer mit Wurzeln in Wellerswalde und Mügeln.

Lokführer als Kindheitstraum

Zur Technik hat es Lars Gersten schon immer hingezogen. „Als Kind wollte ich Lokführer werden“, erinnert sich der Nachrichtentechniker, der im Hauptberuf jeden Tag zur Arbeit in ein Kommunikationsunternehmen nach Dresden pendelt. Den Berufswunsch des Lokführers hat sich der 46-Jährige im Feldbahnverein Glossen erfüllt, dessen Vorsitzender er bis 2009 war.

Parallel dazu entdeckte er ein weiteres Steckenpferd – und das hängt mit einem Besuch des ersten Oldtimertreffens in Schmannewitz im Jahr 2000 zusammen. „14 Tage später hatte ich einen Oldtimer H6 im Hof stehen.“ Das ist ein mittelschwerer Laster mit sechs Tonnen Nutzlast, der bis 1959 produziert wurde. Weitere Laster ergänzten den Fuhrpark. Und 2006 folgte dann der erste Bus – ein Opel Blitz. Doch damit war noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Im Jahr 2008 wurde Lars Gersten ein fahrbereiter Fleischerbus S5, Baujahr 1977, angeboten. „In einem tipptopp Zustand“, schwärmt der Schlebener noch heute. Deutschlandweit gibt es nur noch etwa 20 funktionierende Fleischerbusse. Um die fünfstellige Kaufsumme aufbringen zu können, musste sich Gersten von zwei Lkw-Oldtimern trennen, die er einem Rentner verkaufte.

Schauspieler Thomas Rühmann bei Filmaufnahmen zu „Wolfgang Vogel – der DDR-Anwalt mit dem goldenen Mercedes“ als Rechtsanwalt Wolfgang Vogel beim Verabschieden freigekaufter DDR-Häftlinge (l.). Quelle: MDR

Am 1. Juli 2009 startete er schließlich seinen Busbetrieb in Schleben, fährt seitdem Hochzeitsgesellschaften, Geburtstagsrunden oder Vereine an den Wochenenden oder zu Feiertagen durch die Gegend. Auch Fahrten nach individuellen Kundenwünschen in die Städte Leipzig, Dresden oder ins Erzgebirge können gebucht werden. In der Saison zwischen April bis Ende Oktober kommen so etwa 50 Fahrten zusammen. „Es ist ein erhabenes Gefühl, einen komfortablen Fleischerbus zu fahren, der überall die Blicke auf sich zieht. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit, bei der ich den Leuten die Sehenswürdigkeiten unserer Region zeigen kann und wir zusammen ein bisschen Spaß haben“, sagt Gersten.

Der Weg ist das Ziel

An seinem Bus gefällt ihm besonders das einzigartige Design und die weiche Sitzpolsterung: Dass der Bus mit seinen 190 Pferdestärken aus heutiger Sicht eher schwach auf der Brust ist – moderne Reisebusse haben zwischen 300 und 500 PS – stört Gersten nicht. „80 Kilometer pro Stunde sind eine gute Reisegeschwindigkeit: Der Weg ist das Ziel.“ Eine Klimaanlage gibt es in dem Fahrzeug nicht, dafür sorgen vier Dachluken für frische Luft. Bis zu 30 Liter Diesel schluckt der Oldtimer auf 100 Kilometer.

Gerstens Bus gehört auch nicht zu den insgesamt 20 Luxus-Reisebussen, die von der Firma Fleischer zu DDR-Zeiten gebaut und mit Kochnische inklusive Kaffeekocher und Bockwurstwärmer ausgestattet wurden. Ein Original-Detail der Luxus-Busse hat der 46-Jährige seinem Bus aber dennoch gegönnt – einen kleinen schwarz-weiß Fernseher Sanyo Mini 9. Der wurde nur in den Fahrpausen angeschaltet und was auf dem winzigen Bildschirm gezeigt wurde, sahen nur die Reisenden in den ersten paar Sitzreihen.

Von den weich gepolsterten Sitzen des S5 aus haben die Fahrgäste einen guten Blick auf die vorbeigleitende Landschaft. Quelle: Thomas Albrecht

Mittlerweile gehören zum Fuhrpark, den der Schlebener in einer ehemaligen Scheune auf dem Familiengrundstück untergebracht hat, noch zwei weitere Busse – ein Ikarus-Bus aus ungarischer Produktion, Baujahr 1977, und ein kleinerer Fleischerbus S4, Baujahr 1972. „Andere sammeln Briefmarken, ich sammle Busse“, sagt Gersten. Seinen Bürojob als Nachrichtentechniker will er dennoch nicht aufgeben. „Der Busbetrieb ist für mich einfach das zweite Standbein. Beim Schrauben an den Oldtimern hast du natürlich auch mal dreckige Finger. Aber du weißt, was du gemacht hast.“

Die Geburtstagsrunde von Thomas Albrecht aus Pirna ist mittlerweile auf dem Mügelner Markt angekommen. Kurzer Zwischenstopp. „Hier haben meine Großeltern eine Bäckerei gehabt“, zeigt der 50-Jährige auf das Eckhaus am Markt. Und weiter geht’s. Busfahrer Lars Gersten stellt eine kleine, weiße Fußbank auf das Pflaster vor der Bustür und ruft: „Alle einsteigen!“. Ohne die Fußbank wäre das Klettern in den Bus beschwerlich – die heutigen Niederflurbusse mit niedrigem Einstieg waren 1977 noch ein Fremdwort.

Lars Gersten besitzt auch noch einen Fleischerbus S4 Quelle: Frank Hörügel

Die Fußbank brauchte auch der Schauspieler Thomas Rühmann („In aller Freundschaft“), als der Schlebener Fleischerbus mit seinem Besitzer Lars Gersten seinen bisher größten Auftritt hatte. Das war im März 2014 in Zeitz. Dort drehte der MDR den Film „Wolfgang Vogel – der DDR-Anwalt mit dem goldenen Mercedes“. Rühmann spielte den Anwalt Vogel, der damals den Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR in den Westen organisierte. Und der Film-Bus, mit dem die Häftlinge in den freien Westen gefahren wurden, war das himmelblaue Gefährt aus Schleben.

Nach knapp drei Stunden Rundfahrt ist der Geburtstags-Bus von Thomas Albrecht wieder am Ziel in Wellerswalde angelangt. Lars Gersten holt die Fußbank noch einmal raus und ruft: „Bitte alle aussteigen!“

Thomas Albrecht ist glücklich, dass seinen Gästen die Reise in die Vergangenheit gefallen hat: „Daran hat Lars Gersten einen großen Anteil – ein netter und versierter Fahrer, bei dem man von der ersten Minute an merkt, dass er die Sache gern macht.“

Von Frank Hörügel

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