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Oschatz Airbnb macht aus Fremden Freunde – auch in der Collm-Region
Region Oschatz Airbnb macht aus Fremden Freunde – auch in der Collm-Region
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14:39 23.02.2018
Sabine Bernard und Ian Tompson bieten in ihrem Haus in Liptitz ein seit einem Jahr ein Zimmer via Airbnb an; Airbnb auf dem Land Quelle: Christian Neffe
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Region Oschatz

Wie bei jeder anderen Dienstleistungsbranche gilt auch im Tourismus: Wer nicht im Internet präsent ist, ist gar nicht mehr präsent. Vor allem eine Online-Plattform hat den Wohnungs- und Hotelmarkt in den vergangenen Jahren stark aufgerüttelt: Airbnb. Kurz für „Airbed and breakfast“, zu Deutsch: Luftmatratze und Frühstück.

Private und gewerbliche Vermieter können dort ihre Unterkünfte anbieten, der Austausch mit Interessenten verläuft unkompliziert. Besonders in Großstädten erfreut sich die Plattform großer Beliebtheit.

In ländlichen Regionen ist Airbnb zwar noch eine Seltenheit, wird allmählich aber immer populärer. Das zeigt ein Blick auf das Angebot in der Collm-Region: Zwar findet sich in Oschatz selbst nur ein Anbieter, zwischen Belgern und Wermsdorf aber stehen derzeit in Summe zwei Dutzend Unterkünfte zur Verfügung. Die reichen von einzelnen Zimmern für 14 Euro pro Nacht über Ferienwohnungen bis hin zu ganzen Bungalows und Häusern für 100 Euro je Übernachtung.

Private Anbieter schätzen den persönlichen Kontakt mit Gästen

Die Angebote finden sich vorrangig in kleineren Ortschaften, beispielsweise in Liptitz. Dort empfangen Sabine Bernard, ihr Lebensgefährte Ian Tompson und Hund Rupert seit einem knappen Jahr in unregelmäßigen Abständen Gäste aus aller Welt. Die meisten möchten klassischen Urlaub machen, andere kommen mit ungewöhnlicheren Reiseabsichten: „Ein australisches Pärchen war hier auf der Suche nach ihren Vorfahren und ein Kanadier war zum Lutherjahr auf Kirchtour durch Deutschland“, erzählt Bernard.

Sabine Bernard und Ian Tompson bieten in ihrem Haus in Liptitz ein seit einem Jahr ein Zimmer via Airbnb an und schätzen vor allem den Kontakt zu den Gästen. Quelle: Christian Neffe

Die Einnahmen sind ein kleines Zubrot für die Renovierungsarbeiten an dem alten, dreistöckigen Haus, das die Leipzigerin und der Londoner vor einigen Jahren erworben haben. Das gemütlich eingerichtete Gästezimmer befindet sich im obersten Stock – der Ausblick über die Region lockt also mehr, als der Blick in den Fernseher. In erster Linie aber schätzen Bernard und Tompson den persönlichen Kontakt mit ihren Gästen: „Wir sind Freunde geworden und haben immer noch Kontakt mit ihnen.“

Lampersdorf: Wohnen zwischen restaurierten Möbeln aus Schweden

Auch in Lampersdorf wird man fündig. Franziska Markurt betreibt hier einen Hofladen, in dem sie alte Möbel aus Schweden aufpoliert und anschließend verkauft. 2012 sind sie und ihr Mann aus Leipzig hergezogen. Die Kinder waren bereits aus dem Haus und so standen vier kleine Zimmer frei, in denen zunächst Verwandtschaft und Freunde unterkamen.

Im November 2017 meldete sich Markurt bei Airbnb an und konnte inzwischen drei Mal Gäste begrüßen. Beispielsweise eine Holländerin, die einen Kaffeehandel in Halle betreibt, oder ein Paar, das zu einer Familienfeier im Ort eingeladen war und eine Unterkunft in der Nähe suchte.

Franziska Markurt bietet in ihrem Haus in Lampersdorf seit November vier Zimmer via Airbnb an. Quelle: Christian Neffe

„Wir sind einfach interessiert an anderen Menschen und ihren Biografien“, erklärt Markurt ihre Motivation. „Alle, die hierher kamen, fühlten sich wohl und wir haben bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Morgens frühstückt man gemeinsam, abends trinkt man ein Glas Wein und tauscht sich aus.“

Airbnb aus zusätzliche Plattform für gewerbliche Anbieter

Einige gewerbliche Anbieter wiederum nutzen Airbnb als zusätzliche Werbe- und Vertriebsplattform. Einer davon ist Ulf Müller, der die Pension „Müllers Hof“ im Wermsdorfer Ortsteil Mahlis leitet. „Meine Tochter hat mir vor drei Jahren empfohlen, mich dort anzumelden, weil es vor allem für internationale Gäste inzwischen Standard ist“, meint Müller.

Der Anteil der Buchungen über Airbnb sei „verschwindend gering“, die Plattform aber trotzdem eine „nette Nische“. „Unter den Gästen waren vor allem Globetrotter, zum Beispiel ein Amerikaner, der von Ost nach West gepilgert ist, ein Bett für eine Nacht brauchte und mehr nicht. Die Leute sind völlig weltoffen und freundlich“, berichtet Müller.

Auch Kerstin Schurig, Inhaberin der Pension Schurig in Belgern-Schildau, ist auf Airbnb vertreten und weiß Positives zu berichten: „Wir machen das erst seit vorigem Jahr. Es wird gut angenommen, wir sind zufrieden. Und die Gäste sind schon immer sehr angenehm.“

Großstädte gehen juristisch gegen Airbnb vor

Vor allem für Rucksacktouristen bietet sich Airbnb an, da die Quartiersuche, der Kontakt mit dem Gastgeber und die Bezahlung unkompliziert über die Smartphone-App abgewickelt werden können. Prinzipiell steht auch einem längeren Aufenthalt per Airbnb nichts entgegen, vor allem in Großstädten aber wächst allmählich der Unmut gegenüber der Plattform.

Immer öfter werden Wohnungen allein auf Airbnb angeboten, da sich damit mehr verdienen lässt als mit klassischer Vermietung. Die Folge: Die Unterkünfte fehlen auf dem ohnehin schon schwierigen Wohnungsmarkt. In Berlin ist deshalb bereits ein Verbot für die private Vermietung von nicht-genehmigten Ferienwohnungen verhängt worden. Leipzigs Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau brachte kürzlich den Erlass eines sogenannten Zweckentfremdungsverbotes in Spiel.

Die Zimmer- und Wohnungsvermittlungsplattform erfreut sich vor allem in Großstädten (hier Leipzig) großer Beliebtheit – nicht aber bei den Verwaltungen. Quelle: André Kempner

Erfolgreiche Zusammenarbeit mit Tourismusverbänden in der Schweiz

Positives konnte Airbnb vor einiger Zeit aber aus den Alpen vermelden. „In der Schweiz arbeiten wir bereits sehr erfolgreich mit den Tourismusverbänden ,Zug Tourismus’ und ,Basel Land Tourismus’ zusammen, unter anderem um die anfallenden Beherbergungsabgaben automatisiert abzuführen“, teilt eine Sprecherin des Unternehmens auf OAZ-Anfrage mit.

Auch in Deutschland bestehe eine „konstruktive und vielseitige Zusammenarbeit und ein kontinuierlicher Austausch mit vielen Tourismusverbänden“, so das Unternehmen. Für die Einziehung der Beherbergungsabgaben sei in Deutschland jedoch die jeweilige Stadt beziehungsweise die Steuerverwaltung der zuständige Vertragspartner. Eine derartige Kooperation bestehe bereits mit der Stadt Dortmund.

Nach Ansicht von Alexander Schwarz, Chef von Airbnb Deutschland, Österreich und der Schweiz, sei die Plattform vor allem für kleinere Zimmervermieter ein interessanter Vertriebskanal. „Privatvermieter können mit den großen Hotels, die mit den großen Buchungsplattformen arbeiten, häufig nur schwer mithalten“, sagte er im November 2016.

Tourismusverband ist optimistisch, fordert aber einheitliche Regeln

Der Landestourismusverband (LTV) Sachsen steht dem Thema Airbnb prinzipiell offen gegenüber: „Der LTV Sachsen hat als wichtiges Ziel, den Tourismus in Sachsen weiter voran zu bringen, in den Städten wie im ländlichen Raum. Neue digitale Geschäftsmodelle und Plattformen spielen dabei eine wichtige Rolle“, teilt Manfred Böhme, Direktor des LTV Sachsen, mit. „Grundsätzlich erweitern und bereichern sie das Angebot zu Gunsten der immer individuelleren Gästebedürfnisse.“

Gefordert wird aber auch, dass alle Anbieter die gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen am Markt haben sollten. Kritisch werden in diesem Zusammenhang nicht gelegentliche, sondern professionelle Anbieter gesehen, die unter Umgehung gesetzlicher Vorschriften mit gewerblichen Betrieben konkurrieren, ohne deren Vorschriften und Auflagen wie das Bundesmeldegesetz, die Steuern oder die Hygiene zu erfüllen.

Bis hier Klarheit geschaffen ist, wird noch einige Zeit vergehen. Nichtsdestotrotz: Für kleinere Anbieter von Unterkünften stellt Airbnb eine gute Ergänzung zu klassischen Werbe- und Vertriebsplattformen dar, private Anbieter wiederum schätzen den persönlichen Kontakt zu ihren Gästen sowie die Möglichkeit, überschüssigen Wohnraum bereitstellen zu können.

Von Christian Neffe

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