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Polizeiticker Die ersten im Schanzenviertel: Sachsens SEK setzt bei Stürmung Schusswaffen ein
Region Polizeiticker Die ersten im Schanzenviertel: Sachsens SEK setzt bei Stürmung Schusswaffen ein
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12:24 13.07.2017
Schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei gehen zum G20-Gipfel in Hamburg gegen Protestierer vor (Archivbild) Quelle: dpa
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Leipzig

Sie waren die ersten Spezialkräfte, die Einheiten der Bereitschaftspolizei den Weg in das von einem tobenden Mob beherrschte Hamburger Schanzenviertel freimachten: Gemeinsam mit der österreichischen Cobra-Einheit gingen sächsische SEK-Beamte gegen extrem gewaltbereite G20-Gipfel-Gegner vor, die postiert auf Häuserdächern die Polizei mit Wurfgeschossen attackierten und so den Weg blockierten. Für SEK-Kommandoführer Sven Mewes (57) ist der Einsatz ein Paradebeispiel für das Zusammenwirken deutscher und österreichischer Spezialeinheiten und ein Erfolg guter Hamburger Polizeiführung. Im Interview berichtet er von der Nacht vom 7. auf den 8. Juli.

Frage: Sie waren mit insgesamt 40 sächsischen Spezialkräften während des G20-Gipfels in Hamburg im Einsatz. Was war ihre Aufgabe?

Sven Mewes: Wir Sachsen waren zusammen mit anderen Kommandos in Hamburg eingesetzt, um als mobile Interventionskomponente sowohl bei Anschlägen gegen Politiker als auch gegen die Bevölkerung sofort reagieren und agieren zu können. Aber nur im Falle eines Terroranschlags oder einer Terrordrohung. Das war unser Auftrag.

Es gab in der fraglichen Nacht aber weder einen Anschlag noch eine Drohung damit. Wie kam es also zu dem Einsatz?

Dieser Einsatz war eigentlich von vorherein nicht so geplant. Die Vorbereitungen, die wir im Vorfeld getroffen hatten, zielten auch nicht auf solche Einsätze ab. Gleichwohl, aufgrund der erheblichen Gefährdungslage für eigene Kräfte und insbesondere auch für die Bevölkerung, hat man uns eingesetzt mit dem Auftrag, gezielt die Gebäude im Bereich des Schanzenviertels, in dem sich die Auseinandersetzungen abspielten, zu durchkämmen und vor allem die Dächer von Personen zu befreien.

Zur Person:

Sven Mewes (57) ist Kommandoführer des sächsischen SEK. Der Beamte ist seit mehr als 30 Jahren im Polizeidienst. Als Polizeidirektor ist er Mitglied der Polizeiführung des Landes.

SEK-Führer Sven Mewes Quelle: dpa

Ein SEK-Einsatz im Rahmen eines Demonstrationsgeschehens ist aber doch eher ungewöhnlich, oder?

Nach dem, was ich gesehen habe, war das kein Demonstrationsgeschehen mehr. Das war deutlich weiter fortgeschritten. Solche Gewalt habe ich als Polizist, und ich bin schon über 30 Jahre Polizist, noch nie erlebt. Und von daher war das für uns auch gefühlsmäßig kein Vorgehen gegen Demonstranten, sondern gegen Rechtsbrecher, mögliche Verbrecher, die versucht haben, sowohl Polizeibeamte als auch die Bevölkerung an Leib und Leben zu schädigen - möglicherweise sogar lebensgefährlich zu verletzen. Die Hauptaufgabe von Spezialeinheiten ist die Rettung gefährdeter Menschenleben. Und genau das haben wir in dem Moment getan.

Was für eine Situation haben Sie angetroffen und wie waren Sie darauf vorbereitet?

Sachsens SEK durfte auf Protestierer schießen

Die Ausgangslage war die, dass wir damit rechnen mussten, auch auf mit Schusswaffen bewaffnete Straftäter zu treffen. Dementsprechend war unser Vorgehen extrem robust auf Eigensicherung, aber auch auf hohe Dynamik ausgelegt. Das heißt, der Schusswaffengebrauch war für uns freigegeben, wir haben Ablenkungspyrotechnik in den Gebäuden eingesetzt und geschlossene Türen mittels Schusswaffen mit spezieller Munition geöffnet. Alle die wir angetroffen haben, haben wir sofort auf den Boden gelegt, gefesselt und anschließend abführen lassen.

Sind Sie auf Widerstand gestoßen?

Es hat überhaupt keine Gegenwehr gegeben. Wir haben in den ersten beiden Gebäuden auf dem Dach Straftäter stellen können, die sich, als sie uns sahen, sofort ergeben haben. Insgesamt haben wir sechs oder sieben Häuser durchsucht. Es gab nach meiner Erinnerung 13 Festnahmen.

Wie kam der Einsatz im Schanzenviertel an?

Nachdem wir das erste Haus durchsucht hatten, war es mein Gefühl, dass absolute Stille im Schanzenviertel vorherrschte. Wir haben keine Steinwürfe mehr wahrnehmen können. Wir haben keine Randalierer mehr feststellen können. Die ganze Situation hat sich - auch in der Nachbetrachtung - mit unserem Einsatz äußerst beruhigt. Auf jeden Fall war die Dynamik der Straftäter absolut raus.

Polizei setzt Schusswaffen und Pyrotechnik in Wohnhäusern ein

Aus welchem Grund?

Da kamen drei Dinge zusammen. Erstens die Optik - man hat ja auch auf den Fernsehbildern gesehen, dass wir deutlich von den anderen Einsatzkräften zu unterscheiden waren. Zweitens sind wir in den Gebäuden ja sehr, sehr robust vorgegangen und mussten dort auch Schusswaffen einsetzen, um Türen zu öffnen. Dann die Ablenkungspyrotechnik. Es war sicher auch akustisch noch sehr weit im Schanzenviertel zu hören, dass jetzt andere Einsatzkräfte, aber auch andere Einsatzmittel angewendet werden.

Es waren ja offensichtlich nicht nur organisierte Gewalttäter, mit denen Sie es zu tun bekamen, wie haben sie die Szenerie empfunden?

Neben der extremen Gewalt, die uns entgegengeschlagen ist, haben wir auch viele Zuschauer, viele Gaffer, gesehen, die mit Handys Fotos gemacht, Bier getrunken und auch noch versucht haben, - so kam es mir zumindest vor - Gewalttäter und Polizisten gegeneinander anzustacheln, zur Höchstleistung anzutreiben. Für mich war das eine total bizarre Situation, absolut unglaublich.

Schwer bewaffnet, mit militärischer Anmutung soll das SEK Sachsen bei Terror-Szenarien oder Geiselbefreiungen eingreifen. Beim G20-Gipfel wurde es auch gegen Protestierer und Demonstranten und zur Räumung von Wohnhäusern eingesetzt. (Archivbild mit Sachsens Innemnister Markus Ulbig, CDU) Quelle: dpa

Ein Kritikpunkt ist ja, dass es so lange gedauert hat, bis die Polizei die Lage im Griff hatte. Wie lange haben Sie denn gebraucht?

Wir sind sofort hoch ins Schanzenviertel, als wir gerufen wurden, haben uns vor Ort kurz strukturiert und sind dann ins Haus eingedrungen. Zwischen Alarmierung und Eindringen lagen pi mal Daumen 45 Minuten. Insgesamt haben wir sechs oder sieben Häuser durchsucht, insbesondere die Dächer. Das hat sicherlich zwei Stunden gedauert.

Interview: Martin Fischer

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