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Polizeiticker Erneut rechtsgerichtete Demo und Gegenprotest in Köthen
Region Polizeiticker Erneut rechtsgerichtete Demo und Gegenprotest in Köthen
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21:57 16.09.2018
In Köthen formiert sich der Protest gegen eine rechte Demonstration. Quelle: dpa
Köthen

Eine Woche nach dem Tod eines 22-Jährigen hat es in der sachsen-anhaltischen Kleinstadt Köthen erneut eine rechtsgerichtete Demo sowie Gegenprotest gegeben. Am Bahnhof versammelten sich am Sonntagnachmittag Teilnehmer zu einer Kundgebung gegen rechte Hetze und Gewalt. Geschätzt waren dort laut Polizei 850 Demonstranten.

Gegen 18 Uhr hat auch die Kundgebung rechtsgerichteter Gruppierungen begonnen. Nach bisherigen Schätzungen waren zu Beginn etwa 700 später etwa 1400 Menschen auf dem Marktplatz. Viele Deutschlandfahnen wehten, auf Plakaten standen Aufschriften wie: „Wir sind Chemnitz! Wir wollen keine Messermänner“, auf einem Transparent war „Danke Herr Maaßen für die Wahrheit“ zu lesen. „Merkel-muss-weg“-Rufe ertönten.

AfD-Vertreter in Köthen

Unter anderem hatte das fremdenfeindliche Dresdner-Pegida-Bündnis und der rechtsgerichtete Verein „Zukunft Heimat“ aus Brandenburg zu der Demo aufgerufen, der auch in Cottbus aktiv ist. Auch AfD-Vertreter waren in Köthen, darunter Ex-Fraktionschef André Poggenburg. Am Rande sprach er von einer „Gewaltserie“, die es in Deutschland gebe, und machte die Politik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dafür mitverantwortlich. Unterstützung bekam er von der rechten „Ein Prozent“-Bewegung, dem Leipziger „Compact“-Magazin und der AfD-nahen Bewegung „Kandel ist überall“.

Der AfD-Landtagsabgeordnete Daniel Roi verteidigte die Teilnahme der Partei an der Veranstaltung: „Die AfD ist nur ein Teil einer breiten Gegenbewegung, um Merkel und ihre Helfer zu stürzen.“ Schweigend zog die rechte Kundgebung im Anschluss zum Spielplatz, auf dem am späten Samstagabend vor einer Woche der 22-jährige Marcus B. nach einer Auseinandersetzung mit zwei Afghanen starb. Die Demos in Köthen liefen laut Polizei am Abend weitestgehend störungsfrei. Es habe keine Hinweise darauf gegeben, dass es zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen kam. Auf dem Marktplatz standen sich schließlich gegen 20 Uhr rechte und linke Kundgebung in Hörweite gegenüber. Polizisten schlossen die bereitgestellten Gitter, um beide Veranstaltungen zu trennen.

Mehr als 1000 Kräfte im Einsatz

In der gut 26 000 Einwohner zählenden Kleinstadt Köthen hatte es seit dem Tod des jungen Deutschen vor einer Woche mehrere rechtsgerichtete Demos, zu denen es auch Rechtsextreme zog, gegeben. Auch Gegenprotest formierte sich. Für diesen Sonntag erhöhte die Polizei die Zahl der Einsatzkräfte. Mehr als 1000 Kräfte seien zeitversetzt an Schwerpunkten im Einsatz, sagte eine Polizeisprecherin.

Nach Behördenangaben starb der schwer herzkranke 22-Jährige an einem Infarkt, nachdem der Deutsche sich schlichtend in einen Streit zwischen mehreren afghanischen Staatsbürgern eingeschaltet hatte und ins Gesicht geschlagen wurde. Zwei 18 und 20 Jahre alte Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft.

Angst vor zweitem Chemnitz

Der Tod des jungen Mannes in Köthen hatte Befürchtungen aufkommen lassen, dass sich die Kleinstadt zu einem zweiten Chemnitz entwickeln könnte. In Sachsens drittgrößter Stadt hatte es ausländerfeindliche Übergriffe gegeben, nachdem Ende August ein 35-Jähriger Deutscher erstochen worden war. Tatverdächtig sind drei Asylbewerber. Nach der Tat war es zu Demos von Rechtsgerichteten, Neonazis, Gegnern der Flüchtlingspolitik sowie zu Gegenprotesten gekommen.

Am Freitagabend soll es zu einem weiteren Vorfall in Chemnitz gekommen sein. Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft kreisten 15 mutmaßliche Mitglieder einer selbst ernannten Bürgerwehr eine Gruppe aus Deutschen, Iranern und Pakistanern ein. Ein Iraner erlitt eine Platzwunde am Kopf. Gegen einige der mutmaßlichen Täter wurde Haftbefehl erlassen.

Wasserwerfer vor Ort

In Köthen hielt die Polizei am Sonntag für das Demonstrationsgeschehen auch Wasserwerfer und eine Reiterstaffel bereit, wie es weiter von der Polizei hieß. Personelle Unterstützung gebe es von Polizisten aus Niedersachsen, Sachsen, Brandenburg, Berlin, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Baden-Württemberg sowie aus anderen Regionen Sachsen-Anhalts. Auch die Bereitschaftspolizei des Landes und die Bundespolizei waren eingeplant.

Die Hochschule Anhalt in der Kleinstadt riet auf ihrer Internetseite zur Vorsicht wegen „potenziell gefährlicher Demonstrationen“. Annähernd jeder vierte der fast 8000 Studenten kommt aus dem Ausland. Und Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte der „Mitteldeutschen Zeitung“ zu den Demonstrationen: „Mein Vorschlag wäre ja, dass die Bürger dann am Sonntag, wenn die Rechten demonstrieren, einfach in ihren Wohnungen bleiben und die Rollläden zumachen. Nicht, weil wir die Sicherheit nicht gewährleisten können, sondern um ein Zeichen zu setzen, dass man die nicht sehen will.“

Friedenszeichen gesetzt

Vor den Demos feierten in der Köthener Jakobskirche am Sonntag Hunderte Menschen einen Friedensgottesdienst. „Die Stimmung in der Stadt ist ganz ohne Zweifel angespannt“, sagte der Kirchenpräsident der Anhaltischen Landeskirche, Joachim Liebig, am Nachmittag. Er äußerte die Hoffnung, dass sich keine Köthener der Demonstration mehrerer rechter Gruppierungen anschließen.

Zu den Gottesdienstbesuchern gehörte der stellvertretende Landtagspräsident Wulf Gallert (Linke). Er sagte, die Demokratie müsse entschieden verteidigt werden. Köthen dürfe nicht zum Aufmarschplatz rechter Kräfte werden. Fremdenhass und Rassismus dürften nicht die Straßen erobern. Aus Protest gegen die anreisenden Demonstranten hatten die Köthener am Vortag ihren Marktplatz bunt angemalt mit Friedenszeichen.

Von LVZ/Jan Sternberg/RND