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Mord in ländlicher Idylle: "Warum Jasmin? Warum sie?"

Mord in ländlicher Idylle: "Warum Jasmin? Warum sie?"

Eigentlich wollte Jenny* am Freitagabend mit Jasmin in die Disko nach Frauendorf. Zur Eröffnung der Beach-Zone im beliebten "blue". Party, Feiern, angemessen in das Pfingstwochenende starten.

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Die Polizei führte den Tatverdächtigen Sebastian S. am Dienstag dem Ermittlungsrichter vor.

Quelle: Volkmar Heinz

Frohburg. Schließlich gibt es hier, zwischen Frohburg und Bad Lausick (Kreis Leipzig), nicht mehr viele Orte, an denen man sich treffen kann. Doch Jenny konnte dann doch nicht, hatte keine Zeit.

"Ich musste am Sonnabend arbeiten. Deshalb habe ich Jasmin allein mit den beiden Jungs fahren lassen. Ihr Freund konnte ja auch nicht mit", sagt Jenny, und es ist der jungen Frau mit dem dunkelbraunen Pagenschnitt anzusehen, wie sehr diese Absage im Nachhinein schmerzt. Jasmin - ihre Freundin, mit der sie so viel Zeit verbracht hat, ist tot. Die 19-Jährige aus Elbisbach, einem winzigen Ortsteil von Frohburg (Kreis Leipzig), kehrt von der Disko nicht mehr zurück.

"Warum Jasmin? Warum sie? Warum Basti?", stellt Jenny mit brüchiger Stimme jene Fragen, auf die es, zumindest jetzt, keine Antworten gibt. Doch die Fragen brechen einfach aus ihr heraus: "Haben wir uns so in Basti täuschen können? Haben wir mit einem Mörder gefeiert? Haben wir jahrelang neben einem Mörder gelebt?" Das Unvorstellbare ist über ihre Heimat hereingebrochen. Ein Mord. Eine junge Frau musste sterben. Ein Mann, den alle kannten, soll der Täter sein. Hier kennt jeder jeden. Hier bleibt nichts verborgen. So scheint es zumindest.

Elbisbach, Hopfgarten, Tautenhain - die Orte heißen, wie sie aussehen: Sanfte Hügel, saftige Weiden, geduckte Häuser, ausladende Pferdekoppeln. Ein Idyll im Südraum von Leipzig. Und genau hier hat sich das Unbegreifliche zugetragen. Der Kontrast könnte kaum größer sein.

"Das ist schlimm, ganz schrecklich. Ein Kind zu verlieren, noch dazu auf diese Weise, nein, so etwas wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind", sagt Wolfgang Paulin, der Gastwirt von Elbisbach. Jasmin wohnte mit ihren Eltern und dem Bruder zwei Minuten Fußweg von seiner Schenke entfernt. Erst vor ein paar Tagen hat sich der Wirt mit der Oma des Mädchens unterhalten: "Sie war so stolz auf ihre Kleine. In dieser Woche sollten die letzten beiden Prüfungen sein, dann wäre die Ausbildung nach drei Jahren zu Ende und Jasmin Augenoptikerin gewesen."

Wolfgang Paulin schüttelt den Kopf. Mit dem Handtuch, das eigentlich den Schweiß dämmen soll, wischt sich dieser große Mann mit den schweren Augen übers Gesicht. Unfassbar. Es ist einfach unfassbar, was in der Nacht zum Pfingstsonnabend und den beiden darauf folgenden Tagen passiert sein muss, seit Jasmin von ihren Eltern vermisst gemeldet wurde.

"Wir haben mit den Eltern gefiebert, dass es noch gut ausgeht", erzählt Ramona Kräcker. Im Zusammenhang mit der Suche hat ihre Hopfgartener Familie ein Foto von einem silberfarbenen Skoda Fabia angefertigt - mit einem solchen Auto war die junge Frau nachts unterwegs. Ramona Kräckers Mann hat sich den baugleichen Wagen geborgt, ein Bild gemacht und den Eltern zur Verfügung gestellt. Immer in der Hoffnung, dass es bei der Suche hilft.

Die Kriminalstatistik besagt, dass sich in drei von vier Mordfällen das Opfer und der Täter bereits längere Zeit gekannt haben. Eine Regel, die wohl auch im Fall Jasmin greift. Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz sagt der LVZ: Sebastian S. - der von Jenny und ihren Freunden immer nur "Basti" genannt wurde - sei "dringend verdächtig, Jasmin ermordet zu haben".

Weil der angehende Altenpfleger schweigt, müssen sich Staatsanwaltschaft und Polizei momentan auf Indizien stützen.

Doch die gibt es, dem Vernehmen nach, bereits zahlreich. Fast ein Dutzend Kriminaltechniker untersuchen das Elternhaus von Sebastian S. in Hopfgarten, wo der 23-Jährige in einer kleinen Einliegerwohnung lebt. Hier könnte sich das tödliche Drama ereignet haben. "Es sind viele Beweismittel sichergestellt worden", heißt es von Seiten der Polizei. Darunter sollen auch deutliche Tatort-Spuren sein. Ansonsten lautet aber die ermittlungstaktische Devise: Kein Kommentar.

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Ein Mord erschüttert Frohburg und Umgebung.

Quelle: Volkmar Heinz

Fest steht bislang: Jasmin und ihr mutmaßlicher Mörder kannten sich sehr gut. Ihr Freund, mit dem sie seit etwa einem Jahr zusammen war, ist ein guter Kumpel von Sebastian S., beide gingen in die gleiche Klasse. Sie teilen die Leidenschaft für Fußball, sind Anhänger des1. FC Lokomotive Leipzig. Und fest steht bislang auch: Jasmin machte sich am Sonnabend gegen 3.30 Uhr gemeinsam mit einem weiteren Bekannten von der Disko in Frauendorf, ebenfalls einem Ortsteil von Frohburg, auf den Heimweg. Nach einer Zwischenstation in Otterwisch, wo der Bekannte abgesetzt wurde, fuhren die beiden allein weiter nach Hopfgarten, das gerade mal drei Autominuten vor Elbisbach liegt.

Um etliche Details ranken sich allerdings Fragen; um nicht zu sagen: Spekulationen. So wird noch geklärt, ob der Skoda in der Garage von Sebastian S. untergestellt wurde. Außerdem soll der junge Mann, den auf Fotos ein gewinnendes Lächeln ausmacht, vor seiner ersten Vernehmung zu Pfingsten unter Drogen gestanden haben - er selbst hat Freunden erzählt, dass ihm K.O.-Tropfen in der Disco verabreicht worden sein müssen. Dagegen spricht jedoch: Sebastian S. soll beim Abschied aus der Disko nicht den Eindruck vermittelt haben, kaum noch ansprechbar zu sein. Im Gegenteil.

Welchen Einfluss hatten die Drogen?

Und: Der offensichtliche Drogeneinfluss könnte auch aus einem Mix von Schlaftabletten und Alkohol resultieren - der junge Mann könnte versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Aber auch das wird offiziell weder dementiert noch bestätigt. Die Suche nach einem Motiv bleibt momentan ebenfalls im Mysteriösen. Eine enttäuschte Liebe soll es zumindest nicht gewesen sein: Freunde meinen, der angehende Altenpfleger habe nie den Eindruck vermittelt, "etwas von Jasmin zu wollen".

Überhaupt: Sebastian S., der längst noch nicht überführt ist und deshalb auch nicht vorverurteilt werden soll, hat stets einen "absolut freundlichen Eindruck" erweckt, erzählen Nachbarn. Die Mutter stammt aus einer alteingesessenen Hopfgartener Familie, vor dem Häuschen am Ortsrand blühen bunte Stauden, auf der Wiese hechelt ein Golden Retriever gegen die hochsommerliche Hitze. Eine Nachbarin berichtet, dass "der Basti" stets gegrüßt hat; eine andere sagt, dass der Schlaks lustige Augen hat. Als Junge habe er viele Dummheiten gemacht, sei "ein kleiner Spitzbube" gewesen, erzählen die Leute.

Als er älter wurde, habe er viel zu Hause geholfen, beispielsweise beim Umbau des Hauses: "Den hat man immer mithelfen sehen." Kurzzeitig war die Familie nach Westdeutschland gegangen, aber bald wieder zurückgekehrt. Die Heimat, das weiß man hier zu schätzen, verbindet die Menschen.

Doch auf jede dieser Erinnerungen folgt ein kontrastierender Satz: "Egal, ob es der Basti gewesen ist oder nicht - wir haben jetzt Angst um unsere Kinder", bricht es aus einer dreifachen Mutter heraus, "so etwas kann doch immer wieder vorkommen. Wir wissen doch, dass man diese Grausamkeiten niemanden ansieht."

"Die Kollegen sind bestürzt"

Während die Kriminaltechniker in Hopfgarten nach weiteren Indizien fahnden, suchen die ehemaligen Lehrer von Jasmin an der Werner-Seelenbinder-Oberschule in Bad Lausick die Jahrgangsbücher und alten Klassenfotos heraus. Das Mädchen war beliebt, hatte viele Freunde. "Die Kollegen sind bestürzt", sagt Schulleiter Reinhard Deuil, "unsere Gedanken sind jetzt vor allem bei den Eltern." Er hatte Jasmin einst selber in Biologie unterrichtet - "sie war immer eine sehr angenehme Schülerin: zuverlässig, freundlich, hilfsbereit".

Wer ein solch liebes Mädchen aus dem Leben reißt, muss eine gerechte Strafe bekommen, meint die Mittagsrunde bei Gastwirt Paulin in Elbisbach. "Der darf nicht schon nach acht oder zehn Jahren raus", sagt einer, dessen massiver Körper in einer abgewetzten Latzhose steckt. Und ein anderer sagt: "Wenn man dann noch eine schwere Kindheit hatte, ist alles wieder paletti." Die Verbitterung hat sich in die Menschen binnen Stunden eingefräst. Zu Trauer und Schmerz kommen Wut und Angst. Ganz gleich, ob es nun einer von ihnen war oder nicht. Hier im Leipziger Südraum, in dieser grünen Hügellandschaft.

*Name von der Redaktion geändert

Andreas Debski und Inge Engelhardt

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