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Polizeiticker Bilanz der Neonazi-Demo in Chemnitz: 20 Verletzte und 43 Anzeigen
Region Polizeiticker Bilanz der Neonazi-Demo in Chemnitz: 20 Verletzte und 43 Anzeigen
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15:41 28.08.2018
Teilnehmer der Demonstration von „Pro Chemnitz“ am Montag in Chemnitz. Quelle: dpa
Leipzig

Zur Absicherung des Neonazi-Aufmarsches und der Gegenproteste waren am Montagabend insgesamt 591 Polizisten in der südwestsächsischen Großstadt im Einsatz. Das teilte die Beamten in ihrer abschließenden Lagedarstellung vom Dienstagnachmittag mit. Aufgrund der zum Teil bundesweiten Mobilisierung hatten es die Sicherheitskräfte mit etwa 6000 Teilnehmern bei der rechtsextremen Demo und etwa 1500 Gegendemonstranten zu tun. Angemeldet waren deutlich weniger, heißt es. „Pro Chemnitz“ habe lediglich 1000 Teilnehmer angeben, bei der Gegendemo der Linkspartei waren 500 Personen erwartet worden.

Zur Demo von „Pro Chemnitz“ seien am Montag unter anderem auch Teilnehmer aus Berlin, Brandenburg, Thüringen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen angereist. „Unter ihnen waren einige, die dem rechten Spektrum und der gewaltbereiten Fußballszene zuzuordnen sind“, so die Polizeiangaben. Ziel des Einsatzes in der Chemnitzer Innenstadt sei die strikte Trennung der beiden angezeigten Versammlungen gewesen. Allerdings habe es mehrere Zusammenstöße gegeben, die nicht verhindert werden konnten.

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Nach bisherigen Erkenntnissen der Behörden wurden insgesamt 18 Versammlungsteilnehmer und zwei Polizisten bei den Attacken verletzt. In 43 Fällen seien Straftaten angezeigt worden, „unter anderem wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs (2), des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (10), Körperverletzungsdelikte (11) und Verstößen gegen das Sächsische Versammlungsgesetz (3).“

Hitlergrüße – Angriffe auf Gegner – Pyrotechnik

Die Polizei listet in ihrer Lagedarstellungen einzelne „herausragende Sachverhalte“ auf.

  • Gegen 18 Uhr habe eine Gegendemonstrantin versucht, ein Transparent der Versammlung „Pro Chemnitz“ zu entfernen. Daraufhin sei eine Fahrzeugsperre zwischen den Lagern errichtet worden.
  • Kurz darauf wurden verfassungsfeindliche Parolen aus der Versammlung von „Pro Chemnitz“ gerufen und mehrere Teilnehmer zeigten den Hitlergruß. „Dies wurde dementsprechend durch die Beamten vor Ort als auch im Führungsstab dokumentiert und zur Anzeige gebracht. In einigen Fällen konnten vor Ort Tatverdächtige namentlich bekannt gemacht werden“, teilte die Polizei mit.
  • Gegen 19.40 Uhr ist es laut Polizei in beiden Versammlungen zum Einsatz von Pyrotechnik gekommen, „gefolgt von gegenseitigem Bewurf mit Flaschen.
  • Zudem gelang es einer größeren Gruppe an Teilnehmern von „Pro Chemnitz“, auf die Seite der Gegendemonstranten zu laufen, „um dort entsprechend zu stören und Gegendemonstranten anzugreifen. Dies konnte nur durch den Einsatz unmittelbaren Zwanges sowie des Auffahrens zweier Wasserwerfer unterbunden werden. Es gab bei den Störungen Verletzte beider Lager zu verzeichnen“, heißt es im Bericht.
Nach der tödlichen Messerattacke auf einen 35-Jährigen haben in Chemnitz die ersten angemeldeten Kundgebungen begonnen.
  • Anschließen habe sich der Aufzug von „Pro Chemnitz“ über die geplante Strecke Brückenstraße, Theaterstraße, Bahnhofstraße und zurück zum Karl-Marx-Monument in Bewegung gesetzt. „An der Spitze wurden einige vermummte Personen festgestellt, weswegen Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz aufgenommen wurden.“ Ebenso hätte sich nun etwa 200 Teilnehmer der Gegendemonstration vermummt.
  • Gegen 20.15 Uhr seien auf Höhe der Kaßbergauffahrt aus einem Gebäude heraus Glasflachen und Pyrotechnik auf die Teilnehmer des Aufzuges von „Pro Chemnitz“ geworfen worden. Anschließend seien etwa 35 vermummte Personen im Bereich des „Terminal 3“ in der Brückenstraße festgestellt worden, die Stühle und Tische aufgenommen hatten und sich verbarrikadierten. Unter dem Einsatz von Pfefferspray wurde die Barrikade durch Einsatzkräfte beräumt.
  • Um etwa 20.30 Uhr sei bekannt geworden, „dass etwa 15 Personen in ein Haus in der Theaterstraße eingedrungen sein sollen und eine Person verletzt worden sei. Neun vor Ort festgestellte Personen wurden einer Identitätsfeststellung unterzogen. Ermittlungen wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung wurden aufgenommen.“

Laserpointerttacke – Angriffe bei der Abreise

  • Um 20.40 habe die Besatzung des Polizeihubschraubers gemeldet, dass sie mit Laserpointern aus zwei verschiedenen Richtungen geblendet worden sei. Es seien Anzeigen wegen des gefährlichen Eingriffs in den Bahn-, Schiffs- und Luftverkehr gestellt wird.
  • Als die Demonstration von „Pro Chemnitz“ kurz vor 21 Uhr zum Ausgangsort am Marx-Monument zurückkehrte, habe erneut gegenseitiger Bewurf mit Gegenständen zwischen den Versammlungen eingesetzt.
  • Gegen 21.10 Uhr wurde die Versammlung der Bürgerbewegung „Pro Chemnitz“ beendet. Kurz darauf fand auch die Versammlung auf der Gegenseite ihr Ende.
  • Während der anschließenden Abreise der beiden Lager habe es mehrfach Versuchen gegenseitiger Angriffe gegeben. „Auch diese konnten größtenteils nur durch konsequentes Handeln der Einsatzkräfte unterbunden werden. Mehrere hundert Versammlungsteilnehmer wurden u.a. zum Chemnitzer Hauptbahnhof begleitet, wobei auch Beamte der Bundespolizei involviert waren.
  • Gegen 21.35 Uhr vermummten sich etwa 200 Personen in der Chemnitzer Hartmannstraße und hätten sich mit Stöcken sowie Stangen bewaffnet. „Wenig später kam es zu Übergriffen auf ehemalige Versammlungsteilnehmer, die im Begriff waren, abzureisen.“ Auch hier seien pyrotechnische Erzeugnisse durch Vermummte geworfen worden, zwei Personen wurden verletzt.

Matthias Puppe

Die Polizei in Chemnitz war den zweiten Abend in Folge überfordert. Die Planungen richteten sich stur nach den Angaben des Anmelders „Pro Chemnitz“, der 2000 Teilnehmer angab. Dabei hatte „Pro Chemnitz“-Chef Martin Kohlmann am Mittag gegenüber dem RND von „bis zu 10000“ Teilnehmern gesprochen.

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