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Polizeiticker Schweres Zugunglück bei Bad Lausick: Regionalbahn erfasst Auto und kippt auf Feld
Region Polizeiticker Schweres Zugunglück bei Bad Lausick: Regionalbahn erfasst Auto und kippt auf Feld
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19:18 20.09.2011

Ein Waggon des viergliedrigen Zuges rutschte bei hohem Tempo vom Bahndamm und stürzte um. Die anderen Waggons kamen neben dem Gleis zum Stehen. Ein Großaufgebot von Rettungssanitätern, Feuerwehren und Helfern vor Ort kümmerte sich um die Verletzten. Die Bundespolizei sprach zunächst von neun Schwer- und bis zu 40 Leichtverletzten. Später wurden die Angaben auf 21 Verletzte, davon sechs Schwerverletzte, korrigiert. Ein Krisenstab übernahm binnen kurzer Zeit die Koordination der Rettungsarbeiten.

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„Ich habe einen Schlag gehört und gesehen, wie links am Fenster das Auto entlang krachte“, sagte Andreas Winkler Minuten nach dem schweren Zugunglück, das sich am Dienstagmittag auf der Bahnstrecke LeipzigChemnitz vier Kilometer nördlich von Bad Lausick ereignete. Der Chemnitzer, der wie die 60 bis 80 anderen Reisenden auf dem Weg nach Leipzig war, hatte Glück: Der Waggon, in dem er saß, stürzte nicht um; er und die hier Mitfahrenden konnten sich selbst in Sicherheit bringen und anderen Reisenden behilflich sein. „Wir standen im Zug hinter dem Führerstand. Wir sahen das Auto, sahen Leute auf dem Gleis. Der Lokführer hat noch gehupt“, erzählte Michael Leisering aus Colditz. Danach der Aufprall, Bremsen, Erschütterungen, Stille.

 

René Pistor gehörte zu jenen von außerhalb, die beherzt Erste Hilfe leisteten. Er war mit seiner Frau, einer Krankenschwester, in seinem Auto, als der Zug verunfallte. „Wir sind sofort mit hin, haben Leuten herausgeholfen und sie den Sanitätern übergeben“, sagte er. Schon wenige Minuten nach dem Unfall waren auf der großen Weide neben dem Bahndamm zehn Rettungswagen und zig Feuerwehren vorgefahren, der erste von vier Rettungshubschraubern landete. Mit Leitern versuchten die Helfer zu jenen zu gelangen, die in dem vom Damm gekippten und auf der Seite liegenden Waggon eingeschlossen waren. Kameraden der Bad Lausicker Feuerwehr hackten die Frontscheibe der Fahrerkanzel auf, um einen Weg in das Innere zu bahnen. Sanitäter versorgten die Verletzten, betteten sie auf dem Gras, kümmerten sich um die Erste Hilfe.

„Die Rettungsmaßnahmen laufen. Wir sind dabei, Führungsstrukturen aufzubauen“, sagte Andreas Rüssel, Kreisbrandmeister des Landkreises Leipzig, unmittelbar nach dem Unglück. Wer unverletzt blieb, versuchte per Handy Angehörige zu erreichen, um sich abholen zu lassen. Die Stadt Bad Lausick stellte ihre Mittelschule als Notunterkunft bereit, zu der ein Sonderbus fuhr. Dort kümmerten sich Susann Lawrenz und drei weitere Ehrenamtliche vom Kriseninterventions-Team um die Menschen. Ein Bus transportierte sie schließlich nach Leipzig.

Dass er mit dem Leben davonkam, Horst Fiedler konnte es nicht fassen. Der 64-jährige Bad Lausicker, selbst bei der Feuerwehr, hatte seinen silbernen Ford Fiesta an der Halbschranke in Lauterbach zum Stehen gebracht, als ein blauer Mercedes-Transporter offenbar mit hohem Tempo auf ihn auffuhr. Der Transporter schob den Ford auf das Gleisbett. „Auf einmal gab es einen Riesenhieb. Ich weiß gar nicht, wer mich noch aus der Karre gezerrt hat“, sagte Fiedler. Sein Fahrzeug war nur noch ein Blechknäuel am Bahndamm, hundert Meter entfernt von jener Stelle, an der der Regionalexpress schließlich entgleiste und umstürzte. „Die Schranke war noch nicht geschlossen, aber das Warnlicht blinkte“, erklärte Michael Hille von der Polizeidirektion Westsachsen am Nachmittag einen ersten Ermittlungsstand. Der 29-jährige Transporterfahrer habe sich an der Rettung Fiedlers beteiligt.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sprach den Verletzten und Angehörigen sein Mitgefühl aus. Es werde alles Notwendige getan, um den Opfern zu helfen, sagte Tillich in Dresden. „Ich gehe davon aus, dass wir in kurzer Zeit auch aufklären können, warum es zu dem folgenschweren Unfall auf den Bahngleisen bei Bad Lausick gekommen ist“, fügte er hinzu. Tillich wollte noch am Abend Verletzte in den Krankenhäusern besuchen.

Die Verletzten wurden in zahlreiche Krankenhäuser nach Borna, Grimma, Leipzig und Zwickau gebracht. Mit einem Hubschrauber und Rettungswagen wurden drei Schwer- und zwei weniger Schwerverletzte in die Bornaer Heliosklinik zur Not- und Erstversorgung überstellt. „Von uns waren mehrere Notärzte im Einsatz“, sagte Klinik-Sprecherin Janet Schütze.

Nach dem Unfall kam der Verkehr nicht nur auf der Bahnstrecke, deren Unterbau stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, zum Erliegen. Auch auf der Staatsstraße von Bad Lausick nach Otterwisch war kein Durchkommen mehr. Zahlreiche Menschen aus Lauterbach beobachteten die Rettungsmaßnahmen. Erschüttert zeigte sich der alteingesessene Landwirt Hubert Aurich. Der Bahnübergang sei sehr gefährlich, meinte er: „Spätestens jetzt muss doch klar sein, dass wir wieder eine Brücke über die Bahn brauchen – zumindest für die Radfahrer und für die Fußgänger.“

Die Deutsche Bahn hat für Angehörige und Reisende eine Hotline geschaltet. Die kostenfreie Rufnummer lautet (0800) 3 111 111.

Ekkehard Schulreich

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