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„Der Brunnen macht einen luschigen Eindruck“

„Der Brunnen macht einen luschigen Eindruck“

Es habe nur wenige Tage gedauert. „Innerhalb kürzester Zeit ist der Altscherbitzer Brunnen verfüllt worden“, berichtet Rengert Elburg vom Landesamt für Archäologie im Schkeuditzer Stadtmuseum.

Schkeuditz. Nein, auf natürlichem Wege seien die Gegenstände nicht in den Brunnen gelangt. „Die Leute haben das Zeug hineingeschmissen“, führt der gebürtige Niederländer mit dem landestypischen, angenehmen Akzent aus.Etwa 30 Besucher lauschen am Mittwochabend den Ausführungen des mit den Grabungen am rund 7000 Jahre alten Altscherbitzer Brunnen Beauftragten.

„Der Altscherbitzer Brunnen ist das Filetstück der gefundenen deutschen Brunnen“, sorgt Elburg für ein stolzes Raunen beim Publikum. Bei dem Satz „lediglich ein im Moment in der Ausgrabung befindlicher Brunnen im Rheinland könnte Altscherbitz noch toppen“ wird aus dem Stolz leiser Protest. Im Sinne der Archäologie sollten die Schkeuditzer dies begrüßen, sagt Elburg. „Die einzige Möglichkeit, in Zentraleuropa noch Hölzer aus dieser Zeit zu finden, ist eine völlige Abgeschlossenheit von der Außenwelt. Meistens also unter Wasser“, erklärt Elburg.

Nach Ausführungen, wie der Brunnen gefunden wurde, wie schwierig sich die Bergung gestaltete und wie der tonnenschwere Block mit einem Schwerlasttransport bei Nacht nach Dresden gebracht wurde, erklärt Elburg, der ökologische Vor- und Frühgeschichte studierte, die Konstruktionsweise des Brunnens. „Der Brunnen macht einen insgesamt recht luschigen und improvisierten Eindruck“, resümiert er. Ausklinkungen an den Brettern, die schon zu Zeiten des Baus sehr alt gewesen seien, griffen zum Teil nicht in das andere Brett. Mit Keilen seien schief eingebaute Bretter in der nächsten Lage wieder ausgeglichen worden. Dennoch seien die Erbauer wahre Holzsspezialisten gewesen. „Dies zeigt sich am Basisrahmen des Brunnens, der als erstes in den Boden gebracht wurde“, sagt Elburg.

„Sie sehen den Kasten und Holzzapfen an den Brettern. Deren Verbindung ist jedoch eine geschlossene Zapfenverbindung. Die kennen wir aus der römischen Kaiserzeit. Diese hier ist 5000 Jahre älter“, ist Elburg begeistert. „Es ist der absolut älteste Nachweis einer geschlossenen Zapfenverbindung“, sagt er. Dass Häuser zu der Zeit aus aneinander gebundenen Pfählen bestanden, sei damit unwahrscheinlich. „Die hatten alle Zapfenverbindungen“, ist sich der Archäologe sicher.

Rund 80 Häuser hatten in der frühneolitischen Siedlung in der Nähe des Brunnens gestanden. Dieser hätte sich nicht zentral, sondern am Rand der Siedlung befunden. Sogar ein kleiner Friedhof existierte. „Etwa 40 Gräber befanden sich dort“, berichtet Elburg. Warum der Brunnen gebaut wurde, gibt Elburg Rätsel auf. „Man könnte glauben, die waren bekloppt“, scherzt er und berichtet, dass sich in unmittelbarer Nähe der Siedlung das Gewässer Kalter Born befand. Ernsthaft jedoch vermutet er eine damalige Nässeperiode, die den Kalten Born durch Einspülungen von Sediment als Trinkwasserquelle unbrauchbar machte.

„Etwa 30 bis 40 Jahre wurde der Brunnen benutzt“, sagt Elburg. „Wir sind sehr froh, dass Eichenholz für den Bau verwendet wurde.“ Dadurch konnte bestimmt werden, dass das jüngste am Brunnen verwendete Holz im Winter 5099 vor unserer Zeitrechnung gefällt wurde. Der Bau des Brunnens also frühestens zu dieser Zeit begonnen haben kann.

Rund 130 Pflanzenarten sind hervorragend erhalten im Brunnen gefunden worden. Leinensamen, Mohnsamen, wilde Karotte, Wildzwiebel oder Hagebutten gehören dazu. „Das hier ist die einzig erhaltene Getreideähre aus dem Neolitikum. Nein, Entschuldigung, wir haben noch eine. Die haben wir aber auch im Altscherbitzer Brunnen gefunden“, berichtet Elburg scherzhaft vom Sensations-Fund. Manche Pflanzen aus dem letzten Jahr seien nicht so gut erhalten, wie die 7000 Jahre alten Funde aus dem Brunnen.

Töpfe und Gefäße der bandkeramischen Zeit, Taschen aus Rinde, Schnüre oder Knochen sind gefunden worden. Ein vor zwei Jahren im Rheinischen gefundener Brunnen aus dieser Zeit wäre komplett leer gewesen. „Insgesamt sind es im Altscherbitzer Brunnen etwa 72 000 Objekte“, sagt Elburg. Alle Funde seien aber nicht erhalten worden. „Das Sediment in dem Brunnen ist sehr basisch. Das ist gut für organisches Material. Es ist sehr schlecht für Horn, Haut, Haare oder Leder“, erklärt er. Ein „Ritterhorn“ wurde zwar fotografiert, aber nicht erhalten, da es nur noch mikrometerstark und zerfallen war.

„Ich stehe nur hier und quatsche. Das habe ich meinem Team zu verdanken“, schließt Elburg. Insgesamt wären 40 bis 50 Ausgräber, Restauratoren, Zeichner oder 3D-Spezialisten über zweieinhalb Jahre mit dem Altscherbitzer Brunnen beschäftigt gewesen. Über 50 Sätze Ausgrabungsbesteck aus Plaste seien in dieser Zeit verschlissen worden. „In ein paar Wochen wird wegen der großen Nachfrage in Dresden die Ausstellung ,Funde, die es nicht geben dürfte‘ wiedereröffnet“, kündigt Elburg an.

Roland Heinrich

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