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Schkeuditz Erstarkende Rechte: Sachsen und Thüringen bestellen weniger Erinnerungssteine
Region Schkeuditz Erstarkende Rechte: Sachsen und Thüringen bestellen weniger Erinnerungssteine
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07:49 21.06.2018
Henry Lewkowitz (rechts) bedankt sich für die rege Beteiligung bei der Stolpersteinverlegung in der Merseburger Straße in Schkeuditz. Quelle: Foto: Michael Strohmeyer
Schkeuditz

Henry Lewkowitz ist erfreut: „Viel mehr als bei den letzten Stolpersteinverlegungen sind dieses Mal gekommen; auch Stadträte haben hergefunden“, sagte der Geschäftsführer des Erich-Zeigner-Haus-Vereins in Leipzig bei der Begrüßung der Anwesenden der nun dritten Aktion dieser Art in Schkeuditz. Lewkowitz sei auch erfreut, weil er mitteilen kann, dass die Verlegung der dieses Mal vier Steine komplett aus Spenden finanziert werden konnte. Gymnasiasten hatten im Vorfeld gesammelt und so die Finanzierung gesichert. „Das spricht für eine breitere Akzeptanz in Schkeuditz, was mich sehr freut“, sagte er.

Seine Freude in Schkeuditz muss er grundsätzlich aber einschränken. Mit Sorge registriere er ein Erstarken der Rechten. Unmittelbar hänge das mit der Erinnerungskultur und dem Gedenken an die NS-Opfer zusammen. „Wie mir Herr Demnig sagte, gingen die Bestellungen von Stolpersteinen in Sachsen und Thüringen merklich zurück“, erwähnte Lewkowitz.

„In letzter Zeit höre ich öfter die Meinung: ,Jetzt reicht es damit, es ist über 70 Jahre her‘“, äußerte Oberbürgermeister Rayk Bergner (CDU) während einer kurzen Ansprache. Doch in Zeiten, in denen die NS-Zeit als „Vogelschiss“ in der Geschichte bezeichnet und eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad gefordert werde, müsse er betonen, dass gerade jene Zeit die Deutschen sehr viel angehe. „Man darf es nicht vergessen – auch als Urenkel nicht“, sagte Bergner. Und direkt an die anwesenden Gymnasiasten gerichtet: „Mit dem Projekt stellt ihr euch der Verantwortung, aus der Geschichte Lehren zu ziehen und ihr gebt der Familie Engelberg und Osias Krumholz die menschliche Würde zurück. Es gibt noch entfernte Familienangehörige, die dankbar eure ausgestreckte Hand der Aussöhnung annehmen werden“, bemerkte Bergner.

Spontan meldete sich dann Dietrich Jürgen zu Wort: „Ich kann nur meinen Respekt ausdrücken. Ich bin in dem Haus in der Waldstraße 13, wo heute der Stolperstein für Osias Krumholz verlegt wird, geboren“, sagte der Senior. Auch in dem Haus in der Schillerstraße, vor dem 2016 die ersten Stolpersteine in Schkeuditz für das ermordete Paar Golda Gusta und Bernhard Goldberger und deren in die Flucht getriebene Tochter verlegt wurden, habe Jürgen gewohnt. Der heute in Leipzig wohnende Rentner hatte historische Fotos mitgebracht, aber auch Original-Dokumente, die auch seinen Vater als höchstwahrscheinliches Opfer des NS-Regimes ausweisen. „Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft. Er war um die 20 Jahre Soldat“, berichtete Jürgen. 1918 sei Friedrich Ernst Henning mit einer Kriegsverletzung am Kopf aus dem Lazarett entlassen und in Altscherbitz eingewiesen worden. „Angeblich wegen Herzschlags ist er in Bernburg umgekommen“, zitiert Jürgen ein Dokument.

Das Projekt mit dem Schkeuditzer Gymnasium geht weiter, verkündete Lewkowitz vom Erisch-Zeigner-Haus-Verein und bedankte sich für die Unterstützung bei der Stadt. Ein Jahr lang werden Gymnasiasten wieder zu Schicksalen von Schkeuditzern recherchieren. Mehrere konkrete Einzelschicksale seien bereits bekannt und könnten nachweislich in die Liste der Nazi-Opfer eingefügt werden. Mit den Original-Dokumenten vom Schkeuditzer Jürgen ist nun wohl ein weiteres bekannt geworden.

Der Kaufmann Osias Krumholz wurde 1939 verhaftet, weil er sich zum Judentum bekannte. Eine wahre Odyssee führte ihn nach Buchenwald, nach Dachau, wieder zurück nach Buchenwald und schließlich 1942 in die NS-Tötungsanstalt nach Bernburg. Die Familie Engelberg führte in der Mersebuger Straße ein Wäschegeschäft. 1938 wurde es geschlossen und Nathalia und Heinrich Engelberg verhaftet. Sie und die Tochter Hildegard wurden in Auschwitz ermordet.

Von Roland Heinrich

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