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"Ich hoffe immer noch"

"Ich hoffe immer noch"

Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer gastierte am Sonntag in der Kleinliebenauer Rittergutskirche. Nicht allein. Seine Texte wurden von Warnfried Altmann am Saxophon und Percussionist Hermann Naehring musikalisch passend begleitet.

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Friedrich Schorlemmer beim Lesekonzert in Kleinliebenau.

Quelle: Michael Strohmeyer

Kleinliebenau. Rund 80 Gäste lauschten Schorlemmers Worten.

"Ich bezeichne mich als Gutmenschen - und als Russland-Versteher", sagte Schorlemmer gleich zu Beginn und mit Bezug auf die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine. Er sei ein Gegner von Frauen, die sich als Verteidigungsminister üben und keine Ahnung davon haben. Und unfassbar, fragt sich Schorlemmer noch, was den ehemaligen Außenminister Guido Westerwelle zum Auftauchen auf dem Maidan in Kiew bewegt haben mag. Weitere aktuelle Äußerungen verschiebt er dann auf das Programmende.

Es geht zunächst um die Geschehnisse während der politischen Wende, um das Glück, diese gewaltfrei überstanden zu haben, und es geht um den Begriff "Heimat". Begleitet werden Schorlemmers Aussagen von Kopfnicken im Publikum und von ­zustimmendem Raunen. Der fast 70-jährige Friedenspreisträger teilte dabei in Richtung der westlichen Bundesländer ordentlich aus: "Seitdem ich Schwäbisch kenne, halte ich Sächsisch für einen ordentlichen Dialekt". Und: "In Leipzig hat man nicht 'Wir sind das Volk!' gesagt, wie es die Politiker jetzt vortragen. In Leipzig hörte man 'Wir sind das Volk!'" Schorlemmer wehre sich dagegen, dass "Geschichte das ist, worauf sich Politiker geeinigt haben. Ich möchte, dass wir uns auf das einigen, was wir erlebt haben".

Den Begriff Heimat fasst der ­bekennende Liebhaber von Herrmann-van-Veen-Gedichten und Fan von Udo Lindenberg weit. "Arm ist, wem langweilig ist", meinte Schorlemmer und ergänzte "Wohl dem, der etwas hat, zu dem er 'mein' sagen kann, ohne dass es ihm gehört". Damit meint er auch Gemeinschaften in jeglicher Form - bis hin zu Parteien. Widersprach sich dann aber scheinbar beim Begriff Familie: Der, der eine habe, sei gut dran. Der, der sich ihr entziehen kann, auch. Denn: "Familie ist das, was auf dem Sofa sitzt und übel nimmt", zitierte Schorlemmer Tucholsky.

"Wenn es zur Re-Nationalisierung in Europa kommt, kehrt auch der Krieg hierher zurück", äußerte Schorlemmer zur aktuellen Lage. Deshalb sei die Europa-Wahl besonders wichtig. Je mehr "Normale" zur Wahl gingen, um so weniger rechtspopulistische Kräfte in Europa hätten eine Chance. "Will Europa gedeihen, so braucht es den mühsam erworbenen Respekt vor dem anderen. Erst die Achtung vor der jeweils anderen Tradition und Lebensart konstituiert die vereinigten Staaten von Europa", sagte Schorlemmer. "Der Kalte Krieg war die heißeste Drohung. Und jetzt wieder?", fragte er: "Ist nur Russland schuld und hat nur Russland Interessen? Ich bin beunruhigt, dass wir das Vermächtnis, das mit den Namen Egon Bahr, Willy Brandt und Hans-Dietrich Genscher verbunden ist, nicht erfüllen. Ich hoffe immer noch."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.04.2014
Roland Heinrich

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