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Jürgen Naumann lässt in Schkeuditz Mittelalter lebendig werden

Lesung zu den 20. Kulturtagen Jürgen Naumann lässt in Schkeuditz Mittelalter lebendig werden

Die Wurzeln heutiger Rechtssprechung liegen im Hochmittelalter. In der Zeit wurden erstmals Regeln für bestimmtes Verhalten im „Sachsenspiegel“ schriftlich niedergeschrieben. Der Roman von Jürgen R. Naumann spielt in dieser Zeit. Der Magdeburger las daraus in der Schkeuditzer Stadtbibliothek.

Bibliotheksleiterin Angelika Diedrich begrüßt die Besucher zur Lesung mit Jürgen R. Naumann.

Quelle: Olaf Barth

Schkeuditz. Auf eine kleine Reise in die Vergangenheit ließen sich diese Woche rund 20 Besucher einer Lesung in der Schkeuditzer Stadtbibliothek ein. Anlässlich der 20. Schkeuditzer Kulturtage hatte Bibliotheksleiterin Angelika Diedrich den Magdeburger Autoren Jürgen R. Naumann eingeladen. Der 64-Jährige kam mit seinem Erstlingswerk „Speculum - Eike von Repgow & der Sachsenspiegel“ in die Flughafenstadt und bescherte damit der Bibliothek an diesem Abend eine Premiere. „Erstmals geht es bei uns in einer Lesung um etwas Historisches“, freute sich Diedrich.

Naumanns Buch entführt Zuhörer und Leser in die Zeit des Hochmittelalters, genauer gesagt in das Jahr 1178, und widmet sich da vor allem einem Mann: Eike von Repgow. Ort der Handlung ist die hoch über dem Flüsschen Selke liegende Burg Falkenstein im Harz. Denn im Auftrage des Grafen Hoyer von Falkenstein hat der aus Reppichau bei Dessau stammende Eike von Repgow sächsische Rechtsregeln schriftlich niedergeschrieben und erstmals ins Deutsche übersetzt. Diese Widerspieglung der bis dahin nur mündlich überlieferten allgemeinen Verhaltensregeln und Rechtsnormen der mitteldeutschen Region wurde unter dem Namen „Sachsenspiegel“ zu einem über viele Jahrhunderte gültigen Standardwerk der Juristerei. Die Auswirkungen dieses Werkes reichen bis in das heutige Bürgerliche Gesetzbuch hinein. Naumann gewährt somit einen spannenden Blick auf die Wurzeln heutiger Rechtssprechung.

Im Laufe seines umtriebigen Lebens als Zimmererpolierer, Hochbau-Student, Liedertheater-Macher, Künstleragentur-Gründer und Veranstalter von Lesungen, Rockkonzerten und Mittelalterspektakel war Naumann eines Tages dieser Spruch untergekommen: „Wer einen tückischen Hund, einen zahmen Wolf, einen Hirsch, Bären oder Affen hält, muss den Schaden, den sie anrichten, ersetzen.“ Diese im „Sachsenspiegel“ niedergeschriebene Regel elektrisierte Naumann. „Wer hat so etwas aufgeschrieben? Was für eine Persönlichkeit mit was für einem Charakter muss das sein? Wie lebte er in seiner Zeit, und wie kam er mit den damaligen Umständen klar? Ich begann nachzuforschen, und so entstand auch die Idee zu diesem Buch“, erklärte der Autor.

Vieles von dem, was Naumann schreibt über diese Zeit, ist authentisch und verbürgt. Sein Romanheld, den er leicht abgewandelt Eiko nennt, ist eine fiktive Figur. Denn über den echten Eike von Repgow gibt es so gut wie keine Aufzeichnungen. „Ich habe ihn mir als jungen Mann vorgestellt, der eines Tages den Sachsenspiegel schreiben wird“, erklärte Naumann, der die Handlung seines Buches im Sommer und Winter jeweils zur Sonnenwendezeit spielen lässt. Die Abenteuer und tödlichen Vorfälle samt deren Folgen, die sein Romanheld erlebt, untermalen die unterhaltsame Wissensvermittlung über eine längst vergangene Zeit.

Mit hintersinnigem Humor, der wohl nicht zufällig an die Narren seiner Mittelalterspektakel erinnert, und mit seiner gehörigen Portion Lebenserfahrung spinnt Naumann während der Lesung immer wieder mal gern einen Faden von der mittelalterlichen in die heutige Zeit. Denn dass die damals niedergeschriebene Rechtssprechung auch ein Grundpfeiler der heutigen Demokratie darstellt, die es gegen alle möglichen Gefahren zu verteidigen gilt, ist ihm wichtig. „Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zu viel politisiert“, sagte er zum Schluss fast entschuldigend. Doch der herzliche Beifall nach der Lesung zeigte, dass es den Zuhörern sehr gut gefallen hat.

Von Olaf Barth

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