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Kritischer Blick auf sozialpolitische Landschaft

Kritischer Blick auf sozialpolitische Landschaft

Es sei der Themenmix, der die Leser des Jahresjournals "Wörter im Wind" überzeuge. Mario Kulisch, Leiter der Schkeuditzer Wohn- und Lebensgemeinschaft für Menschen mit Behinderung und Herausgeber der Zeitschrift für Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie und Sexualität, habe diese Rückmeldungen auch nach dem Erscheinen der inzwischen siebenten Ausgabe erhalten.

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Erschienen: Das Jahresjournal "Wörter im Wind".

Quelle: Roland Heinrich

Schkeuditz. Immer zum Sommerfest der Einrichtung der Volkssolidarität wird das Journal kostenlos verteilt, liegt in Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen oder Universitäten der Umgebung, bei Tagungen oder in Ämtern und Bibliotheken aus.

"Wir möchten die sozial- und gesundheitspolitische Landschaft kritisch betrachten", sagte Kulisch und bedauert, dass es im 28-seitigen Heft zwar eine bunte, aber immer nur eine Auswahl an Themen sein kann. Diese Auswahl scheint in den einzelnen Ausgaben immer zu gelingen, da inzwischen aus ganz Deutschland nach dem Journal gefragt werde. Die Themenzusammenstellung des Heftes sei zumindest in Sachsen, wenn nicht gar in Ostdeutschland, einmalig.

Gleich im ersten Artikel der neuen Zeitschrift geht Isabel Gerhardt der selbstgestellten Frage "Wie viele Chromosomen hat ein lebenswertes Leben?" nach. Gerhardt nennt Fakten, die es im Zusammenhang mit der Chromosomenstörung Trisomie 21 oder dem Down-Syndrom gibt: Bei einer solchen vorliegenden Diagnose liege die Abtreibungsrate bei 90 bis 95 Prozent. "Die Angst, ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt zu bringen, geht so weit, dass in 62 Prozent der Fälle sogar zu einem Zeitpunkt abgetrieben wird, wo das Kind schon lebensfähig wäre", schreibt Gerhardt. Kritiker befürchteten, dass mit der Einführung des sogenannten Praena-Tests die Abtreibungsrate noch steigen würde. Noch koste dieser Bluttest, der mit 99-prozentiger Sicherheit die Trisomien 13, 18 und 21 erkennen soll, 500 bis 900 Euro. Eine Übernahme dieser Kosten durch die Krankenkassen ist laut Gerhardt aber geplant. Der Druck auf werdende Eltern, die Schwangerschaft komplett durchleuchten zu lassen, steige immer weiter. "Die Schwangerschaft wird zur Zitterpartie zwischen Hoffen und Bangen anstatt zur Zeit der Vorfreude", schreibt die Autorin und benennt ein Problem: Mit der Orientierung an den Stärksten einer Gesellschaft, dem Aussortieren der Schwachen, würden Werte wie Menschlichkeit und Vielfalt verkauft. Theoretisch schon möglich, aber praktisch noch verboten, könne das gesamte Erbgut eines Fötus inzwischen schon in der 20. Schwangerschaftswoche entschlüsselt werden. Es wären so auch später im Leben auftretende Krankheiten erkennbar. "Vielleicht müssen wir uns in einigen Jahren entscheiden, ob wir ein Kind zur Welt bringen, dass an Rheuma, Diabetes oder Schizophrenie erkranken könnte", meint Gerhardt und fragt "Wollen wir das?".

In einem weiteren Artikel des Heftes geht es um die Reform der Eingliederungshilfe. Diese Reformierung der gesetzlichen Regelungen, die behinderten Menschen sichern, an der Gesellschaft teilzuhaben, stehe im Koalitionsvertrag, komme mit dem Bundesteilhabegesetz aber nicht so, wie seit Jahren gefordert und diskutiert. Gleicher Autor dieses Textes schreibt im Journal auch eine Grabrede auf die Inklusion. Dabei bedient sich Roland Frickenhaus der Ironie beziehungsweise des Sarkasmus, zeigt auf, dass in Kita, Schule und Beruf einiges schief läuft. Auch wenn der Themenmix des Heftes fachlicher Natur zu sein scheint, dürfte nicht nur eine Aussage wohl jeden Angehen: "Nicht mehr der Kranke ist Gegenstand der Medizin, sondern die Krankheit wird Gegenstand eines profitablen Wirtschaftsprogramm".

 

 

Infos zum und Bestellung des Journals unter 034204 702700.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.08.2015
Roland Heinrich

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