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Schkeuditz Schkeuditzerin erinnert sich an jüdische Klassenkameradin
Region Schkeuditz Schkeuditzerin erinnert sich an jüdische Klassenkameradin
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11:39 11.04.2016
Ruth Lipinski wurde 1921 als Ruth Freudenthal in Schkeuditz geboren. Mit Mali Goldberger ging sie bis 1936 in eine Klasse. Quelle: Foto: Roland Heinrich
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Schkeuditz

„Ich muss jetzt immer an Mali denken. Der Artikel hat die Erinnerung an meine Schulkameradin wieder hervorgebracht“, erzählte jetzt Ruth Lipinski. Die heute 94-Jährige wurde 1921 in Schkeuditz geboren und hatte in der LVZ über die jüdische Familie Goldberger gelesen. Für jene Familie, die Opfer des Nationalsozialismus wurde, sollen Anfang Mai erinnernde „Stolpersteine“ in der Schillerstraße verlegt werden.

Diese ersten „Stolpersteine“ in der Flughafenstadt sollen Bernhard und Golda Gusta Golberger sowie deren Tochter Chana erinnerndes Gedenken sein. Erst nach Bekanntwerden dieser Planungen – ebenfalls nach einem Artikel in der LVZ – und auch nach einem Leserhinweis stellte sich heraus, dass die 1914 geborene Chana Goldberger nicht das einzige Kind des Ehepaares war. Mit Mali und Esther Goldberger habe es entgegen der damaligen Nachforschungen noch zwei weitere Töchter gegeben.

„Ich bin in der Kirchstraße 11, an der Albanuskirche geboren. Die Straße heißt heute Albanusstraße und das Haus steht nicht mehr“, erzählte Ruth Lipinski, die damals noch Freudenthal hieß. „Ich bin mit Mali in eine Klasse gegangen, habe im Unterrichtsraum direkt hinter ihr gesessen“, erinnerte sich die heute in Leipzig-Lindenthal Lebende. „Dass Mali jüdischen Glaubens war, war in der Klasse gar nicht bekannt.

Mali wurde nie gehänselt

Zum ersten Mal haben wir davon etwas mitbekommen, als sie nicht in die BDM-Bewegung aufgenommen wurde“, sagte Ruth Lipinski. Der Bund Deutscher Mädel (BDM) war zu Nazi-Zeiten der weibliche Zweig der Hitlerjugend und schloss aus „rassischen Gründen“ in der damaligen Klasse nicht nur Mali von der Mitgliedschaft aus: „Bei uns war mit Antje van Broeveld auch ein Mädchen mit einem niederländischen Vater in der Klasse. Sie lebte in Schkeuditz bei ihren Großeltern. Wo ihre Eltern waren, wusste keiner“, erinnerte sich die Seniorin.

„Ich kann mich an keine Situation erinnern, in der Mali gehänselt wurde. Ihr Glaube spielte für uns keine Rolle. Wir waren eine gute Gemeinschaft und haben uns gegenseitig geholfen“, berichtete Ruth Lipinski. Mali habe zu ihr gesagt: „Ihr tragt jetzt das Hakenkreuz und ich trage den Davidstern.“ Dabei habe sie ihr ihre Kette mit Anhänger gezeigt.

In der Hofpause sei die kleine Schwester Esther immer zu Mali gekommen. „Beide hatten schönes schwarzes Haar. Wie mir Mali erzählte, hatte die große Schwester aber blonde Haare“, wusste Ruth Lipinski. Ihr Haar sei immer störrisch gewesen, weshalb sie keine damals üblichen Zöpfe getragen habe und zugegebener Maßen neidisch auf die Haare der beiden Mädchen gewesen sei.

Orangen waren etwas ganz Besonderes

„Für Aufsehen unter den Mitschülern sorgten Jaffa-Orangen, die Mali von ihrer älteren Schwester des Öfteren aus Jerusalem geschickt bekam. Damals waren Orangen etwas ganz besonderes“, erinnerte sich die Seniorin. Dies ist insofern eine bemerkenswerte Nachricht, weil bisherige Recherchen davon ausgingen, dass die ältere Schwester Chana Goldberger erst 1940 nach Haifa geflüchtet war.

Über die Schulzeit hinaus hat Ruth Lipinski mit Mali Goldberger aber keinen Kontakt gehabt. „1936 haben wir die Schule verlassen“, erzählte die 94-Jährige. Was mit Mali danach geschehen ist, konnte sie nicht sicher sagen: „Ich habe gehört, dass auch Mali nach Polen gekommen ist. Klassenkameraden wollten nach Kriegsbeginn in Polen nach ihr suchen. Ob sie sie gefunden haben, weiß ich nicht.“

„Mit welchem Recht können Menschen anderen Glaubens verfolgt und getötet werden?“, fragt Ruth Lipinski. Unfassbar sei das für sie. Die Erinnerungen an die Mitschülerin seien wieder frisch. Wenn es für Mali einen Stolperstein geben wird, will sie dafür spenden.

Von Roland Heinrich

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