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Schkeuditz Stolpersteine für die Schkeuditzer Familie Goldberger
Region Schkeuditz Stolpersteine für die Schkeuditzer Familie Goldberger
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00:37 04.07.2015
Günther Kümmel erzählt den Gymnasiasten von seiner Schulzeit. Der 86-Jährige hat dafür auch sein altes Zeugnis mitgebracht. Quelle: Roland Heinrich
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Schkeuditz

In Zusammenarbeit mit dem Erich-Zeigner-Haus in Leipzig luden sie den Schkeuditzer als Zeitzeugen ein.

Kümmel wurde 1929 in Schkeuditz geboren; "damit bin ich nach Adam Ries 86 Jahre", fügte er an. Was er schilderte waren zunächst die schulischen Zustände: "Ich bin 1936 auf die Volksschule gegangen. Wir hatten Holzbänke mit Tintenfass, an denen zwei Schüler saßen. Die weniger hellen Köpfe saßen näher an der Tafel, die Schlaueren saßen hinten. Neben der Tafel stand der Rohrstock". Den habe sein Lehrer Tümmel häufig benutzt. Zu Unterrichtsbeginn habe er Namen aufgerufen. Die Schüler bekamen, ohne zu wissen warum, vier bis fünf Hiebe verpasst, erzählte Kümmel. "Der Tümmel war ein Ober-Nazi", sagte er rückblickend.

Ziel des Geschichts-Projektes der Gymnasiasten ist es, in Schkeuditz sogenannte Stolpersteine verlegen zu lassen. Diese Stolpersteine sind kleine Messingtafeln in Pflastersteingröße, die an das Schicksal ermordeter, deportierter, vertriebener oder in den Suizid getriebener Menschen im Nationalsozialismus erinnern sollen. Sie werden vor der letzten frei gewählten Wohnstätte der betroffenen Person ins Pflaster eingelassen.

Inzwischen ist das Projekt so weit gediehen, dass es schon einen Zeitplan für die Verlegung gibt, verriet Henry Lewkowitz. Er ist Projektleiter und Zweiter Vorsitzender des Erich-Zeigner-Haus-Vereins. "Im Frühjahr nächsten Jahres wollen wir in der Robert-Koch-Straße Stolpersteine für die Familie Goldberger verlegen lassen", sagte er. Zuvor gilt es, Spendengelder einzutreiben. Dafür soll ein Flyer erarbeitet werden.

Für eine Verlegung auch in Schkeuditz - immerhin liegen Stolpersteine inzwischen in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas - waren bestimmte Informationen notwendig. Deshalb war die Projektgruppe im Staatsarchiv Merseburg, im Stadtarchiv Schkeuditz und recherchierte in Onlinearchiven über die jüdische Familie Goldberger aus der ehemaligen Wilhelmstraße, der heutigen Robert-Koch-Straße. Eine nicht unerhebliche Vorarbeit leistete auch Stadtmuseumsleiter Hans Neubert. Die Recherchen ergaben, dass das Geschäft der Eltern Bernhard Goldberger (Jahrgang 1889, Kolonialwarenhändler) und Golda Gusta Goldberger (geboren 1887) im September 1938 "arisiert" wurde und beide im Oktober 1938 im Rahmen der "Polenaktion" vermutlich in das Ghetto Tarnow deportiert wurden. Nur ihrer Tochter Hanna Goldberger gelang die Flucht im Jahr 1940 nach Haifa und sie überlebte als Einzige.

"Die Mutter war eine fröhliche und witzige Frau", erinnerte sich Kümmel, der sie aus Kindertagen kannte. An eine Begegnung mit der Tochter konnte er sich auch erinnern: "Sie kam uns eines Tages mit Bällen in der Hand entgegen, die sie jonglierte und sagte zu mir: 'Da staunst du, was? Kannst du ja auch mal probieren'." Ansonsten seien in das Kolonialwarengeschäft der Eltern auch SA-Leute gegangen, um einzukaufen. "Die gingen aber immer durch die Hintertür, um nicht entdeckt zu werden", berichtete Kümmel. Grund sei die Zeitung "Der Stürmer" gewesen.

Das war das schlimmste Nazi-Blatt, was es damals gegeben hatte, sagte der 86-Jährige. In dem Blatt seien Deutsche, die bei Juden eingekauft hatten, mit vollem Namen und Adresse veröffentlicht worden. Dadurch seien sie mit einem Kainsmal versehen gewesen. Ein Schaukasten, in dem "Der Stürmer" zum Nachlesen ausgehängt war, habe sich direkt gegenüber des Ladens der Goldbergers befunden. "Schräg gegenüber des Geschäftes hatte ein Deutscher einen Laden mit ähnlichem Sortiment. Als der Laden den Goldbergers weggenommen wurde, hatte der natürlich nichts dagegen", berichtete Kümmel.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.07.2015
Roland Heinrich

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