Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 11 ° wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Stolpersteine für die Schkeuditzer Familie Goldberger

Stolpersteine für die Schkeuditzer Familie Goldberger

"Ich muss Ihnen mal schildern, wie das damals war." So begann Günther Kümmel am Montag ein Gespräch mit Schülern des Gymnasiums Schkeuditz, die sich erstmals und in einem Projekt mit der Geschichte Schkeuditzer Juden während der Nazi-Zeit beschäftigen.

Voriger Artikel
Strick-Schick im Schkeuditzer Vorgarten
Nächster Artikel
Zahl der Straftaten stabil

Günther Kümmel erzählt den Gymnasiasten von seiner Schulzeit. Der 86-Jährige hat dafür auch sein altes Zeugnis mitgebracht.

Quelle: Roland Heinrich

Schkeuditz. In Zusammenarbeit mit dem Erich-Zeigner-Haus in Leipzig luden sie den Schkeuditzer als Zeitzeugen ein.

Kümmel wurde 1929 in Schkeuditz geboren; "damit bin ich nach Adam Ries 86 Jahre", fügte er an. Was er schilderte waren zunächst die schulischen Zustände: "Ich bin 1936 auf die Volksschule gegangen. Wir hatten Holzbänke mit Tintenfass, an denen zwei Schüler saßen. Die weniger hellen Köpfe saßen näher an der Tafel, die Schlaueren saßen hinten. Neben der Tafel stand der Rohrstock". Den habe sein Lehrer Tümmel häufig benutzt. Zu Unterrichtsbeginn habe er Namen aufgerufen. Die Schüler bekamen, ohne zu wissen warum, vier bis fünf Hiebe verpasst, erzählte Kümmel. "Der Tümmel war ein Ober-Nazi", sagte er rückblickend.

Ziel des Geschichts-Projektes der Gymnasiasten ist es, in Schkeuditz sogenannte Stolpersteine verlegen zu lassen. Diese Stolpersteine sind kleine Messingtafeln in Pflastersteingröße, die an das Schicksal ermordeter, deportierter, vertriebener oder in den Suizid getriebener Menschen im Nationalsozialismus erinnern sollen. Sie werden vor der letzten frei gewählten Wohnstätte der betroffenen Person ins Pflaster eingelassen.

Inzwischen ist das Projekt so weit gediehen, dass es schon einen Zeitplan für die Verlegung gibt, verriet Henry Lewkowitz. Er ist Projektleiter und Zweiter Vorsitzender des Erich-Zeigner-Haus-Vereins. "Im Frühjahr nächsten Jahres wollen wir in der Robert-Koch-Straße Stolpersteine für die Familie Goldberger verlegen lassen", sagte er. Zuvor gilt es, Spendengelder einzutreiben. Dafür soll ein Flyer erarbeitet werden.

Für eine Verlegung auch in Schkeuditz - immerhin liegen Stolpersteine inzwischen in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas - waren bestimmte Informationen notwendig. Deshalb war die Projektgruppe im Staatsarchiv Merseburg, im Stadtarchiv Schkeuditz und recherchierte in Onlinearchiven über die jüdische Familie Goldberger aus der ehemaligen Wilhelmstraße, der heutigen Robert-Koch-Straße. Eine nicht unerhebliche Vorarbeit leistete auch Stadtmuseumsleiter Hans Neubert. Die Recherchen ergaben, dass das Geschäft der Eltern Bernhard Goldberger (Jahrgang 1889, Kolonialwarenhändler) und Golda Gusta Goldberger (geboren 1887) im September 1938 "arisiert" wurde und beide im Oktober 1938 im Rahmen der "Polenaktion" vermutlich in das Ghetto Tarnow deportiert wurden. Nur ihrer Tochter Hanna Goldberger gelang die Flucht im Jahr 1940 nach Haifa und sie überlebte als Einzige.

"Die Mutter war eine fröhliche und witzige Frau", erinnerte sich Kümmel, der sie aus Kindertagen kannte. An eine Begegnung mit der Tochter konnte er sich auch erinnern: "Sie kam uns eines Tages mit Bällen in der Hand entgegen, die sie jonglierte und sagte zu mir: 'Da staunst du, was? Kannst du ja auch mal probieren'." Ansonsten seien in das Kolonialwarengeschäft der Eltern auch SA-Leute gegangen, um einzukaufen. "Die gingen aber immer durch die Hintertür, um nicht entdeckt zu werden", berichtete Kümmel. Grund sei die Zeitung "Der Stürmer" gewesen.

Das war das schlimmste Nazi-Blatt, was es damals gegeben hatte, sagte der 86-Jährige. In dem Blatt seien Deutsche, die bei Juden eingekauft hatten, mit vollem Namen und Adresse veröffentlicht worden. Dadurch seien sie mit einem Kainsmal versehen gewesen. Ein Schaukasten, in dem "Der Stürmer" zum Nachlesen ausgehängt war, habe sich direkt gegenüber des Ladens der Goldbergers befunden. "Schräg gegenüber des Geschäftes hatte ein Deutscher einen Laden mit ähnlichem Sortiment. Als der Laden den Goldbergers weggenommen wurde, hatte der natürlich nichts dagegen", berichtete Kümmel.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.07.2015
Roland Heinrich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Schkeuditz
  • Gutes von hier

    Das regionale Schaufenster mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Leipziger Raum - von traditionell bis innovativ. Gutes von hier eben! mehr

  • Auf dem Lutherweg

    Spannende Entdeckungsreise mit Martin Luther: Die LVZ pilgert zum Jubiläumsjahr der Reformation 2017 auf dem Lutherweg. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

24.05.2017 - 06:48 Uhr

Die Grün-Weißen müssen ausgerechnet zu Klassenprimus Naunhof. Neukirchen will gegen Bennewitz punkten.

mehr
  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Sehen Sie hier einen Rückblick auf das LVZ Sommerkino im Scheibenholz vom 14. Juli - 3. August 2016. mehr