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Aus Kneipe „Linde“ in Cradefeld wird Wohnhaus für junge Familie

Richtfest Aus Kneipe „Linde“ in Cradefeld wird Wohnhaus für junge Familie

Letztes Wochenende floss in der „Linde“ in Cradefeld das Bier in Strömen. Doch wer jetzt glaubt, die ehemalige Dorfkneipe „Zur Linde“ hat neu geöffnet, der irrt. Zwar steht noch wie in früheren Zeiten der hohe, gut 120 Jahre alte Lindenbaum vor dem Gebäude Nummer 20, doch eine Gaststätte wird es hier nicht mehr geben.

Die namensgebende Linde in der Cradefelder Dorfstraße ragt noch ins Bild, auf dem Rolandsbrüder mit dem Bauherren Mathias Kluge (vorn Zweiter von rechts) anlässlich des Richtfestes zu sehen sind

Quelle: Olaf Barth

Cradefeld. Das Bier wurde anlässlich eines dennoch freudigen Anlasses ausgeschenkt: Die junge Familie des Bauherrn Mathias Kluge hatte zum Richtfest eingeladen und viele Gäste, darunter zahlreiche Handwerker aus der 1891 gegründeten Gesellenvereinigung Rolandsschacht, waren gekommen.

Mehr als 170 Jahre zählt das Haus im Tauchaer Ortsteil. 1891 war es offiziell als Dorfkneipe angemeldet worden, weiß der Bauherr aus den Unterlagen. Ältere Cradefelder schwärmen heute noch von den gemütlichen Abenden bei Kartenspielen und Diskussionen in der „Linde“, dem dörflichen Treffpunkt nach der Arbeit und am Wochenende zum Frühschoppen. Die Raucherluft war zum Schneiden dick, Bier und Speisen kamen prompt. Offiziell geöffnet war bis Silvester 1999, danach hatte Taucha eine Kneipe weniger. Fünf Jahre später verkaufte Wirtin Rita Fritzsche das Haus an ihren Neffen – den Zimmermann Mathias Kluge.

Kneipe ist ein Stück Familiengeschichte

Für den Tauchaer blieb damit nicht nur ein Stück Familiengeschichte in der eigenen Hand, sondern auch ein Quartier, das von 1990 bis 1999 als „Bude“ ein deutschlandweit ausgewiesener Treffpunkt des Rolandsschachtes war. Der 38-Jährige gehört selbst dieser Bruderschaft an, war ebenfalls drei Jahre fernab der Heimat als Wandergeselle unterwegs.

Die lehrreiche Zeit, auch „Tippelei“ genannt, führte ihn unter anderem nach Südafrika, Brasilien, Spanien und Dänemark. Er weiß, wie wichtig es ist, bei Wohlgesonnenen ein Dach über dem Kopf zu finden. Und so steht bis heute die einstige „Linde“ durchreisenden Rolandsbrüdern als Unterkunft zur Verfügung. „Dieser Status nennt sich dann aber nicht mehr ,Bude’, sondern ,Platte’“, erklärte Kluge die internen Begifflichkeiten.

In Taucha fand 2015 das Treffen der Rolandsbrüder statt

Als „Ehrbarer Altgeselle der Leipziger Gesellschaft des Rolandsschachtes“ hatte Kluge 2015 in Taucha das deutschlandweite Mai-Treffen der Rolandsbrüder mit organisiert und deshalb besonders viele Handwerker beherbergt. Die waren nicht nur bereit, ihm in der Zeit beim Aus- und Umbau des alten Gebäudes zu helfen. Vielmehr ist ihnen auch zu verdanken, dass Tauchas Stadtpark-Aussichtspunkt „Bastei“ jetzt wieder in neuem Glanz erstrahlt. Im Gegenzug wurden die Rolandsbrüder von der Stadtverwaltung bei der Ausrichtung ihres Treffens auf dem Rittergutsschloss unterstützt (die LVZ berichtete).

Beginnend mit dem Erwerb des Wirtshauses vor zwölf Jahren läuft Schritt für Schritt der Umbau: Heizung, Elektrik, Außenanlagen, Abwasser. In diesem Jahr nun wurde das marode Gebäude oberhalb des Erdgeschosses komplett abgerissen – inklusive Teile des alten Saales und einer Räucherkammer. „Anfangs wollte ich wieder eine Gastwirtschaft einrichten.

Doch bei den heutigen Vorschriften und behördlichen Anforderungen bezüglich Parkplätzen und Lärmschutz sowie den nachbarschaftlichen Einwänden ist das angesichts der örtlichen Gegebenheiten leider nicht mehr möglich“, begründete Kluge das endgültige Aus für die „Linde“. Jetzt wird das Haus für ihn, seine Lebensgefährtin Annika Kaiser (35) sowie die beiden Kinder Emma (6) und Paul (2) zum schönen Heim mit einer Einlieger-Wohnung zum Vermieten.

Wiederaufbau ausschließlich aus Holz

Der nach dem Abriss gestartete Wiederaufbau erfolgte nicht nur beim Dachstuhl ausschließlich aus Holz. Auch jede Innen- und Außenwand der beiden neu aufgebauten Etagen besteht aus diesem Rohstoff. „Wir haben nicht einen Stein in die Hand genommen“, sagte der Zimmermann stolz. Neben bezahlter Arbeit steckt viel Eigenleistung in dem Bau sowie die Kraft familiärer Unterstützung, wie zum Beispiel von Vater Günter.

Dass der inzwischen im Ruhestand befindliche Maurer ausgerechnet beim eigenen Sohn keine neue Wand hochziehen durfte, nimmt er mit Gelassenheit zur Kenntnis und bepinselt eben stattdessen Holzlatten mit einer Schutzlasur. Dafür hatte er beim Abriss genug uralte Ziegelsteine in der Hand. Zig Container wurden damit beladen. Und nebenbei kamen, wie so oft bei älteren Gebäuden, einige Kostbarkeiten und Kuriositäten unter Dielen oder hinter Fenster- und Türrahmen zum Vorschein. Zum Beispiel eine Karo-Zigarettenverpackung – mit noch zwei Kippen drin, echt DDR. Oder auch eine LVZ-Quittung aus dem Jahr 1913.

Von solchen Funden auch auf anderen Baustellen profitiert gelegentlich ein mit Kluge bekannter Journalist. So hängt in dessen Flur bereits eine eingerahmte Original-LVZ-Titelseite vom 21. Januar 1911 Auch die hatte als Füllstoff unter einem Fußboden gesteckt.

Von Olaf Barth

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