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Blut rinnt Richtung Publikum - Schaudern und Entzücken mit Henner Kotte und Stefan Haffner

Blut rinnt Richtung Publikum - Schaudern und Entzücken mit Henner Kotte und Stefan Haffner

Der eine schreibt Krimis aus dem heutigen Leipzig, der andere aus dem Leipzig nach der Völkerschlacht; der eine trägt laut und dialogstark fast wie gespielt vor, der andere liest eher leise und beschreibend; der eine mag Bier, der andere einen kleinen „Braunen“: Gegensätzlicher hätten Henner Kotte und Stefan Haffner als Autoren bei einer Lesung nicht sein können.

Taucha. Und doch harmonierten sie bei „Leipzig liest in Taucha“ am Donnerstagabend im ausgebuchten Café esprit und warfen sich die Stichworte nur so zu. Was vielleicht auch den Zuhörern lag. Bis auf einen Mann waren ausschließlich Frauen erschienen. „Wir haben ja einen Ruf“, feixte Kotte. „Frauen lesen statistisch gesehen eben mehr als Männer“, assistierte Haffner. „Und vor allem Krimis.“ Geradezu blutrünstig startete Kotte seinen neuesten Roman „Augen für den Fuchs“. Hans-Jürgen Rüstau vom Kunst- und Kulturverein hatte schon bei der Einleitung die Damen gebeten, von der Bühne abzurücken, „wenn das Blut gleich spritzt“. Und so floss ein immer stärker werdendes Rinnsal verbalen Blutes von der Bühne in den Raum, als Kotte den bestialischen Mord an seiner Figur Maria aus Sicht des sadistischen Täters erzählte. Schauderhaft – literarisch aber entzückend. Haffner wirkte dagegen zunächst blass. Bis seine Geschichte „Kindermund“, die 1845 rund ums städtische Irren-Kranken-Zuchthaus St. Georgen spielt, Fahrt aufnahm und sein Nachtwächter Johann Möbius ausführlich von dem langen Schrei erzählte, den ein Junge beim Flug aus dem Fenster über ihm tat, bevor er auf dem Boden vor ihm zerschellte. Stille im Café, Betroffenheit, Haffner hatte seine Publikum gepackt. „Och a bisserl furchtbar“, fasste Kotte zusammen. In alten Zeitungen recherchiere er für Hinweise auf das damalige Leben, plauderte Haffner, von Beruf Geschichte- und Sportlehrer. Kotte gestand, schon mal Speisekarten abgeschrieben zu haben, „bloß damit alles stimmt.“ Schließlich sei nichts schlimmer für einen Krimischreiber, als einen Fehler zu machen. Die Krimis beider Autoren spielen rund um Krankenhaus/Nervenanstalt. Die Autoren entdeckten aber noch mehr Gemeinsamkeiten. Hass, Liebe, Neid – „es sind die selben universalen Themen, über die wir schreiben“, fand Haffner. Er entwerfe vorher Szenen, „aber manchmal entwickeln die Figuren auch ein Eigenleben“, sagte er. „Verstecken sich Deine Täter auch manchmal dort, wo Du sie nicht suchst?“, fragte er Kotte. So ging es muntere, blutrünstige zweieinhalb Stunden, in der die Gäste auch erfuhren, dass Haffner seine Krimi-Trilogie beendet. „1000 Seiten sind genug“, sagte er. Er habe noch andere Pläne, als historische Krimis zu schreiben. So wolle er Musik machen und einen Wendekrimi verfassen über eine Figur á la Jürgen Schneider.

Jörg ter Vehn

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